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Schnittlauch-Reichtum reicht nicht für den Titel

Hätten Sie es gewusst? In Frankfurt wachsen 120 seltene Pflanzenarten, die besonders geschützt werden. Dazu gehört auch der Schnittlauch.

Hätten Sie es gewusst? In Frankfurt wachsen 120 seltene Pflanzenarten, die besonders geschützt werden. Dazu gehört auch der Schnittlauch. Der Schnittlauch? Den Eindruck, dass es sich bei dem unverzichtbaren Bestandteil der Grünen Soße um eine Rarität handelt, kann man zumindest beim Betrachten des Films gewinnen, mit dem die Stadt im Wettbewerb um die "Grüne Hauptstadt Europas" für sich wirbt. Bei der Erwähnung "seltener Pflanzen" werden jedenfalls violett blühende Gartenkräuter eingeblendet. Ob Planungsdezernent Olaf Cunitz und Umweltdezernentin Manuela Rottmann (beide natürlich Grüne) bei der Präsentation der Frankfurter Bewerbung vor der Jury in Brüssel auf den üppig vorhandenen Schnittlauch hingewiesen haben – natürlich auf Englisch ("We have plenty of chives")? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Die beiden Stadträte fühlten sich vor der Reise nach Brüssel wie vor einer Prüfung, die Juristin Rottmann sprach gar vom "dritten Staatsexamen auf Englisch". Cunitz paukte vorher noch Fachbegriffe wie "sustainable urban development" (nachhaltige Stadtentwicklung) oder "densification of inner-city areas" (Nachverdichtung innerstädtischer Gebiete).

Ob’s etwas geholfen hat? "Frankfurt hat eine ehrliche Bewerbung abgegeben und sich nicht als Ökotopia dargestellt", sagte Cunitz in dieser Woche nach der Rückkehr aus der EU-Zentrale. Der Werbefilm beschönigt nichts, es sind auch landen Flugzeuge zu sehen und zu hören. Für die Flughafenausbaugegner ist das allein Grund genug, dass Frankfurt nicht Europas Umwelthauptstadt werden kann. Sie sind deshalb ebenfalls in Brüssel vorstellig geworden. Mit Fragen zum Thema Fluglärm wurde dann auch die offizielle Delegation aus Frankfurt konfrontiert. In der Bewerbung wird beim Lärmschutz allerdings nur auf den geplanten Modellversuch mit einem nächtlichen Tempolimit von 30 km/h hingewiesen.

Frankfurt hat in dem Wettbewerb immerhin bereits Städte wie Brüssel, Rotterdam und Wien aus dem Rennen geschlagen. Verbliebene Konkurrenten sind Kopenhagen und das englische Bristol. Die Jury hat möglicherweise schon entschieden, bekanntgegeben wird die neue Umwelthauptstadt aber erst am 29. Juni.

National gesehen ist Frankfurt nicht die Umwelthauptstadt. Im Nachhaltigkeits-Ranking der Zeitschrift Wirtschaftswoche (bei dem es nicht nur um Ökologie, sondern auch um Ökonomie geht) landet die Mainmetropole zwar auf Platz 8 und damit deutlich vor der Hansestadt Hamburg, die im vergangenen Jahr Europas Umwelthauptstadt war. Allerdings: In den Umwelt-Kategorien Luftqualität, Flächenmanagement und Abfallwirtschaft schneidet Frankfurt schlecht ab, kommt nur auf Platz 34. Besonders negativ fällt den Autoren der an der Universität Kiel erstellten Studie die hohe Belastung der Luft mit Stickstoffdioxid auf.

Überraschend ist angesichts der aktuellen Haushaltskrise das gute Abschneiden in der Kategorie öffentliche Finanzen: Hier landet Frankfurt auf Platz 3. Dieses Ergebnis könnte Wasser auf den Mühlen derjenigen sein, die der Meinung sind, dass die Stadt gar nicht sparen muss. Es ist schon schwer genug, die Ausgaben nicht weiter zu erhöhen. Die Begehrlichkeiten sind hoch, vor allem wegen der Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst. Städtische Einrichtungen und Zuschussempfänger müssen die Mehrkosten in der Regel aus eigener Kraft erwirtschaften. Die Städelschule zum Beispiel, das wurde in dieser Woche deutlich, kämpft deshalb mit erheblichen finanziellen Problemen. Stadtverordnete fürchten, dass auch bei anderen kulturellen Einrichtungen Begehrlichkeiten geweckt werden, wenn wie geplant für die Städtischen Bühnen eine Ausnahme von der Deckelung des Budgets gemacht wird.

Sollte Frankfurt Europas Umwelthauptstadt werden, wird sich dadurch die finanzielle Lage übrigens nicht unbedingt verbessern. Es handelt sich nämlich um einen Titel ohne Mittel. Frankfurt kann sich dann weiter nur am Schnittlauch-Reichtum erfreuen.

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