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Für Bedürftige: So läuft die Tiersprechstunde in der B-Ebene der Hauptwache

Hunde, Katzen oder Frettchen – einmal im Monat wird die B-Ebene der Hauptwache zur Tierarztpraxis. Vielen armen Menschen wird somit eine gesundheitliche Grundversorgung ihres Haustieres ermöglicht.
Die Tierärztin Maja Firlé behandelt den chronisch kranken Bichon-Frisé Tory von Sylvia Dixon auf einem Tisch in der B-Ebene. Bilder > Foto: Rainer Rüffer Die Tierärztin Maja Firlé behandelt den chronisch kranken Bichon-Frisé Tory von Sylvia Dixon auf einem Tisch in der B-Ebene.
Frankfurt. 

„Dass sie nicht frisst, kann auch am Stress liegen“, sagt Tierärztin Maja Firlé, während sie der zierlichen schwarzen Katze einen Impfstoff spritzt. Die kleine Hope erträgt es ohne Murren und hält still. Auch die etwa zwanzig bellenden Hunde, die Straßenmusiker und die Passanten in der B-Ebene der Hauptwache können sie nicht aus der Fassung bringen. „Schauen Sie mal, ob es nächste Woche besser wird. Wenn nicht, bringen Sie sie in die Praxis.“

Immerhin ist Hope ja auch so einiges gewohnt. Ihr neuer Besitzer hat sie aus einer Wohnung gerettet, in der sie mit mehreren Hunden und Katzen zusammenlebte, die sie nicht akzeptierten. Hope wurde gejagt, gebissen und darüber unrein – eine typische Reaktion bei Katzen, wenn sie leiden. Seit einer Woche ist sie nun bei ihrem neuen Herrchen und hat seitdem immer brav das Katzenklo aufgesucht.

Jeden ersten Samstag

Heute sind die beiden bei der Tiersprechstunde der sozialen Tiernothilfe Frankfurt an der Hauptwache, damit Hope durchgecheckt wird und die nötigen Impfungen bekommt. „Sie sollten sie auch kastrieren lassen. Notfalls müssen wir dafür einen Paten finden“, rät Firlé. An jedem ersten Samstag im Monat behandeln sie und ein Tierarzt-Kollege Frankfurter Haustiere in der B-Ebene, direkt vorm S-Bahn-Aufgang. Die nötigen Utensilien – Tische, Untersuchungstische und Klappstühle – stellt der Verein im Hausmeisterraum der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) unter. „Für diese Möglichkeit sind wir sehr dankbar“, sagt Andreas Roemer. Er ist ehrenamtliche Helfer und sammelt heute am Rande des Geschehens Spenden. Immer wieder werfen Passanten etwas Geld in seine Sammelbüchse.

Die Tiernothilfe versorgt die vierbeinigen Patienten nahezu kostenlos, ihre Besitzer müssen nur eine Gebühr von zehn Euro entrichten, bekommen dafür eine Untersuchung und wenn nötig auch die Medikamente, die ihr Tier braucht. Steht eine umfangreichere Behandlung oder gar eine Operation an, wie im Fall der Katze Hope, sucht der Verein aus seinem Spenderkreis einen Paten, der die Kosten dafür übernimmt. Denn die Tierbesitzer, die heute an die Hauptwache gekommen sind, sind bedürftig und können sich keinen Tierarzt leisten.

150 Euro zum Leben

„Ich habe mein Leben lang gearbeitet und nun eine kleine Rente von 900 Euro im Monat. Wenn die Miete und alles weitere runter sind vom Konto, bleiben mir 150 Euro zum Leben“, sagt Sylvia Dixon, die heute mit ihrer Bichon-Frisé-Hündin Tory gekommen ist. „Aber ich würde lieber hungern, als Tory leiden zu lassen. Sie kommt immer zuerst, sie ist wie mein Kind.“ Doch leider ist Tory ein Sorgenkind: Die elf Jahre alte Hündin hat fortgeschrittene Arthrose und ein vergrößertes Herz, muss dauerhaft Medikamente nehmen. Zu allem Überfluss hat sie auch noch Allergien und verträgt nur Spezialfutter, das kostspielig ist. „Ohne die Tiernothilfe würde sie wahrscheinlich nicht mehr leben“, erklärt Sylvia Dixon. Ihre Bekannten raten ihr oft, die Hündin ins Tierheim zu geben, doch das kommt für sie nicht in Frage. Stattdessen kommt sie regelmäßig mit Tory an die Hauptwache – heute vor allem, weil die Hündin Schmerzen im Hinterbein zu haben scheint. Überhaupt kommen es an diesem Samstag viele Stamm-Patienten.

Sybille Wilhelm ist Gründungsmitglied und Vorsitzende des Vereins „Soziale Tier-Not-Hilfe Frankfurt“, den es seit sieben Jahren gibt. Ins Leben gerufen wurde er auf Anregung von Maja Firlé, die Bedürftigen bei der Versorgung ihrer Tiere helfen wollte, aber nicht konnte – denn Tierärzte dürfen nicht behandeln, ohne ein Honorar zu berechnen. Deshalb zahlt der Verein nun die Rechnungen, die Firlé und ihre Kollegen stellen. Tierbesitzer müssen nachweisen, dass sie arm sind und in Frankfurt wohnen. Und die vierbeinigen Patienten müssen älter als ein Jahr sein, denn wer sich ein Tier anschafft, sollte sich vorher überlegen, ob er es versorgen kann. „Schließlich kann man auch im Tierheim Hunde ausführen, wenn man Sehnsucht nach einem Tier hat“, sagt Sylvia Wilhelm. Für viele der Bedürftigen ist ihr Haustier oftmals der einzige Partner. Den Tieren zu helfen heißt somit auch, ihren Besitzern zu helfen. „Für einige junge Frauen, die auf der Straße leben, ist der Hund der einzige Schutz vor Übergriffen. Das Tier ist für sie eine Lebensversicherung“, so Andreas Roemer.

Dank an die Spender

Auch heute fließen bei einigen Tierbesitzern wieder Tränen der Erleichterung, als Firlé ihnen die mitunter sehr teuren Medikamente für ihre Vierbeiner überreicht. Über die engagierte Tierärztin mit einer Praxis in Bockenheim gibt es einen Bildband und zahlreiche Fernsehberichte. „Man darf aber nicht vergessen, dass unser Verein auch durch die Arbeit von ganz vielen ehrenamtlichen Helfern getragen wird“, betont Wilhelm. „Ohne deren Hilfe und die Spenden würde das alles nicht funktionieren.“

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