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Frankfurt historisch: Schreckensnacht 1867: Als der Kaiserdom wie eine Fackel loderte

Von Es war die schrecklichste Tragödie in der fast 800-jährigen Geschichte des Frankfurter Kaiserdoms: Vor 150 Jahren, in der Nacht zum 15. August 1867, vernichtete ein Feuer den Turm und das Dach der Stadtpfarrkirche St. Bartholomäus. Fünf Menschen starben, 17 Häuser brannten nieder.
Das Schreckensszenario des Dombrandes hat der Frankfurter Maler und Zeichner Johann Heinrich Hasselhorst (1825–1904) auf dieser Lithographie festgehalten. Der Künstler war Zeichenlehrer in der renommierten Städelschule. Das Schreckensszenario des Dombrandes hat der Frankfurter Maler und Zeichner Johann Heinrich Hasselhorst (1825–1904) auf dieser Lithographie festgehalten. Der Künstler war Zeichenlehrer in der renommierten Städelschule.
Frankfurt. 

Wieder ging ein brütend heißer Augusttag zu Ende. In der dicht bebauten Frankfurter Altstadt wurde die Hitze immer unerträglicher, auch der kräftige Wind, der am Abend aufkam, brachte keine Abkühlung. Er sorgte aber dafür, dass die Fahnen hoch oben am Domturm heftig wehten. Das Gotteshaus war festlich geschmückt, denn am nächsten Tag wurde Mariä Himmelfahrt gefeiert, zugleich der Tag des Kirchweihfestes.

Foto mit der dicht bebauten Altstadt, von Carl Friedrich Mylius vom Turm der Paulskirche aus aufgenommen ein Jahr vor dem Brand des Doms. Bild-Zoom
Foto mit der dicht bebauten Altstadt, von Carl Friedrich Mylius vom Turm der Paulskirche aus aufgenommen ein Jahr vor dem Brand des Doms.

Der neue Organist des Doms, Carl Heinrich Hartmann, ging an diesem Abend früh ins Bett, denn ihm stand ein anstrengender Tag bevor. Der erst 18-Jährige war zum Nachfolger des Organisten Philipp Jakob Großmann ernannt worden, der drei Tage zuvor im Sonntagsgottesdienst einen Schlaganfall erlitten hatte und wenige Stunden später im Alter von nur 34 Jahren gestorben war. Hartmann hatte an diesem Mittwoch im Requiem für Großmann zum ersten Mal die prächtige, erst zehn Jahre alte Domorgel des berühmten Orgelbauers Eberhard Friedrich Walcker (Ludwigsburg) gespielt.

Beim Wiederaufbau in den 1870er Jahren erhielt der Turm seine heutige Spitze und ist seitdem 95 Meter hoch (vorher 72 Meter). Bild-Zoom Foto: rr (Frankfurt-Picture, Rainer Rüffe)
Beim Wiederaufbau in den 1870er Jahren erhielt der Turm seine heutige Spitze und ist seitdem 95 Meter hoch (vorher 72 Meter).

Doch gegen 1.45 Uhr war’s für Hartmann schon wieder vorbei mit der Nachtruhe. Sturmglocken, pausenlose Alarmrufe des Turmwächters („Feuer Fahrgaß“) und der glutrote Himmel machten ihn schlagartig wach. Hartmanns Mutter stieg auf den Dachboden, um zu sehen, was los war. Noch auf der Treppe schrie sie: „Um Himmels willen, welch ein Unglück, Kinder, der Dom brennt!“

Feuerwehr war machtlos

In seinen Lebenserinnerungen schildert Hartmann, wie das Feuer rasend schnell vom Kirchendach auf den Turm übersprang, der alsbald wie eine riesige Fackel loderte. Die Feuerwehr musste machtlos zusehen, wie der traditionsreiche Wahl- und Krönungsort vieler Kaiser des deutsch-römischen Reiches abbrannte, denn so weit hinauf reichten ihre Feuerspritzen nicht. In der Höllenhitze schmolzen viele der zwölf Glocken aus dem 15. Jahrhundert, die anderen stürzten samt Balken und Mauerteilen mit Getöse hinab. Auch die nahe am Turm stehende Orgelempore donnerte mit dem wertvollen Instrument in die Tiefe des Kirchenschiffs. Der starke Funkenflug setzte in der Umgebung insgesamt 17 Häuser in Brand.

Dieses Foto wurde als „Baustein“ für den Wiederaufbau verkauft. Die Zeichnung von J. Hitzler zeigt das Gasthaus, in dem der Brand ausbrach. Bild-Zoom
Dieses Foto wurde als „Baustein“ für den Wiederaufbau verkauft. Die Zeichnung von J. Hitzler zeigt das Gasthaus, in dem der Brand ausbrach.

Am frühen Morgen gegen fünf Uhr war der Domturm nur noch ein schwarzes Gerippe. Der Frankfurter Journalist, Verleger und Mundartdichter Friedrich Stoltze beschrieb die Szene so: „Da steht err jetz so leichehaft, so stumm, es dhut ääm schauern.“ Stoltze war auf der Sachsenhäuser Mainseite Augenzeuge des Brandes.

Der damals 50-jährige Schriftsteller und Satiriker wohnte im Hühnerweg und verfolgte, wie viele andere Schaulustige, stumm vor Entsetzen die Katastrophe. Im Gedicht „Der Pfarrthurmbrand“ hat er Worte für das Entsetzliche gefunden: „O Schreckensnacht! Ich habb empor gestarrt, zu Tod erschrocke, es licht merr immer noch im Ohr der Wehlaut von de Glocke.“

Der eingerüstete Dom 1870. Ein Jahr zuvor hatte der Wiederaufbau begonnen. Neu war der Eiserne Steg: Er wurde 1868 gebaut. Bild-Zoom
Der eingerüstete Dom 1870. Ein Jahr zuvor hatte der Wiederaufbau begonnen. Neu war der Eiserne Steg: Er wurde 1868 gebaut.

