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Slum in Frankfurt: So lebt es sich im Elendsquartier im Gutleutviertel

Der Bericht der Frankfurter Neuen Presse über die Elendslager auf einer Industriebrache im Westen Frankfurts hat für Wirbel gesorgt. Ein Besuch vor Ort zeigt: Das Leben dort könnte ärmer nicht sein.
Seit vier Monaten leben hier mehr als 30 Roma aus Rumänien im Gutleutviertel. Foto: Fabian Sommer (dpa) Seit vier Monaten leben hier mehr als 30 Roma aus Rumänien im Gutleutviertel.

Die Bretterverschläge sind mit Schaumstoff und alten Matratzen gegen kalte Nächte gedämmt. Auf den Dächern sind Plastikschüsseln, Teller, Töpfe oder Pfannen gelagert. Denn innen ist der Platz knapp - eine Matratze und ein Gaskocher, ein Schlafsack und ein paar Plastiktüten mit Lebensmitteln und Kleidung. Das ist auch schon die gesamte Habe des jungen Rumänen, der seinen Namen mit Dani angibt. Es ist nicht viel, was Dani in etwa sechs Jahren in Frankfurt erreicht hat - aber immerhin, er kann Geld zu seiner Familie in die Heimat schicken von dem, was er mit dem Verkauf von Sperrmüll auf Flohmärkten, mit dem Pfand auf eingesammelte Flaschen und mit Gelegenheitsjobs verdient. Dani gehört zu den Menschen, die in dem Lager in der Nähe des Frankfurter Heizkraftwerks West lebt. Diese Zeitung hatte bereits vor Tagen von den Verschlägen aus Sperrmüll berichtet. 

Die Hütte, in der Dani seit ein paar Wochen lebt, duckt sich an die Laderampe eines Industrieareals in Frankfurt. Die ganze Rampe entlang stehen weitere provisorisch zusammengezimmerte Behausungen, Einkaufswagen mit Flaschen, Metallschrott, alte Fahrräder. Alles, was vielleicht noch irgendwie verwertet und zu Geld gemacht werden kann. Die meisten der etwa 30 Bewohner des Camps sind unterwegs, sagt Dani. «Betteln oder arbeiten, je nachdem.»

Bilderstrecke Frankfurt: Rumänenlager im Gutleutviertel wird abgerissen
Am 21. Februar 2017 ist das Rumänenlager im Gutleutviertel geräumt und abgerissen worden. Vor den Trümmern selbstegezimmerter Hütten stehen Mitarbeiter der Stadtpolizei. In den Bretterverschlägen hatten mehrere dutzend Rumänen gelebt.In einem Sonderbus sitzen Bewohner des Gewerbegrundstücks im Frankfurter Gutleutviertel am Stadtrand von Frankfurt.Nowak Petkovic bei der Räumung des Rumänen und Obdachlosenlager. Es folgen weitere Bilder der Räumung.

 

Vergleichbar mit Slums in Brasilien

Das Elendscamp erinnert an afrikanische Slums oder Favelas in Brasilien. Ähnlich wie dort zeigen sich in diesem Fall auch in Frankfurt extreme soziale Kontraste. Nur wenige Minuten entfernt stehen die schicken neuen Apartmentblocks des Frankfurter Westhafens, genießen gut gekleidete Bewohner ihren Cappuccino oder ein Glas Wein im durchgestylten Restaurant mit Mainblick.

Dani und sein Nachbar Vasi haben bereits in den vergangenen Jahren im Frankfurter Gutleutviertel campiert. Doch die Brache, auf der sie ihre Behausungen errichtet hatten, wurden im vergangenen Jahr geräumt, nachdem es dort einen Brand gegeben hatte. Die Bewohner kamen erst in eine Notunterkunft, dann erhielten viele eine einfache Fahrkarte zurück nach Rumänien.

Kein Geld für eine Wohnung

Nun sind sie wieder da. «Nix Arbeit», sagt Vasi und zieht an seiner Zigarette. Mit dem Verkauf auf Flohmärkten lasse sich mal 150, mal bis zu 300 Euro in der Woche verdienen, versichert er. Nicht genug, um in Frankfurt eine richtige Wohnung zu finanzieren. Aber genug für die Frau und die drei Kinder in Rumänien, versichert der schmächtige junge Mann.

Hoffnung auf reguläre Arbeit

Dani hofft auf reguläre Arbeit auf dem Bau. Eine Meldebescheinigung habe er. Aber der Nachweis von Wohnung oder Krankenkasse - da muss der junge Rumäne passen.

Bilderstrecke Rundgang über das Rumänenlager auf der Industriebrache
Das Elendslager auf der Industriebrache im Gutleutviertel wächst immer weiter. Fast 20 Hütten und Zelte stehen dort inzwischen. Ein paar Meter weiter türmen sich neuerdings Berge von Abrissschutt. Ein Insolvenzverwalter hat die Brache übernommen und an einen Projektentwickler vermietet. Unsere Bilderstrecke zeigt Impressionen.Frankfurt am Main, 14.07.2016, Stadtteil Gutleut, Gutleutstrasse, Rumänenlager auf Industriebrache. Hier: Bauschuttlagerung.Frankfurt am Main, 14.07.2016, Stadtteil Gutleut, Gutleutstrasse, Rumänenlager auf Industriebrache. Hier: Bauschuttlagerung.

Das Frankfurter Sozialdezernat weiß noch nicht viel über die Bewohner des neuen Elendscamps im Gutleutviertel. «Sozialarbeiter des Diakonischen Werks waren vor Ort und haben vier Bewohner angetroffen, aber die Verständigung ist eher schwierig», sagte eine Sprecherin des Sozialdezernats. Vermutlich werde die Siedlung in der kommenden Woche auch ein Thema im Frankfurter Magistrat sein. Unklar ist derzeit unter anderem, wie viele der Lagerbewohner überhaupt Anspruch etwa auf Sozialleistungen haben.

So leben Obdachlose am Frankfurter Flughafen 

Der Grundstückseigentümer hat Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstattet, wie ein Polizeisprecher am Freitag bestätigte. Derzeit schreitet die Polizei allerdings nicht ein, sondern wartet, ob es einen Gerichtsbeschluss über eine etwaige Räumung gibt.

Joachim Brenner, Geschäftsführer des Fördervereins Roma, sieht ordnungspolitische Maßnahmen gegen die Lagerbewohner skeptisch. «Die sind hier, weil sie in Rumänien keine Perspektiven haben», sagt er. «So lange die Not so ist, wie sie ist, so lange werden diese Menschen kommen.»

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