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Schmalzbrote und Flaschenbier

Es war Mitte Dezember 1967. "Ich lad‘ dich zum Bier in den Club Voltaire ein", sagte Ralf, Erstsemester wie ich und mein Nachbar im Jugendwohnheim mit den winzigen Altbau-Zimmern, die höher als breit waren.
Ein Foto aus den Anfangsjahren des Club Voltaire. Richtig brav sehen die jungen Leute aus. Walle-Bärte und -Mähnen kamen erst später. Ein Foto aus den Anfangsjahren des Club Voltaire. Richtig brav sehen die jungen Leute aus. Walle-Bärte und -Mähnen kamen erst später.
Frankfurt. 

Es war Mitte Dezember 1967. "Ich lad‘ dich zum Bier in den Club Voltaire ein", sagte Ralf, Erstsemester wie ich und mein Nachbar im Jugendwohnheim mit den winzigen Altbau-Zimmern, die höher als breit waren. Ich war gerade 19 geworden, sah mit meinen kurzen Haaren aus wie 17 und hatte mit dem Wintersemester mein Germanistik-Studium begonnen. Natürlich waren die Nebenfächer Politik und Soziologie ein Muss, denn an der Goethe-Uni lehrten damals Berühmtheiten wie Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, Alexander Mitscherlich und Iring Fetscher. Auch SPD-Vordenker Carlo Schmid, gemeinsam mit CDU-Legende Konrad Adenauer in der Nachkriegszeit Wegbereiter unserer parlamentarischen Demokratie, hielt in Frankfurt Vorlesungen – das allerdings zu einer extrem ungünstigen Zeit für Studenten, nämlich Montagmorgen um acht.

Ich hatte schon viel vom Treffpunkt der Linken in der Kleinen Hochstraße gehört. An jenem Tag im Dezember 1967 war ich zum ersten Mal drin. Der Club hatte wenige Tage zuvor sein fünfjähriges Bestehen gefeiert – noch ganz unter dem Eindruck eines Anschlags am 27. November, einem Montag. Unbekannte hatten einen Molotowcocktail in das Lokal geworfen, der Sachschaden blieb mit etwa 1000 Mark zum Glück gering. War‘s die rechte Szene? Der Verdacht lag nahe. Doch dann stellte sich heraus, dass es gar keinen politischen Hintergrund gab: Ein paar Rocker hatten sich geärgert, weil ihnen im Club kein Bier mehr ausgeschenkt worden war, und sich gerächt.

Hinterm Tresen stand damals die resolute Else Gromball, ohne die rund 30 Jahre lang im Club Voltaire nichts ging, wenn Bier, Schmalzbrote usw. gefragt waren. 77 ist sie heute und natürlich bei den Jubiläumsfeiern mitten drin.

Ralf und ich ließen uns an jenem Dezembertag 1967 von ihr zwei Flaschen Bier geben und setzten uns an einen kleinen Tisch gleich neben der Theke. An diesem Abend war‘s ruhig hier, denn es stand keine Veranstaltung auf dem Programm. Am Nachbartisch spielten zwei bärtige Männer Schach. Ziemlich verqualmt war der Raum, obwohl gar nicht viele Leute da waren. Einige hatten sich in Zeitungen oder Zeitschriften vertieft. Von denen gab‘s im Club eine breite Auswahl vom SED-Zentralorgan Neues Deutschland bis hin zum Bayernkurier. An der Theke wurde über den Tod von Benno Ohnesorg bei der Anti-Schah-Demonstration in Berlin diskutiert – der Auslöser für die 68er Studentenrevolten.

Um dieses Thema ging‘s auch bei meinem zweiten Besuch im Club Voltaire. Diesmal erlebte ich ihn ganz anders. Etwa 100 Leute fasste der Saal, doch mindestens doppelt so viele wollten rein. Ich stand ganz hinten in einer Ecke an die Wand gepresst und bekam kaum noch Luft vor Qualm und Enge

Die großen Debatten jener Zeit gingen nicht im Club Voltaire über die Bühne, sondern in den großen Hörsälen der Uni. Dort wurde stundenlang diskutiert, wurden am Ende Sit-ins, Talk-ins, Teach-ins usw. vereinbart. Bei den Demos war meistens auch Rudi Dutschke dabei – der Studentenführer war fast ebenso oft in Frankfurt wie in Berlin. Mit entschlossenem Blick stellte er sich in die erste Reihe, hakte sich bei den Nachbarn unter, dann ging‘s los, mitunter im Laufschritt. Ab und zu sprach Dutschke auch im Club Voltaire. Hier lasen Anna Seghers, Christa Wolff und Gerhard Zwerenz, hier diskutierte "Dynamit-Rudi" Arndt mit Fritz Dietz von der IG Alte Oper über die Zukunft des Konzerthauses.

Ralf und ich haben es zum Teil dem Club Voltaire zu verdanken, dass wir unser Studium trotz aller Demos und Debatten abgeschlossen haben. In den letzten Semester-Wochen saßen wir häufig in der Kleinen Hochstraße, diskutierten über unsere Hausarbeiten und gaben ihnen den letzten Schliff. Wir brauchten die Noten, um weiterhin Bafög-Unterstützung zu bekommen – und schufen damit gleichzeitig die Voraussetzungen fürs Examen. Auf das Bafög-Geld waren wir dringend angewiesen. Auch, um uns mal ein Bier im Club Voltaire leisten zu können.

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