E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 29°C

Flüchtlingsunterbringung: Suizid in der Flüchtlingsunterkunft lässt Menschen verzweifelt zurück

Von Shams und Arash sind gemeinsam nach Deutschland gekommen. Dann hat sich Shams das Leben genommen. Seine Mitbewohner fühlen sich von den Behörden allein gelassen. Besonders für Arash ist das Leben in der Gemeinschaftsunterkunft kaum mehr zu ertragen.
Foto: Lutfullah Frotan
Frankfurt. 
Shams* und Arash* haben sich in der Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund kennengelernt. Ende 2015 war das. Seitdem sind die beiden Afghanen gemeinsam unterwegs. Nach der Zeit in Dortmund wurden sie gemeinsam nach Gießen verlegt und dann schließlich nach Maintal. Keine besten Freunde, aber eine Schicksalsgemeinschaft.

Sie fühlen sich alleine gelassen

Dann, im Januar 2018, hat sich Shams das Leben genommen. Er hat sich auf die Gleise der nahe gelegenen Regionalbahn-Trasse gelegt. Die Zimmergenossen des Verstorbenen, Arash und zwei weitere Männer, fühlen sich mit diesem Verlust alleine gelassen. 

Stadt gilt als Modellkommune

Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin erhebt schwere Vorwürfe gegen die Betreiber der Unterkunft, die Stadt Maintal. Man habe sich nicht angemessen um die Betreuung der Hinterbliebenen gekümmert. Das klingt für die 32-Jährige plausibel. In den Folgetagen, als sie und andere ehrenamtliche Helfer vor Ort waren, habe es keine besondere Unterstützung vonseiten der hauptamtlichen Betreuer gegeben.
Das überrascht: Die Stadt Maintal gilt in der Flüchtlingsarbeit als besonders engagiert und gehört zu den drei Modellkommunen in Hessen, was die Integration durch Sport betrifft.

Kein Vertrauensverhältnis

Seit drei Jahren engagiert sich Schmitz in der Flüchtlingshilfe. Sie gibt Geflüchteten Deutschunterricht und leitet mittlerweile auch hauptamtlich Qualifizierungsmaßnahmen. Allerdings unabhängig vom Arbeitskreis Asyl Maintal. Campbewohner hätten ihr anvertraut, dass es schon öfter zu Suizidversuchen in der Unterkunft gekommen sei. Das würden die Betreiber oft nicht mitbekommen, weil kein Vertrauensverhältnis zu den Hauptamtliche bestünde.
Bild-Zoom Foto: Lutfullah Frotan
 
Tatsächlich ist die Zahl der Selbstverletzungen und Selbstmorde unter Geflüchteten in Hessen im Jahr 2017 rasant gestiegen . Das ergibt die Antwort auf eine kleine Anfrage der Linken im hessischen Landtag. Vergangenes Jahr hat es in Hessen insgesamt 70 Suizidversuche oder Selbstverletzungen in Hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen sowie in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung am Frankfurter Flughafen gegeben.
 
„Das ist im höchsten Maße besorgniserregend“, sagt Gabi Faulhaber, migrationspolitische Sprecherin der Linksfraktion. Auch, weil die Zahl damit im vergangenen Jahr sprunghaft angestiegen ist. Im Jahr 2014 soll es keinen, 2015 vier und im Jahr 2016 18 Suizidversuche unter Geflüchteten gegeben haben. Die Zahl ist somit innerhalb von drei Jahren etwa um das Dreifache gestiegen. Sarah Schmitz geht davon aus, dass das nur die Spitze des Eisberges ist. „Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit deutlich höher“, sagt sie.
 
Die Geflüchteten berichten, dass an dem Abend des Suizids jemand von der Stadt und von der Einrichtung vorbeigekommen sei, anschließend seien sie aber mit der Situation alleine gewesen. Das macht die junge Frau sprachlos. „Das ist meiner Meinung nach ein Notfall, für den es keinen Zeitpuffer gibt“, sagt sie. Vor allem Arash stand unter einem schweren Schock. 

Zu viel Verantwortung

Sie wisse nicht, was damals geschehen wäre, wenn nicht ehrenamtliche Helfer vor Ort gewesen wären und teilweise auch dort übernachtet hätten. So gerne sie geholfen habe, so belastend sei das auch für sie gewesen. „Ohnehin schon traumatisierte Menschen nach einem Suizid im nächsten sozialen Umfeld zu betreuen, überschreitet definitiv meine Kompetenz aber auch meine Kapazität“, sagt sie. 