Stoltze war im Gasthaus „Zum Rebstock“ neben dem Dom aufgewachsen, kannte im Kirchturm jeden Winkel. Als die Glocken in der Hitze schmolzen und die Bronze den Turm hinabfloss, war’s für ihn „als dhet mei Jugendglick mir aus dem Herze blute“. Stoltzes Erbe wird im September 2018 dort seine neue Adresse haben, wo der junge Friedrich seine aufregende Kindheit erlebte: Das Stoltze-Museum der Frankfurter Sparkasse zieht in zwei Häuser der neuen Altstadt, die „Goldene Waage“ und das Haus „Weißer Bock“.

Der Organist Hartmann schildert in seinen Aufzeichnungen, wie der Brand entstanden sein soll. Demnach hatten zwei Frauen – Mutter und Tochter – im „lustigen Dorf“ Bornheim am „Bernemer Mittwoch“ das Ende der Kerb gefeiert und waren eine knappe Stunde nach Mitternacht in ihre Mansardenwohnung in der Bierbrauerei und Gastwirtschaft von Joseph Müller an der Ecke Fahrgasse / Garküchenplatz zurückgekehrt. Beim Ausziehen sollen sich ihre Tanzkleider am offenen Licht entzündet haben. In Windeseile standen die Möbel in Flammen, kurz darauf auch die hölzerne Treppe. Schnell griff das Feuer auf das Hopfenlager im Dachboden über. Brennende Hopfenbündel wurden vom starken Wind wie Feuerkugeln die gut 100 Meter bis zum Domdach getragen und steckten dort Bretter des Schneefangs in Brand.

In den Tod gesprungen

Weil den beiden Frauen in ihrer Wohnung der Fluchtweg abgeschnitten war, sprangen sie aus dem Fenster – in den Tod. Der Brand forderte drei weitere Todesopfer: In der Gaststätte kam der Zapfjunge in den Flammen um, in der Wohnung des Turmwächters wurden die Leichen zweier junger Männer gefunden: Der eine war Gehilfe des Türmers, der andere ein Mechaniker jener Firma, die Tage zuvor den Feuertelegraphen in der Türmerwohnung angeschlossen hatte.

Der ausgebrannte Kreuzgang vor dem nördlichen Turmportal Bild-Zoom
Der ausgebrannte Kreuzgang vor dem nördlichen Turmportal

Für die Frankfurter Bürger war die Brandkatastrophe ein böses Omen, denn just für diesen Tag hatte der preußische König Wilhelm I. seinen Antrittsbesuch in Frankfurt angekündigt. Ein Jahr zuvor hatten die verhassten Preußen Frankfurt besetzt und annektiert – das Ende der einst so stolzen Freien Stadt. Kein Wunder, dass der König am Bahnhof nicht mit den sonst gewohnten Hochrufen empfangen wurde. Stoltze kommentiert die Situation in seinem „Dombaulied“ so: „Alles, was uns lieb und theuer, was uns heilig, hoch und werth: Unsere Tempel fraß das Feuer, unsere Freiheit fraß das Schwert.“ Doch seine Majestät zeigte sich versöhnlich. Nach einem Besuch in der Brandruine versprach Wilhelm I. großzügige finanzielle Hilfe für den Wiederaufbau des Doms. Und als dann der Guss neuer Glocken anstand, spendierte der König 13 Tonnen Bronze. Das Material stammte von Geschützen, die im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erbeutet worden waren. Mit dem Guss der neuen Glocken, allen voran die fast zwölf Tonnen schwere Gloriosa, wurde im Jahr 1877 der Dresdner Glockengießer Hermann Große beauftragt. Dieses Geläut hängt noch heute im Domturm.

Nur wenige Wochen nach dem Brand wurde ein Dombauverein gegründet, der Spenden sammelte und Erinnerungsstücke wie Münzen, Tischglocken und Mini-Dome aus der Bronze der geschmolzenen Glocken verkaufte. Mit dem Wiederaufbau wurde 1869 der Regensburger Dombaumeister Franz Joseph Denzinger beauftragt. Auf der Basis der Original-Zeichnungen von Madern Gerthener aus dem 15. Jahrhundert baute er den Turm so, wie der Stadtbaumeister der Freien Stadt ihn ursprünglich geplant hatte. Aus finanziellen Gründen war der Turm unvollendet geblieben und im Jahr 1514 mit einer Notkuppel geschlossen worden. Am 6. Oktober 1877 wurde der Schlussstein des Kreuzes auf dem neuen Turm gesetzt, der erste Gottesdienst nach dem Wiederaufbau wurde am 14. April 1878 (Palmsonntag) gefeiert.

Der junge Organist Carl Heinrich Hartmann ging damals, wenige Stunden nach der Brandkatastrophe, in den Dom, um zu sehen, was von seiner Orgel übrig geblieben war. Gefunden hat er ein kleines Stück Zinn von einer geschmolzenen Orgelpfeife, ein Porzellanplättchen eines Registers und Reste eines Notenheftes. Bis zu seinem Tod – Hartmann starb im Jahr 1937 im Alter von 88 Jahren – besaß er diese Erinnerungstücke. Hartmann sagte: „Bei ihrem Betrachten leben die Schrecken dieser Nacht neu auf.“

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