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Letzte Ruhe im Friedwald: Stadt will in Oberrad neue Bestattungsform anbieten

Von Noch vor der Sommerpause will das Stadtparlament die Gebührensatzung für den Waldfriedhof Oberrad beschließen. Danach kann der Trauerwald angelegt werden. Die Stadt erhofft sich davon Mehreinnahmen.
Namen von Bestatteten stehen auf einer Tafel. Wie im Friedwald in Dietzenbach hängt sie am Baumstamm. Namen von Bestatteten stehen auf einer Tafel. Wie im Friedwald in Dietzenbach hängt sie am Baumstamm.
Frankfurt. 

Eine Umfrage von Dimap im Auftrag des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur hat ergeben: 53 Prozent der Befragten wünschen sich eine Feuerbestattung, und von diesen können sich 22 Prozent eine Bestattung in einem Trauerwald vorstellen. Ohne Grabstelle, einfach in der Natur, nahe den Wurzeln eines Baumes. An dessen Stamm weist ein kleines Namensschild auf den Verstorbenen hin. Das ist alles. Statt Blumen gibt’s Laub im Herbst und frische Triebe im Frühling.

Info: So teuer ist das Grab

866 Euro für 25 Jahre kostet ein Wahlgrab in den Trauerhainen Westhausen und Heiligenstock. Damit ist ein normales Urnen-Reihengrab auf einem herkömmlichen Friedhof mit 856 Euro sogar noch etwas günstiger.

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Der Bedarf nach diesen natürlichen Friedwäldern, auch Baumgräber oder Urnenwälder genannt, ist da, und er ist groß. Friedwälder sind ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Die Friedwald GmbH ist seit 2001 auf dem Markt und hat bislang 44 Waldgrundstücke für 99 Jahre gepachtet und dort Urnen beisetzt. Rund 12 000 Kunden hat die GmbH jährlich. Das sind 1,5 Prozent aller Sterbefälle. Es gibt einen zweiten großen und eine unübersichtliche Vielzahl kleiner Anbieter, zum Beispiel Kommunen.

Nicht teurer als Friedhof

Zu diesen will auch Frankfurt bald gehören. Die Planungen für den Trauerwald am Rande des Friedhofs Oberrad sind abgeschlossen. Dieses Waldstück war ohnehin als Friedhofs-Erweiterungsfläche vorgesehen. „Vor 30 Jahren haben wir da Wasser gelegt, es gibt Wege, auf denen man mit dem Rollator fahren kann“, sagt Stephan Heldmann, Leiter des Grünflächenamts der Stadt. Auf dem Friedhof gibt es Toiletten. Warum also nicht die Erweiterungsfläche als Trauerwald nutzen?

Heldmann verhehlt nicht, dass es um Einnahmen geht. Nicht dass die Kosten für eine Urne im Trauerwald höher sein sollen als auf dem benachbarten Friedhof. „Aber wir glauben, dass viele Frankfurter, die bislang ein solches Grab gesucht haben, Frankfurt verlassen mussten“, so Heldmann. Und beispielsweise im Friedwald Dietzenbach ihre letzte Ruhe suchen. Dort liegt die nächste Fläche der Friedwald GmbH. Das Urnengrab am Baum kostet sort zwischen 490 und 3350 Euro (dann jedoch für bis zu zehn Personen). Hinzu kommen die Bestattungskosten von 275 Euro. Heldmann und das Umweltdezernat wollen die Zahl der Beisetzungen in Frankfurt erhöhen, indem sie den Frankfurtern ein Angebot machen, die bislang überlegen mussten, sich in Dietzenbach einzukaufen. Umgekehrt können auch NichtFrankfurter sich an Frankfurts Bäumen bestatten lassen.

Auch ist die Idee in Frankfurt nicht gänzlich neu. Es gibt bereits zwei Trauerhaine, einen in Westhausen und einen seit etwa drei Jahren auf dem Friedhof Heiligenstock. Hierbei handelt es sich um Grabstätten, bei denen eine Bodenplatte an die Verstorbenen erinnert, ansonsten sind sie mit Rasen besät. Ringsum wachsen junge Bäume. „Es ist nicht Natur, sondern es ist nach wie vor Friedhof“, so Heldmann. Und es gelten dieselben Preise.

Der nächste Schritt vom Friedhof zum Friedwald erfolgt bald am Waldfriedhof in Oberrad. Die bewaldete Erweiterungsfläche ist 0,7 Hektar groß. 50 Bäume wachsen hier, und 450 Urnen sollen im künftigen Trauerhain bestattet werden. „In einem weiteren Schritt können wir den Trauerwald noch einmal um das Doppelte ausweiten“, sagte Heldmann.

In Oberrad sind die Gelegenheiten günstig, doch das heißt nicht, dass es den Wunsch nach einer Baum-Bestattung nicht auch in anderen Stadtteilen gäbe. Auf der jüngsten Sitzung des Ortsbeirats 16 (Bergen-Enkheim) beispielsweise hat das Gremium beschlossen, beim Magistrat anzuregen, auch an den alten Eichen in Enkheim Urnen zu vergraben. Allerdings wollen Heldmann und seine Mitarbeiter zunächst einmal die Plätze in Oberrad belegen. „Dort ist alles vorhanden, was in Enkheim noch fehlt“, sagt er.

Gesetz aus der Nazi-Zeit

Dabei dürfte die Schwierigkeit weniger sein, einen Wald zu finden. Aber nach einem Gesetz aus dem Jahr 1934 dürfen Bestattungen, auch Urnenbestattungen, nur auf dafür vorgesehenen Flächen erfolgen. Ein Wald muss also jeweils für den Zweck gewidmet werden. Im Fall des Oberräder Waldfriedhofs entfällt dies, denn die Waldfläche gehört bereits zum Friedhof.

Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Kuratorium Deutsche Bestattungskultur in Düsseldorf, schätzt, dass sich bislang höchstens zwei Prozent der Verstorbenen in einem Wald bestatten lassen. „Der Trend wird überbewertet.“ Anderen Schätzungen zufolge sollen es fünf Prozent sein, angeblich habe es zuletzt 45 000 Bestattungen in den etwa 400 Urnen- und Friedwäldern in Deutschland gegeben.

Friedwälder gibt es in Deutschland seit 2001; sie sind in der jahrtausende alten Friedhofskultur ein ganz neues Phänomen und wurde anfangs von den Kirchen entsprechend kritisch beurteilt. Sie befürchteten anfangs eine Zunahme privat- bzw. naturreligiöser und pantheistischer Vorstellungen.

Die Evangelischen Kirchen in Deutschland veröffentlichten 2004 das Papier „Herausforderungen evangelischer Bestattungskultur“ und attestierten den Waldbestattungen eine Nähe zur naturreligiösen Vorstellung, die die „Rückkehr des toten Leibes in den Naturkreislauf“ beinhalte. Laut EKD sei dies jedoch nicht unvereinbar mit dem „christlichen Zeugnis der Auferstehung“. Die Katholische Kirche hingegen reagierte 2005 in der Schrift „Tote begraben und Trauernde trösten“ strenger. Auch sie äußert Vorbehalte, wenn sich dabei „privatreligiöse oder pantheistische Einstellung“ zeigten. In einem solchen Fall schließt die katholische Kirche eine Beisetzung aus.

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