Stadt widerspricht den Vorwürfen

Den Vorwürfen der Ehrenamtlichen widerspricht die Stadt Maintal entschieden. „Hauptamtliche und Ehrenamtliche haben sich unmittelbar nach dem Vorfall, noch am gleichen Tag, zusammen mit einer Seelsorgerin, der Polizei und dem Rettungsdienst um die trauernden Freunde und Bekannten gekümmert“, heißt es vonseiten der Stadt. Neben den Hauptamtlichen gäbe es außerdem für die Geflüchteten „viele weitere Vertrauenspersonen, seien es Freunde, Lehrer oder Ähnliches mehr.“ Die Aufarbeitung erfolge in enger Kooperation zwischen der Stadt Maintal, dem Arbeitskreis Asyl und engagierten Vereinen.
 
Bild-Zoom Foto: Lutfullah Frotan
 
Der Arbeitskreis Asyl möchte sich indes zu dem konkreten Suizidfall nicht weiter äußern, distanziert sich aber auch von den Vorwürfen der Helferin Schmitz. Allerdings seien generell die Angebote für Therapien und psychologische Unterstützung nicht ausreichend, heißt es auf Anfrage. Das sei ja „hinreichend bekannt.“ Man habe aber in vielen Gesprächen mit den Freunden des Verstorbenen versucht, da zu sein.
 
„Ehrenamtliche können das nicht stemmen“, sagt Irina Dannert. Sie ist Psychologin und ausgebildete Traumapädagogin, unter anderem für den hessischen Flüchtlingsrat. Für Menschen, die in der Vergangenheit massive traumatische Erfahrungen gemacht hätten, sei so ein Ereignis noch sehr viel schwerer zu verarbeiten. Laut Bundes Psychotherapeuten Kammer (BPtK) haben 70 Prozent der Menschen, die in Deutschland als Geflüchtete ankommen, in der Vergangenheit traumatische Erfahrungen gemacht.

58 Prozent haben Leichen gesehen

Sie alle haben Gewalt erlebt, 58 Prozent haben Leichen gesehen, 43 Prozent sind Opfer von Gewalt und Folter geworden. Es gibt die Theorie unter Fachleuten, dass multiple traumatische Erfahrungen sehr viel schwerer zu verarbeiten sind, als einmalige. Geschieht dann ein weiteres Unglück in der Gemeinschaftsunterkunft, „ist das ganze Leid im eigenen Zimmer“, sagt Dannert. Mit einem Suizid in den eigenen vier Wänden, so die Psychologin, sei der sichere Ort kaputt. Diesen zu bieten und zu bewahren sei die Aufgabe des Trägers und der hauptamtlichen Mitarbeiter, nicht die Aufgabe der Ehrenamtlichen. „Ich plädiere dafür, dass die Menschen Betreuungsstrukturen bekommen, die sie auffangen,“ sagt die Psychologin.

Geräuschpegel ist hoch 

Immer wieder kritisieren Psychologen die Unterbringung Geflüchteter in Gemeinschaftsunterkünften. Auch Irina Dannert. Viele Geflüchtete seien schwerst psychisch belastet, sagt sie. Solchen Menschen böte so eine Sammelunterbringung nicht die notwendige „größstmögliche Sicherheit“, sondern das Gegenteil: einen permanenten Geräuschpegel und keine Privatsphäre. Und ein sicherer Ort, so die Psychologin, sei eine der wichtigsten Aspekte im Umgang mit traumatisierten Menschen. „Ziel sollte es nicht sein, dass es für jeden Menschen einen Psychotherapeuten gibt, aber für jeden einen geschützten Ort“, sagt sie. 
 
Sarah Schmitz hat für Arash einen Psychologen gesucht. Der diagnostizierte bei ihm eine schwere posttraumatische Belastungsstörung nach Extrembelastung. Der junge Mann sei „dringend auf adäquaten Wohnraum möglichst außerhalb des derzeitigen Wohngebietes angewiesen, um ihn den notwendigen Rückzug zu ermöglichen.“

Angst, dass es wieder geschieht

Von der Unterkunft aus hört man die Regionalbahnen, wenn sie zwischen Hanau und Frankfurt hin und her fahren. Immer, wenn die Bahn außerplanmäßig auf der Strecke hält, haben Arash und seine Zimmergenossen Angst, dass es wieder geschehen ist. Ein Verarbeiten sei so nicht möglich, vertrauen sie Schmitz an. Deshalb hatten sie mehrfach darum gebeten, das Zimmer wechseln zu dürfen. Nichts ist geschehen, sagt Schmitz. Der Vorfall ist nun ein halbes Jahr her. „Selbstverständlich wären wir diesem Wunsch nachgekommen“, so die Stadt Maintal. Allerdings habe sie von dem Wunsch nach einem Zimmerwechsel nichts gewusst. Man werde der Sache nun auf den Grund gehen.
* Die Namen sind von der Redaktion geändert.

Sollten Sie selbst Absichten zum Selbstmord haben, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge: www.telefonseelsorge.de. Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen