Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 10°C

Projekt an der Weißfrauenschule: Schüler als Streitschlichter

Von In der Streitschlichter AG der Weißfrauenschule, einer Förderschule für Sprachheilförderung, lernen Kinder, wie man Konflikte so löst, dass alle Streitparteien zufrieden sind. Gestern trafen sie Experten der Mediationszentrale.
In Rollenspielen lernen David und Amelie (stehend) sowie Alice und Yasmin (knieend bzw liegend), wie man eingreift, um auf dem Schulhof eventuelle Meinungsverschiedenheiten zu schlichten.	Fotos: Lyding Foto: Heike Lyding In Rollenspielen lernen David und Amelie (stehend) sowie Alice und Yasmin (knieend bzw liegend), wie man eingreift, um auf dem Schulhof eventuelle Meinungsverschiedenheiten zu schlichten. Fotos: Lyding
Bahnhofsviertel. 

Amelie (10) will ein Vorbild sein. Mitschüler, Freunde und ihre Brüder stritten häufig, erzählt sie. Die Konfliktlösung will sie aber nicht nur Lehrern oder Eltern überlassen, sondern selbst eingreifen. „Manchmal ist es schwer, zu schlichten. Da muss man sehen, dass man eine gute Lösung findet.“

Ähnlich sieht das auch Meriem (12): „Es ist wichtig, dass man weiß, wie Streitlösung funktioniert“, sagt sie. Mitschülerin Aline (12) nickt und fügt an: „Ich streite selbst oft. Jetzt will ich lernen, wie man mit Provokation und Wut umgeht.“

Alle drei Mädchen besuchen die Streitschlichter AG der Weißfrauenschule, einer Förderschule für Sprachheilförderung in der Gutleutstraße. Insgesamt bereiten sich seit Februar neun Kinder auf die schwierige Aufgabe vor, ab dem neuen Schuljahr als Mediatoren für ihre Mitschüler aufzutreten. AG-Leiterin Emilia von Senger (27) berichtet, auf dem Pausenhof habe es immer wieder Streitereien zwischen den insgesamt 380 Schülern gegeben, welche diese dann im Unterricht klären wollten. „Dadurch fällt aber kostbare Zeit weg“, sagt von Senger. Nach den Sommerferien sollen diese Konflikte deshalb von den Nachwuchs-Mediatoren in einem eigenen Raum besprochen werden – noch während der Pause.

 

Rollenspiele als Übung

 

Bis dahin lernen die Schüler, worauf es ankommt: In Rollenspielen und Gruppenarbeit wird Empathie eingeübt, wie man zuhört, beobachtet, ein Gespräch führt. Weil auch Mut und Selbstbewusstsein zu einem Mediator gehören, meint von Senger, gilt es sogenannte „Yellow Hat“-Aufgaben zu meistern: „Wenn Schüler bildlich den gelben Hut aufsetzen, trauen sie sich an größere Herausforderungen heran.“

Im Bahnhofsviertel trainierten die Schüler zum Beispiel ihren Mut, indem sie Fremde für Interviews ansprachen. Gerade für die Kinder der Weißfrauenschule, die mit sprachlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, stelle eine rhetorisch anspruchsvolle Streitschlichtung eine „sehr große Herausforderung“ dar. Konfliktlösung, so von Senger, sei aber als Sprachübung gut geeignet, weil man mit Worten zwar streite — Konflikte aber auch mit Worten löse.

Dass Streitschlichtung aber ohnehin eine sprachliche Herausforderung für jedermann darstellt, erfuhren die Kinder gestern von Julia Schweitzer (39) und Hans-Werner Nordhues (49). Schweitzer, Rechtsanwältin für Arbeitsrecht, und Nordhues, Bauingenieur, gründeten 2013 die Frankfurter Mediationszentrale und vermitteln professionell zwischen streitenden Baufirmen, Versicherungen, Erbengemeinschaften oder auch innerhalb von Unternehmen. „Viele Menschen haben sprachliche Probleme“, erklärte Schweitzer: „So entstehen Konflikte.“ Man spreche miteinander, verstehe sich aber nicht. Der Satz „Die Ampel ist grün“ sei nicht zwangsläufig ein Akt der Freundlichkeit, meint sie aber.

 

Zwischen den Zeilen lesen

 

Für die erfolgreiche Mediation, erläuterte Nordhues, gebe es „kein Patentrezept“. Wichtig sei aber, das „relativ strenge Verfahren“ mit fünf Stufen zu durchlaufen: Zunächst gelte es, das Verfahren zu erklären, dann den Streitenden die Möglichkeit zu geben, die Probleme aus ihrer jeweiligen Sicht darzulegen – und zwar ohne Widerrede des Gegenübers. Die dritte und schwierigste Phase bestehe darin, die wahren Interessen der Parteien herauszufiltern. Oftmals verhandle der Streit nämlich gar nicht die eigentlichen Ursachen: fehlende Wertschätzung etwa. „Da muss man zwischen den Zeilen lesen“, erklärte Julia Schweitzer. Im vierten Schritt würden schließlich Lösungsoptionen erarbeitet und bewertet, bevor sie schriftlich zusammengefasst und wahlweise notariell beglaubigt werden könnten, um gerichtsfeste Vereinbarungen zu haben.

Unternehmen könnten im Vergleich mit Gerichtsverfahren viel Zeit und Geld sparen, wenn sie häufiger auf Mediatoren zurückgriffen, sagte Hans-Werner Nordhues. Was die kostbare Unterrichtszeit angeht, gilt dies auch für die Weißfrauenschüler.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse