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Pferdesport: Tent Pegger: Reiten wie die Kavallerie

Tent Pegging ist im deutschen Reitsport noch eine Nischendisziplin. Der Frankfurter Christian Dietzel aber hat ihn für sich entdeckt – und ist weltweit unterwegs. Trainiert wird aber auf heimischen Wiesen und Äckern.
Alles synchron: Christian Dietzel und Kim Möbus trainieren zu zweit. Foto: ftv-Hamerski Alles synchron: Christian Dietzel und Kim Möbus trainieren zu zweit.
Frankfurt. 

Der trockene Acker wirft große Staubwolken, als Christian Dietzel mit seinem Pferd „Schatten“ immer schneller zu galoppieren beginnt. Nach einigen Metern streckt Dietzel seine Lanze nach vorn und lehnt sich immer weiter in Richtung Pferderücken und Ackerboden. Dann muss es schnell gehen: Anvisieren, zustechen und die Lanze nach hinten schwingen lassen, damit das Pferd nicht verletzt wird. Auf ihrer Spitze steckt jetzt ein kleiner weißer Holzpflock, der sogenannte „Peg“, der dem Tent Pegging seinen Namen gibt.

So nennt sich die Sportart, die der Frankfurter Dietzel, Präsident der German Tent Pegging Union, und seine Teamkolleginnen trainieren. Eine Nischendisziplin im Reitsport, die bisher gerade einmal von 150 Reitern in Deutschland betrieben wird. „Ursprünglich kommt das Tent Pegging vom Kavalleriereiten“, erzählt Dietzel.

Trotz genauem Blick fällt der Ring neben Christian Dietzel und Pferd „Schatten“ zu Boden. Bild-Zoom Foto: ftv-Hamerski
Trotz genauem Blick fällt der Ring neben Christian Dietzel und Pferd „Schatten“ zu Boden.

Mindestens seit dem vierten Jahrhundert soll dieser Sport unter den berittenen Soldaten in Zentralasien oder dem Nahen Osten ausgeübt worden sein. Obwohl die Reiter im Kriegsgeschehen oftmals nicht zum Einsatz kamen, mussten sie trainieren. „Deshalb übten sie, im Galopp durch die feindlichen Zeltlager zu reiten und dabei mit Lanze oder Säbel die hölzernen Zeltpflöcke aus dem Boden zu ziehen, um die Feinde zu überraschen“, so Dietzel. „Das ist die Version, die ich glaube.“ Denn zur Herkunft des Tent Peggings gibt es viele Geschichten.

Wenige Wettkämpfer

Sicher ist aber, dass sich der Sport später durch alle europäischen Kavallerien und in den arabischen Raum verbreitete. Dort ist das Tent Pegging auch heute noch stark vertreten. In Deutschland gibt es nur etwa 25 Reiter, die regelmäßig an Wettkämpfen teilnehmen.

Geschafft: Der Peg ist aufgespießt. Bild-Zoom Foto: ftv-Hamerski
Geschafft: Der Peg ist aufgespießt.

Die weißen Pegs, die feinsäuberlich aufgereiht im Boden stecken, sind an diesem Sommerabend nicht die einzigen Ziele, die Dietzel und seine Teamkolleginnen anvisieren. Auf dem langen Stoppelacker bei Niddatal in der Wetterau stehen außerdem zwei Galgen. An ihnen hängen kleine Metallringe, die durch Magnete befestigt sind. Auch diese Überkopf-Ziele („Overheads“) müssen mit der Lanze vom Pferd aus eingesammelt werden.

Außer den Ringen können das auch Zitronen sein, die mit dem Säbel zerschnitten werden, ebenfalls im vollen Galopp, denn die Zeit für die 200 Meter lange Strecke ist auf wenige Sekunden begrenzt. Hinter den Galgen stecken dann wieder Pegs im Boden. Sie bilden den Abschluss. Wurden sie bis hinter die Ziellinie transportiert bzw. die Zitronen komplett zerschnitten, gibt es jeweils sechs Punkte. Wer am Ende des Wettkampfs die meisten Punkte gesammelt hat, gewinnt.

Auch im Team

Weil Tent Pegging nicht nur Einzelsportart ist, trainieren Dietzel und Teamkollegin Kim Möbus jetzt zu zweit. Auch zu viert kann beim Tent Pegging geritten werden. Im besten Fall bewegen sich die Reiter dann synchron. So stellen sich Dietzel und Möbus nebeneinander am Ende des Ackers auf. Die beiden sind nicht weiter voneinander entfernt als Fahrer und Beifahrer in einem Auto. Parallel wird nun angeritten, angetrabt, angaloppiert. Auf Kommando strecken beide die Lanze nach vorn und visieren dann den Peg im Boden an: Jetzt zustechen, die Lanze nach hinten führen und wieder zurück in die Ausgangsposition. Alles ist noch immer so synchron wie am Anfang, auch das Halten am Ende der Strecke.

Um sich im vollen Galopp mit Lanze oder Säbel in der Hand vom Pferd zu lehnen, bedarf es nicht nur reiterlichem Können, sondern auch Mut. „Respekt habe ich davor schon, Angst aber nicht“, sagt Dietzel. Zum Reiten sei er erst vor fünf Jahren über eine Freundin gekommen, die selbst als Dressurreiterin aktiv ist. „Ich wollte das schon immer mal machen und als sie dann nach Frankfurt gezogen ist, bin ich einfach mal mit an den Stall gegangen“, erzählt der 39-Jährige.

Was folgte, waren erste Stunden an der Longe und dann die Frage, wo es für ihn im Reitsport hingehen solle. Denn reine Freizeitreiter ohne Turnierambitionen wollte die Reitlehrerin nicht unterrichten. Um kein Turnier reiten zu müssen und dennoch weiter bei ihr Unterricht nehmen zu können, erklärte der studierte Historiker, dass ihn vor allem die Kavalleriereiterei interessiere. „Ich dachte, da gibt es ja im Reitsport nichts und damit wäre ich fein raus“, so der Frankfurter.

Das „schönste Hobby“

Doch weit gefehlt: Denn Dietzels Reitlehrerin hatte damals gerade einen Kavallerieverband in Bayern aufgebaut. „Durch diesen Kontakt bin ich dann irgendwann in die Tent-Pegging-Szene gekommen.“ Bis heute habe er das nicht bereut. „Es ist das schönste Hobby der Welt und passt zu meinen eigenen Interessen.“

Vor dem Tent-Pegging-Training muss der Aufbau der Ziele geplant werden. Bild-Zoom Foto: ftv-Hamerski
Vor dem Tent-Pegging-Training muss der Aufbau der Ziele geplant werden.

Mittlerweile war Dietzel bei Turnieren auf der ganzen Welt – von den Niederlanden über Indien, Pakistan oder den Oman – und landet dort auch immer wieder auf vorderen Plätzen. Im September stehen die Deutschen Internationalen Meisterschaften im thüringischen Crawinkel an. Danach geht es noch nach Norwegen, Südafrika und Ägypten.

Das günstigste Hobby hat sich Christian Dietzel mit dem Tent Pegging nicht ausgesucht. „Der Reitsport ist ja generell schon recht teuer“, sagt er. „Durch die Waffen aber vor allem auch die Reisen kommt da noch einiges dazu.“ Ein Hinderungsgrund ist das für ihn aber nicht. „Es ist einfach ein begeisternder Sport und man wird davon total gepackt.“

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