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Interview: Sozialforscher Dr. Sven Stadtmüller: "Lange Schulwege bedeuten Stress"

Sie ermüden Kinder und bringen Eltern auf die Barrikaden: lange Schulwege, die Mädchen und Jungen zwangsweise zurücklegen müssen. Forscher Dr. Sven Stadtmüller nährt ihre Sorgen. Mit ihm hat Redakteur Mark Obert gesprochen.
Symbolbild Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild) Symbolbild
Frankfurt. 

Sie ermüden Kinder und bringen Eltern auf die Barrikaden: lange Schulwege, die Mädchen und Jungen zwangsweise zurücklegen müssen. Dass das Staatliche Schulamt Frankfurt auch in diesem Jahr 600 Fünftklässlern keinen Platz auf der Wunschschule geben kann und manche quer durch die Stadt schickt, ärgert betroffene Eltern maßlos. Forscher Dr. Sven Stadtmüller von der Frankfurt University of Applied Sciences nährt ihre Sorgen. Mit ihm hat Redakteur Mark Obert gesprochen.

Herr Stadtmüller, Sie und Ihre Frankfurter Kollegen haben mit einer Studie für Aufsehen gesorgt: Schüler mit langen Schulwegen sind benachteiligt, sagen Sie.

SVEN STADTMÜLLER: Es gibt einen Zusammenhang zwischen gesundheitlichem und seelischem Empfinden auf der einen und der Länge des Schulwegs auf der anderen Seite. Wir haben für unsere Studie dazu 10 000 Siebtklässler in 14 Bundesländern befragt. Es handelt sich dabei um eine einzigartige Längsschnittstudie, da wir die Kinder seit der fünften bis zur einschließlich zehnten Klasse hinweg zu verschiedenen Aspekten befragen.

Wovon berichten sie?

STADTMÜLLER: Kinder mit langen Schulwegen klagen häufiger über Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, sie schlafen häufiger schlecht, sind häufiger missgestimmt und insgesamt etwas weniger zufrieden mit ihrem Leben als Kinder mit einem kurzen Schulweg. Auch leiden sie häufiger unter Konzentrationsproblemen. Wir ermitteln das auf Basis einer sogenannten Berichtswoche, das heißt, die Kinder sollen angeben, wie es ihnen in der vergangenen Woche ergangen ist.

Redakteur Mark Obert spricht mit Dr. Sven Stadtmüller von der University of Applied Sciences Frankfurt. Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Redakteur Mark Obert spricht mit Dr. Sven Stadtmüller von der University of Applied Sciences Frankfurt.

Liegen diese Beschwerden wirklich nur am Schulweg?

STADTMÜLLER: Nicht ausschließlich, nicht monokausal. Der Zusammenhang ist aber signifikant, also sehr aussagekräftig. Die Gesamtgruppen zeigen eine deutliche Tendenz. Lange Schulwege bedeuten Stress.

Können Sie das mit Zahlen verdeutlichen?

STADTMÜLLER: 22 Prozent der Kinder mit weniger als 20 Minuten Weg haben mehr als einmal die Woche Kopfschmerzen. Bei Kindern, die 45 Minuten und länger zur Schule brauchen, sind es 26,5 Prozent. Bei Rückenschmerzen und auch seelischen Empfindungen gibt es ebenfalls vier bis fünf Prozentpunkte Unterschied. Bei so großen Gruppen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Zusammenhang mit dem Schulweg gibt, bei über 99 Prozent.

Vielleicht liegt es nicht nur an der Länge des Schulwegs, sondern auch daran, wie es den Kindern sonst geht. Zum Beispiel in der Familie.

STADTMÜLLER: Das spielt keine Rolle. Wir haben in den Gruppen keine wesentlich verschiedenen Situationen in den Elternhäusern. Auch haben wir keine anderen Unterschiede, zum Beispiel bei der Ernährung, feststellen können.

Experten sagen, dass das frühe Losfahren zur Schule oft die ganze Familie stresst. Auch Eltern werden um den Schlaf gebracht.

