Tödliche Gefahr an der Wand?

Von Hermann Wygoda
Rund achtzig Prozent aller Neubauten werden mit Polystyrol gedämmt. Landläufig ist das Material besser unter dem Namen Styropor bekannt. Doch jetzt schlägt der oberste Frankfurter Feuerwehrmann Alarm: Diese Praxis müsse dringend überdacht werden, sagt er. Zu groß sei die Gefahr bei Bränden.
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Frankfurt. 

Das Feuer-Inferno in der Adickesallee zu Beginn dieser Woche hat den Chef der Frankfurter Berufsfeuerwehr, Reinhard Ries, aufschrecken lassen. Innerhalb von Minuten war die Styroporfassade auf einer Baustelle gegenüber dem Polizeipräsidium in Brand geraten; die Flammen loderten so stark, dass die Miquelallee komplett gesperrt werden musste – in beide Richtungen.

Man habe "unendlich viel Glück gehabt, dass keine Bauarbeiter auf dem Gerüst waren und die Apartments noch nicht bewohnt sind", sagte Reinhard Ries zur FNP. Die Flammen seien so heiß gewesen, dass sogar der Beton der Tragekonstruktionen abplatzte. Das Gebäude wäre, wenn es bewohnt gewesen wäre, "nicht mehr zu halten gewesen, da die Temperaturen mit der Möblierung noch viel höher gewesen wären", so der Frankfurter Feuerwehr-Fachmann.

Konkurrenzlos billig

Die Diskussion um den billigen Dämmstoff ist nicht neu. Das aus Rohöl gefertigte Polystyrol gilt nicht als feuerfest, sondern lediglich als schwer entflammbar. Ist die Hitze groß genug, fängt es Feuer. "Dann wirkt Styropor wie Brandbeschleuniger, treibt die Flammen in alle Richtungen, lässt Fensterscheiben platzen und das Feuer in weitere Wohnungen laufen", sagte Alfred Broemme bereits vor Jahren.

Der heutige Präsident des Technischen Hilfswerks (THW) war 2005 Einsatzleiter der Berliner Feuerwehr. Im April jenes Jahres hatte im Stadtteil Heinersdorf ein Großbrand ein Mehrfamilienhaus zerstört. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben.

Styropor hat einen großen Vorteil – zumindest für den Bauherrn: Es ist billig. Konkurrenzlos billig. Alternativen wie Steinwolle als Dämmmaterial kosten ein Vielfaches. Architekten sagten gegenüber dieser Zeitung, sie würden immer wieder die Erfahrung machen, dass Bauherren "gerade bei der Dämmung auf jeden Cent achten".

Nun hat die Diskussion um die Gefährlichkeit des Stoffes auch Frankfurt erreicht. Zwar gab es hier bei Großbränden mit Styropor noch keine Toten. Doch der Feuerwehrchef schlägt Alarm: "Polystyrol muss dringend überprüft werden. Es gilt zu untersuchen, ob größere Bauwerke damit noch gedämmt werden sollten", fordert er.

Ries sagt auch: "Es besteht akute Gefahr für Menschen in Gebäuden mit mehr als drei Stockwerken." Denn für die Feuerwehr sei in solchen Gebäuden "die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit erreicht".

Drei Fälle in Frankfurt

Auch der Frankfurter Feuerwehrdezernent Markus Frank zeigte sich besorgt. Er kam einer Bitte des Feuerwehrchefs nach, die Brandstelle an der Adickesallee zu begehen. Danach äußerte er sich auf Nachfrage der FNP so: "Das Problem ist erkannt. Es geht nun aber nicht darum, die Dämmung der Häuser aufzugeben. Doch müssen wir jetzt schnell untersuchen lassen, ob nicht andere Dämmmaterialien eingesetzt werden müssen."

Der Brand der mit Polystyrol gedämmten Fassade in der Adickesallee war in Frankfurt nicht der erste, den die Feuerwehr löschen musste. Bereits 2010 geriet in Sachsenhausen ein siebenstöckiges Wohn- und Geschäftshaus in Brand. Die Fassade war mit Styropor gedämmt worden. Die Bilanz des Feuers: Sachschaden in Höhe von rund 500 000 Euro, 21 verletzte Bewohner. Der zweite Brand einer gedämmten Fassade wurde Anfang November vorigen Jahres in der Battonstraße registriert.

Eine Zigarettenkippe genügt

Allen drei Bränden in Frankfurt ist gemeinsam, dass die Dämmplatten vermutlich durch eine – wie Experten formulieren – "besonders hohe Brandlast" entzündet wurden. Das kann im Zweifelsfall eine Zigarettenkippe gewesen sein, die achtlos auf einige vor der Baustelle aufgestapelte Polystyrol-Platten geworfen wurde – und binnen kürzester Zeit ein Feuer auszulösen vermag.

Offenbar sind die Styropor-Platten nicht so ungefährlich, wie die Zulassung als Baumaterial suggeriert. Brandsachverständige sagen, dass man bei der Einstufung nicht davon ausging, dass eine hohe Brandlast auf das Material einwirken würde.

"Wenn Sie Polystyrol mit einem Feuerzeug anzünden, dann schmilzt es tatsächlich nur – und es entsteht nur ein Loch", sagt ein Fachmann. Doch wenn, wie in Frankfurt wohl geschehen, eine Glut längere Zeit auf das Styropor einwirkt, "dann brennen die Platten in kurzer Zeit lichterloh!"

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Rund achtzig Prozent aller Neubauten werden mit Polystyrol gedämmt. Landläufig ist das Material besser unter dem Namen Styropor bekannt. Doch jetzt schlägt der oberste Frankfurter Feuerwehrmann Alarm: Diese Praxis müsse dringend überdacht werden, sagt er. Zu groß sei die Gefahr bei Bränden.
http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Toedliche-Gefahr-an-der-Wand;art675,334246
02.06.2012
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