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Einzigartiges Frankfurter Projekt: Sechs Autoren schreiben Literatur so, dass jeder sie verstehen kann

Keine Fremdwörter und kürzere Sätze: Millionen Menschen hilft die „einfache Sprache“. Doch in der Literatur wird sie nur wenig verwendet. Sechs Autoren haben für ein Projekt Texte in einfacher Sprache verfasst – und sie zur Kunstform gemacht.
Die Schriftsteller Alissa Walser und Kristof Magnusson vor ihrer Lesung im Historischen Museum. Walser erzählt an diesem Abend die Geschichte von Margot Frank, der Schwester Annes, Magnusson hat über Rosemarie Nitribitt geschrieben. Foto: Thomas Rohnke (epd) Die Schriftsteller Alissa Walser und Kristof Magnusson vor ihrer Lesung im Historischen Museum. Walser erzählt an diesem Abend die Geschichte von Margot Frank, der Schwester Annes, Magnusson hat über Rosemarie Nitribitt geschrieben.
Frankfurt. 

„Dieses Versteck ist wie ein Schiff auf dem offenen Meer. Man kann nicht einfach aussteigen. Wer aussteigt, ist tot.“ Alissa Walser erzählt an diesem Abend im Historischen Museum in Frankfurt die Geschichte von Margot Frank, der Schwester des jüdischen Mädchens Anne Frank, das mit ihrem Tagebuch so viele Menschen erreichte. Walser wählt dafür kurze Sätze, einfache Worte, erläutert Sprachbilder. Diese Einfachheit gibt dem Text eine besondere Ästhetik. Doch die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat ihn nicht deshalb so geschrieben. Sie möchte mit ihm viele Menschen erreichen, so wie es Anne Frank mit ihrem Tagebuch getan hat. Und noch viel wichtiger: Sie möchte niemanden ausschließen. Deswegen ist der Text, den sie vorstellt, in sogenannter „einfacher Sprache“ verfasst.

Anders als „leichte Sprache“ richtet sie sich nicht hauptsächlich an Menschen mit Behinderungen, sondern an Menschen mit geringen Schreib- und Lesekompetenzen. Dazu zählen neben Legasthenikern zum Beispiel auch Zuwanderer. Die einfache Sprache vereinfacht Grammatik und Wortschatz, Sätze sind kürzer, und Fremdwörter werden vermieden. Im Alltag gebräuchliche Begriffe werden aber als bekannt vorausgesetzt, und auch Nebensätze sind erlaubt.

Walser ist eine von sechs Autorinnen und Autoren, die für das Projekt „Frankfurt, deine Geschichte“ Texte in einfacher Sprache geschrieben haben. Die Initiative des Historischen Museums Frankfurt, des Literaturhauses und der Stabstelle für Inklusion der Stadt ist einmalig in Deutschland. Der Anspruch ist zugleich Herausforderung: einfache Sprache als Kunstform.

Einfache Sprache und leichte Sprache

Die Begriffe „einfache Sprache“ und „leichte Sprache“ werden häufig synonym verwendet. Hinter beiden Konzepten steht zwar die Idee, sprachliche Hürden abzubauen durch einfache Wörter und Sätze. Trotzdem unterscheiden sie sich:

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„Bisher gibt es nur wenig Literatur, die in einfache Sprache übersetzt wurde“, sagt Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses. Das seien meist populäre Werke wie „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. „Von bekannten Autoren gibt es aber keine Texte, die eigens in einfacher Sprache geschrieben wurden.“

Die sechs Autoren des Frankfurter Projekts, darunter Kristof Magnusson, Henning Ahrens und Olga Grjasnowa, haben das geändert. Sie haben sich Regeln gegeben, um sich nicht in verschachtelten Sätze und Zeitsprüngen zu verlieren. Ihre Geschichten handeln von Personen, Orten oder Ereignissen der Frankfurter Geschichte und werden in Lesungen vorgestellt.

Laut einer Studie der Universität Hamburg sind in Deutschland 14,5 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren sogenannte funktionale Analphabeten. Das sind rund 7,5 Millionen Menschen. Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch ganze Texte. Zusätzlich haben 13,3 Millionen Menschen Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben – zusammen sind das über 21 Millionen. Einfache Sprache können dagegen laut der „Aktion Mensch“ 95 Prozent der Bevölkerung lesen und verstehen.

„Manche sind der Ansicht, für Menschen, die auf einfache Sprache angewiesen sind, gibt es ja Kinder- und Jugendbücher“, sagt Hückstädt. „Das finden wir nicht.“ Einfache Sprache sei keine neue Sprache. „Vielmehr ist sie etwas, was wir alle verlernt haben. Etwas Verschüttetes.“ Menschen hilft sie, zu verstehen. Damit alle etwas von der Kunst der Literatur haben.

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