STADTMÜLLER: Dazu haben wir nicht gefragt. Aber das ist gut vorstellbar.

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  Die Befragungen zum Pendelstress von Schulkindern gehören zu einer Längsschnittstudie, die das Forschungszentrum Demografischer Wandel

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Und was ist mit dem Verhalten auf dem langen Schulweg? Manche Kinder trinken nichts in der überfüllten Bahn, andere schauen unentwegt ins Smartphone.

STADTMÜLLER: Auch das haben wir nicht gefragt. Aber dass die lange Fahrt in lauten und engen Bussen so oder so anstrengend ist, ist klar. Wenn Kinder dann da auch noch Hausaufgaben machen oder lernen, haben sie bei Schulbeginn bereits eine Arbeitsstunde hinter sich. Diese Kinder sind dann schon belasteter als jene, die nach zehn Fußminuten entspannt in die Klasse kommen.

Chronobiologen weisen auf die Bedeutung des geringeren Schlafs hin.

STADTMÜLLER: Schlafen ist wichtig. Siebtklässler mit langem Schulweg gehen nämlich gar nicht früher ins Bett als die anderen…

Die Jungs wollen eben auch bis 22.30 Uhr Champions League gucken.

STADTMÜLLER: Alles andere wäre ja undenkbar. Aber im Ernst: Die bekommen pro Tag eine Stunde Schlaf weniger, und das hat Effekte. Wir wollen im November die Neuntklässler fragen, ob sie sich auch deshalb einen späteren Unterrichtsbeginn wünschen. Also von 9 bis 14 Uhr oder von 10 bis 15 Uhr. Mal sehen, was da herauskommt. Vielleicht ist den Jugendlichen ja auch die Freizeit am Nachmittag wichtiger als der Schlaf morgens und sie wollen gar nicht später anfangen.

Apropos Freizeit: Ein Kind mit insgesamt zwei Stunden Schulweg am Tag hat pro Jahr knapp 15 ganze Tage weniger freie Zeit als ein Kind mit zehn Minuten. Können die Kinder diesen Verlust an Lebensqualität schon erfassen?

STADTMÜLLER: In der fünften Klasse noch nicht. Aber in der siebten Klasse beginnen sie langsam, die Dinge im Verhältnis zu betrachten, auch sich selbst, und einen Sinn für Maßstäbe zu entwickeln. Ich bin gespannt, welche Auskünfte uns die Kinder da als Neuntklässler geben.

Was Eltern besonders interessiert: Leiden die Leistungen?

STADTMÜLLER: Wir haben nur nach den Zeugnisnoten in Deutsch und Mathe gefragt. In Mathe gab es keinen Unterschied, nur in Deutsch schnitten die Kinder mit langem Schulweg tendenziell etwas schlechter ab. Einen Unterschied gibt es aber doch: Die Kinder, die lange unterwegs sind, fühlen sich von den schulischen Aufgaben mehr beansprucht.

Dr. Sven Stadtmüller forscht über die Auswirkungen von langen Schulwegen auf Kinder. Die Ergebnisse seiner Studie zeigen, dass Schüler mit langer Fahrtzeit benachteiligt sind. Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Dr. Sven Stadtmüller forscht über die Auswirkungen von langen Schulwegen auf Kinder. Die Ergebnisse seiner Studie zeigen, dass Schüler mit langer Fahrtzeit benachteiligt sind.

Anders gesagt: Es könnte ihnen schwerer fallen, sich zu konzentrieren.

STADTMÜLLER: Ja. Wir nehmen ja auch war, dass die Kinder häufiger gereizt sind, häufiger schlecht gelaunt. Bei 36 Prozent mit kurzen Schulwegen kommt das pro Woche einmal und öfter vor, bei den anderen haben wir 43 Prozent.

Kein Wunder bei chronischem Schlafmangel. Schon die Sommerzeit führt auch bei Erwachsenen zu Erschöpfung und Verstimmungen bis zu leichten Depressionen.

