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Kita-Speisepläne: Schwein oder nicht Schwein?

Von In den meisten städtischen und anderen Kindereinrichtungen Frankfurts, aber auch in vielen Schulkantinen, gibt es kein Schweinefleisch mehr. Die meisten Eltern aber sind mit dem Essen zufrieden, das die Kinder erhalten. Sie bestimmen den Speiseplan häufig mit.
Nachmittags gibt’s für Victor (4), Adya (3), Noemi (3) und Diard (3) in der Kita Adlerwerke manchmal einen Apfel. Foto: Christian Christes (CHRISTES) Nachmittags gibt’s für Victor (4), Adya (3), Noemi (3) und Diard (3) in der Kita Adlerwerke manchmal einen Apfel.
Frankfurt. 

Alles halb so wild? In der vergangenen Woche wurde eine Diskussion über Schweinefleisch in der Kita losgetreten, die bundesweit Aufsehen erregt hat. Medien wie der „kopp-verlag“, die „junge Freiheit“ und „pi-news“ veröffentlichten empörte Leserbriefe. Dort, aber auch in der seriösen Presse, tobte der Kampf um die Deutungshoheit: Ist der Islam auf dem Vormarsch?

Kita-Leiter Dieter Franke lässt zu Ende garen, was die Awo-Großküche anliefert. Schwein und Rind sind nicht dabei. Bild-Zoom Foto: Christian Christes (CHRISTES)
Kita-Leiter Dieter Franke lässt zu Ende garen, was die Awo-Großküche anliefert. Schwein und Rind sind nicht dabei.

Tatsache ist: Die meisten Kindertagesstätten in Frankfurt erhalten Essen ohne Schwein. Bei den städtischen Kitas, rund 140, gibt es nur wenig oder gar kein Schwein. Auch in Einrichtungen freier Träger und der Kirchen wird darauf verzichtet, ebenso wie in manchen Schulen. Beispielsweise versorgt Wisag Catering in Frankfurt 22 Einrichtungen unterschiedlicher Träger, darunter eine Schule, mit Speisen. Nur drei der Einrichtungen bekommen Schwein. Ist das nun schlimm?

Boris Tomic
Kommentar: Es geht um die Wurst – oder gar um den ...

Einige besorgte Eltern wittern den Untergang des Abendlandes – das Würstchen, natürlich nur das aus Schweinefleisch, stirbt aus. Also, quasi.

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Nur eine Mail von Eltern

„Nein“, sagt Alix Puhl, Vorsitzende des Stadtelternbeirats. „Mich hat nur eine einzige Mail wegen dieser Thematik erreicht.“ Schwein oder nicht Schwein, das scheint keine Frage: „Wir haben Probleme mit dem Übergang vier-fünf, mit der Frage, ob das Essen in der Mensa schmeckt – aber ob Schwein auf dem Teller landet, war bislang keine vordringende Frage.“ Die Kinder ihrer Schule, der Carl-Schurz-Schule, bekommen hin und wieder Schwein, viel häufiger jedoch Geflügel oder Rind. Clemens Leitis, Küchenchef der ASB Hessen Service, die neun große Schulen in Frankfurt bekocht, sagt: „Wir richten uns nach Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und verwenden wenig Schwein.“ Wenn, dann gibt es immer auch Pute oder Huhn. Trotzdem: „Vier oder fünf“ der neun Schulen verzichten ausdrücklich auf Schwein. Eine Mutter, die nicht genannt werden will, glaubt hier: „Gesundheitsargumente sind nur vorgeschützt, um sich vor der schwierige Diskussion zu drücken, wenn Schwein verschwindet.“

Es gibt eine Auswahl

Anne Liebholz, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der städtischen Kindertagesstätten, hat zwei Kinder im Kiz Stichelstraße. „Meines Wissens bestellt die Kita-Leitung, und es gibt immer eine Auswahl.“ So könnte auf muslimische Kinder Rücksicht genommen werden, die anderen bekämen auch mal Schweinefleisch. Liebholz ist dagegen, die Frage nach dem, was auf dem Teller ist, kulturell aufzuladen: „Man kann aus ernährungsphysiologischen Gründen auf Schwein verzichten oder gar ganz auf Fleisch“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin. Auch vegetarische Ernährung wird im Kiz auf Wunsch angeboten. Wie berichtet, entscheiden städtische Kitas selbst, ob sie Schwein bestellen oder nicht.

155 Kitas in Frankfurt mit rund 6500 Kindern betreibt die gemeinnützige BVZ GmbH. Auch dort entscheiden laut Geschäftsführer Michael Burbach die Einrichtungen selbst, was es zu essen gibt. „Die Eltern entscheiden mit.“ Einen Überblick, wer wie kocht, hat Burbach ebenso wenig, wie es ihn bei den mehr als 100 evangelischen Kitas und Krabbelstuben gibt. 75 Kindereinrichtungen, jeweils mit eigener Küche, betreibt der Sozialpädagogische Verein. „Schwein wird nur ganz selten bei unserem Bio-Bauern bestellt“, weiß Vorstand Elisabeth Strüber. Kleinere Träger sind die Caritas (23 Einrichtungen), die Arbeiterwohlfahrt (16), die Lehrerkooperative (vier) und die jüdische Gemeinde (zwei). Schwein gibt’s fast nirgends.

So auch bei der Kita Liebfrauen des Caritasverbandes Frankfurt. „Wir sind froh, dass wir eine eigene Köchin haben“, sagt Maria Wittenbrink-Buz, Leiterin der Kita Liebfrauen. „Wir können Rücksicht nehmen auf Allergien, Laktoseintoleranz, wir haben ein Sikh-Kind, das praktisch vegan lebt.“ Alles kein Problem. „Wichtig ist der gegenseitige Respekt.“ Darum ist es auch niemandem schwergefallen, beim Mittagessen auf Schwein zu verzichten, nachdem rund 30 Prozent der Eltern Moslems sind. „Es gibt ohnehin nicht oft Fleisch, höchstens ein- oder zweimal in der Woche. Da funktioniert das gut mit Geflügel“, versichert Maria Wittenbrik-Buz. Es gibt nur eine Grenze: „Wir können nicht halal kochen. Aber das verstehen die Eltern auch.“

Bei den Kindereinrichtungen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) gibt es gar kein „rotes“ Fleisch, also Schwein oder Rind. „Das wurde schon vor Jahren entschieden“, sagt Dieter Franke, Leiter der Kita Adlerwerke, einer neuen Einrichtung. „Die Kitas werden im Westen der Stadt vom Johanna-Kirchner-Haus beliefert, einer Awo-Senioreneinrichtung mit Großküche.“ Allerdings bekommen die Kinder nicht dasselbe Essen wie die Senioren. Es wird eigens für die Kitas gekocht. Wenn das Essen zu 90 Prozent gar ist, wird es heruntergekühlt und in Kühlboxen angeliefert. Wenn es Fleisch gibt, ist es Geflügel. Ausschließlich ernährungsphysiologische Gründe haben dabei den Ausschlag gegeben, sagt Franke. Beschwerden darüber gab es bislang keine.

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