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Gedenktafel: Späte Ehre für Fritz Bauer

Dem Einsatz von Fritz Bauer ist es zu verdanken, dass Nazi-Verbrecher sich vor Gericht verantworten mussten. Seit gestern erinnert eine Gedenktafel an ihn und sein Wirken.
Von 1957 bis zu seinem Tod 1968 lebte Fritz Bauer in der Feldbergstraße 48. An seinem früheren Wohnhaus wurde gestern eine Gedenktafel enthüllt, die an ihn und sein Wirken erinnert. Bilder > Foto: Arne Dedert (dpa) Von 1957 bis zu seinem Tod 1968 lebte Fritz Bauer in der Feldbergstraße 48. An seinem früheren Wohnhaus wurde gestern eine Gedenktafel enthüllt, die an ihn und sein Wirken erinnert.
Westend. 
Fritz Bauer Bild-Zoom
Fritz Bauer

Verglichen mit den übrigen Gebäuden in der Feldbergstraße ist das Haus mit der Nummer 48 unscheinbar. Seit gestern jedoch hebt sich das Haus durch eine Gedenktafel ab, die das Wirken von Fritz Bauer würdigt. Doch die Tafel soll in diesen Tagen noch mehr sein als bloß eine Erinnerung an den ehemaligen hessischen Generalstaatsanwalt, der im Jahr 1968 tot in seiner Badewanne im Haus in der Feldbergstraße gefunden wurde.

Dem Juristen ist es zu verdanken, dass zwischen den Jahren 1963 und 1965 insgesamt 22 ehemalige Angehörige und Führer der SS-Wachmannschaft des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vor dem Frankfurter Landgericht zur Rechenschaft gezogen wurden. Auch die Verhaftung von Adolf Eichmann, der als Hauptorganisator des Holocausts gilt, war größtenteils Bauers Verdienst.

Öffentliche Dimension

„Den Namen Fritz Bauer sollte jedes Schulkind kennen“, sagte die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), die mit Ortsvorsteher Axel Kaufmann (CDU) die Tafel enthüllte. Bauer habe das Schweigen gebrochen, das auch noch zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der bundesdeutschen Gesellschaft herrschte – und er habe den Überlebenden von Auschwitz eine Stimme gegeben. Mit den Aussagen der ehemaligen Häftlinge des größten deutschen Vernichtungslager erhielt der Holocaust erstmals vor einem Gericht in der Bundesrepublik eine öffentliche Dimension.

Aufrechter Kämpfer für Gerechtigkeit

Fritz Bauer war in seiner Funktion als hessischer Generalstaatsanwalt, zu dem ihn Ministerpräsident Georg August Zinn im Jahr 1956 berufen hatte, maßgeblicher Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse im Haus Gallus.

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Dass nun am Ende der Feldbergstraße an Bauer erinnert wird, ist dem Einsatz von Hermann-Josef Birk zu verdanken. Zwar findet sich seit einigen Monaten vor dem Oberlandesgericht ein Gedenkstein zu Ehren von Bauer. „Doch dieser richtet sich eher an Juristen und zeigt Bauers juristische Bedeutung auf“, sagt Birk.

Die Tafel in der Feldbergstraße hingegen, erklärt der Mann aus dem Westend, solle sich an die übrige Bevölkerung richten. Birk hatte im vergangenen Jahr einen Antrag für den Ortsbeirat 2 (Bockenheim, Kuhwald, Westend) formuliert und darin die Installation der Gedenktafel gefordert.

Kurzer Dienstweg

Die Reaktion darauf zeigt Birk, dass eine weitere Würdigung Bauers vielen anderen Bürgern auf den Nägeln brannte: „Normalerweise haben solche Vorgänge ja stets lange Amtswege. Diesmal aber ging alles sehr schnell. Es schien mir, als hätten viele auf eine solche Gedenktafel gewartet.“

In gewisser Weise ist Birk auch froh, dass vor ihm keiner auf die Idee gekommen ist. Denn er möchte, dass die Tafel nicht nur Bauer würdigt, sondern in Zeiten von steigendem Fremdenhass und Rassismus auch daran erinnert, dass jene Geisteshaltungen zu millionenfachen Morden führen können.

Die Gedenktafel ist daher nicht nur aufgrund des einstigen Wohnorts von Bauer von Bedeutung. Gottfried Kößler, stellvertretender Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, das die Installation der Tafel unterstützte, erinnerte daran, „dass das Westend der erste Frankfurter Stadtteil war, aus dem Frankfurter Juden zur Deportation abgeführt und anschließend in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten gebracht wurden“.

Jene Bewohner des Westends, die seinerzeit zur Deportation schwiegen, hätten auch dann noch im Stadtteil gelebt, als Bauer dort hinzog, und waren ihm nicht alle freundlich gesinnt. Bauer soll die Welt außerhalb seines Dienstzimmers einmal als „Feindesland“ bezeichnet haben. Dennoch ließ er bei der Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen nicht nach. „Frankfurt verneigt sich vor seinem Mut und seiner Entschlossenheit“, heißt es auf dem Text der Gedenktafel. Die Gedenktafel zu seinen Ehren soll nun dazu beitragen, dass die Bewohner des Stadtteils und alle, die an der Tafel vorbeikommen, nicht zu Fremdenhass und Rassismus schweigen.

Erst vor drei Wochen wurde im Ortsbezirk ein anderes Mahnmal gegen Fremdenhass eingeweiht. Die Gedenktafel auf dem Hülya-Platz (Bockenheim) erinnert an den rassistisch motivierten Brandanschlag auf ein Wohnhaus im nordrhein-westfälischen Solingen im Jahr 1993. Dabei kamen damals fünf Menschen ums Leben, darunter die neunjährige Hülya Genç. Der Bockenheimer Platz zwischen dem Kirchplatz und der U-Bahn-Haltestelle Leipziger Straße trägt seit 1998 Hülyas Namen.

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