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75-Jähriger vor Gericht: Streit um Sitzplatz: Rentner sieht rot – und sticht zu

Von Ungewöhnlich ist in einem seit gestern laufenden Prozess vor dem Amtsgericht nicht nur das Alter des Angeklagten mit 75 Jahren. Ungewöhnlich ist auch der Vorwurf: Gefährliche Körperverletzung durch eine Messerattacke auf einen deutlich jüngeren Mann. Das Motiv: Der Kampf um einen Sitzplatz in einer Wartehalle an der Bushaltestelle in der Bolongarostraße in Höchst.
Die Statue Justitia ist zu sehen. Foto: Peter Steffen/Archiv Die Statue Justitia ist zu sehen. Foto: Peter Steffen/Archiv
Frankfurt. 

Streitereien um Kleinigkeiten mit blutigem Ende sind bei den Frankfurter Gerichten Alltagsgeschäft. Beim Amtsgericht aber war auch für erfahrene Justizpersonen und Beobachter gestern vieles neu. Vor allem die Tatsache, dass die zunehmende Bewaffnung mit Messern aller Art und Größe offenbar längst nicht mehr nur junge Leute betrifft, wenn sie am Wochenende in Discotheken gehen oder sich anderweitig treffen und was auch immer zu „klären“ haben.

Lungenflügel verletzt

Der Mann, der sich seit gestern vor der Schöffenabteilung von Amtsrichter Philipp Heß zu verantworten hat, ist nämlich bereits 75 Jahre alt und hat offenbar etwas gegen Ausländer. Zumindest gegen solche, die ihm mit dem Fahrrad einen Platz auf der Sitzbank versperren, so wie es offenbar an jenem 19. September 2015 ein damals 47 Jahre alter Türke an der Bolongarostraße tat. Gleich gab’s einen Rempler, die Schimpfworte, die daraufhin hin- und herflogen, waren auf normaler Wellenlänge: „Scheiß Ausländer“, „Arschloch“, „Ober-Arschloch“. Und danach flog auch noch die Faust des Rentners in den Rücken des Radlers. An diesem Punkt sind derlei Auseinandersetzungen normalerweise am Ende.

Als der Radler aber die Sache mit dem Schlag aktenkundig machen wollte, drehte der Rentner durch. Er ließ plötzlich die Klinge eines Springmessers (acht Zentimeter) ausfahren und stach seinem Kontrahenten unvermittelt in die rechte Seite, mindestens fünf Zentimeter tief bis zum Lungenflügel.

Zweimal musste das Opfer operiert werden, acht Wochen lang war es krankgeschrieben, fast ein Jahr lang nur eingeschränkt als Elektriker einsatzfähig. Und nachts träumt er noch immer von dem hasserfüllten Gesicht des Rentners.

Dieser hatte an jenem Tag, als er vom Einkaufen nach Hause wollte, noch eine zweite Waffe dabei. In der Einkaufstasche fand die Polizei ein martialisch wirkendes Bowie-Messer von mindestens 20 Zentimetern Länge, dessen Einsatz der Radler gewiss kaum überlebt hätte. Gemeinsam mit zwei weiteren Männern aber war der Täter zuvor überwältigt worden.

„Alles ein bisschen krass“

Der Verteidiger hatte seinen Mandanten fürs Gericht auf Demut und Versöhnung getrimmt – mit mäßigem Erfolg. „Das war alles ein bisschen krass, das hätte nicht passieren dürfen“, sagte der Mann mit starkem Thüringer Akzent. Dabei dachte er mit bekümmertem Gesicht aber mehr an sich und die möglichen Folgen (bis zu zehn Jahren Haft für gefährliche Körperverletzung) als an den Verletzten.

Als das Opfer mit seiner Zeugenaussage am Ende war, entschuldigte sich der Angeklagte für den Stich (nicht für Rempler und Beleidigungen), blickte dabei aber nicht das Opfer, sondern den Richter an. Dieser will sich nun noch weitere Aufschlüsse zu der Verletzung einholen und den Rechtsmediziner sowie den Operateur im Zeugenstand hören. Am 2. März wird der Prozess fortgesetzt.

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