STADTMÜLLER: Wir fragen auch allgemein nach der Lebenszufriedenheit – auf einer Leiter mit elf Sprossen sollen uns die Kinder zeigen, wie gering oder hoch die ist. Kinder mit kurzem Schulweg sind tendenziell etwas zufriedener. Spannend wird die Frage sein, ob und wie sich das verfestigt. Die Befragung der Kinder als Achtklässler ist noch nicht ausgewertet. Aber dass die Schere allein wegen des Schlafmangels in der Pubertät noch weiter auseinandergeht, kann ich mir gut vorstellen. Möglicherweise sind die Kinder dann noch mehr sensibilisiert für die vergeudete Lebenszeit im Bus und fühlen sich davon erst richtig angeödet.

Herr Stadtmüller, Sie leben in Mainz und arbeiten in Frankfurt und Mannheim. Eigentlich sind Sie ja selbst so ein geplagter Pendler.

STADTMÜLLER: Das stimmt. Busse und Bahnen zur Hauptverkehrszeit sind kein Setting, das zum Wohlfühlen einlädt. Selbst im Ruheabteil des ICE ist es oft so laut, dass ich nicht lesen oder gar arbeiten kann, zumal ich sehr sensibel auf Umfeldgeräusche reagiere. Allerdings ist das mein selbstgewähltes Schicksal, anders als bei Schulkindern.

Wissen Sie, warum im Bus gestresste Kinder nicht einfach mit dem Rad fahren? Das würde auch den Bewegungsmangel vermeiden. Auch manche Langstrecken dürften kaum mehr als 30 Minuten dauern?

STADTMÜLLER: Empfehlenswert wäre das, allerdings kann man auch die Eltern verstehen, denen lange Radstrecken in der Großstadt zu gefährlich sind. Zumal wir eines festgestellt haben: In der fünften Klasse tragen die Kinder noch zu großen Teilen einen Fahrradhelm. In der siebten Klasse machen das schon deutlich weniger. Da gilt das wahrscheinlich als uncool.

Und wie war’s bei Ihnen als Schüler?

STADTMÜLLER: Auch da hatte ich eine Stunde Schulweg, aber auch damals schon aus freien Stücken. Ich wollte unbedingt auf dieselbe Schule gehen wie mein bester Freund. Also fuhr ich täglich von meinem Ort bei Bad Ems an der Lahn bis nach Lahnstein. Das war aber natürlich viel angenehmer als heute eine morgendliche S-Bahn-Fahrt in Städten wie Frankfurt oder Berlin.

Zum Politikum hinter Ihrer Studie: Ihr Institut untersucht den demografischen Wandel. Könnten Sie der Stadt Frankfurt mit Bevölkerungvoraussagen helfen, damit sich so ein Problem wie der Schulmangel nicht wiederholt?

STADTMÜLLER: Bevölkerungsvoraussagen werden meistens nach den Trends der vergangenen zehn Jahre getroffen. Das ergibt auch Sinn. Für plötzliche Bewegungen sind sie wenig sensibel.

Vor etwa 20 Jahren setzte plötzlich eine Landflucht junger Familien ein. Meinen Sie solche Bewegungen?

STADTMÜLLER: Ja. Und vor zehn Jahren hätten wir auch nicht damit gerechnet, dass die Geburtenrate wieder steigt und wir eine Million Schutzsuchende aufnehmen. Damals waren wir davon ausgegangen, dass die Bevölkerung schrumpft.

Es könnte also sein, dass wir jetzt viele neue Schulen bauen und diese in zehn Jahren nicht mehr brauchen, weil Familien mit Kindern wegen der Lebenshaltungskosten wieder massenhaft aufs Land ziehen?

STADTMÜLLER: Vielleicht nicht gleich aufs Land, aber vielleicht in die Vororte. Denn in Frankfurt wird man auf Dauer wohl zwei gute Einkommen brauchen, um als Familie über die Runden zu kommen. Die Politik stößt da an Grenzen der Planbarkeit.

Und sie wird sich wohl auch künftig mit verärgerten Eltern herumschlagen müssen.

STADTMÜLLER: Klar, für die meisten Eltern ist die Nähe zum Wohnort das Hauptkriterium für die Wunschschule.

www.fnp.de

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