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Trio bringt ein Quartett raus

Von Er tut alles für’s Wasserhäuschen: Hubert Gloss brachte Postkarten mit dem Trinkbuden-Motiv heraus, doziert in der Volkshochschule und leitet Führungen zu den schönsten Buden. Jetzt hat er sich mit anderen zusammengetan und ein Quartettspiel erstellt.
Ein Stich, ein As! Boris Borm, Hubert Gloss und Oliver Kirst (von links) haben sich mehrere Jahre Zeit genommen, um die Daten für ihr Quartettspiel zu recherchieren. Bilder > Ein Stich, ein As! Boris Borm, Hubert Gloss und Oliver Kirst (von links) haben sich mehrere Jahre Zeit genommen, um die Daten für ihr Quartettspiel zu recherchieren.
Frankfurt. 

Wasserhäuschen sind ihre Welt. Und mit einem Quartettspiel haben Hubert Gloss (57), Oliver Kirst (38) und Boris Borm (36) ihnen jetzt ein Denkmal gesetzt: Als „kleinen Häuschenführer zum Mitnehmen“ (Gloss), ein „Spiel für alle von sechs bis 99“ (Borm), ein „Geschenk für Ex-Frankfurter“ (Kirst), soll das in einer Auflage von 2000 Stück gedruckte Quartettspiel ab 6. November erhältlich sein.

Es ist eine Welt für sich, das Wasserhäuschen. Nicht unbedingt eine Frankfurter Besonderheit – im Ruhrgebiet gibt es die Trinkbuden auch –, hat es doch eine besondere Tradition in Frankfurt. „800 Büdchen hat es in Frankfurt noch Ende der 70er Jahre gegeben. Inzwischen dürften es noch 200 sein“, schätzt Kirst. Der Sozialpädagoge hat vor zwölf Jahren seine Diplomarbeit über Frankfurts Wasserhäuschen geschrieben. Damals lernte er auch Gloss kennen. Gloss ist Journalist und schreibt auch für diese Zeitung. 1991 hat er das Wasserhäuschen als Kulturgut entdeckt. Seitdem hat es ihn nicht mehr losgelassen. „Das Wasserhäuschen ist barrierefrei. Da steht der Anzugträger ebenso wie der Handwerker“, sagt Gloss.

Alternative zur Tankstelle

Dritter im Bunde der Quartettmacher ist Boris Borm. Er sieht im Wasserhäuschen einen Treffpunkt für die Nachbarschaft. Das eine oder andere Büdchen habe Gebäck vom örtlichen Bäcker im Angebot. „So kann die lokale Infrastruktur gestärkt werden. Wo sollen die Leute hingehen, wenn es nur noch Aldi, Tengelmann und abends die Tankstelle gibt?“ Vor einem Jahr ist Borm zum Team gestoßen. Als Fotograf hat er das Design des neuen Quartetts übernommen.

Dabei haben die drei sich Mühe gegeben. Seit zweieinhalb Jahren recherchieren Gloss und Kirst bei Frankfurts Wasserhäuschen. Wie lange ist die Theke? Das Spektrum der 32 Büdchen im Quartett reicht von 2,61 Metern in der Trinkhalle Merz in der Seckbacher Landstraße bis zu 14,60 Metern bei Dimitris Wasserhäuschen am Kurfürstenplatz. Auch andere Dinge sind vergleichsweise einfach herauszufinden: Die meisten Sorten Fruchtgummi hat der Einkaufskiosk Mozkurt im Harheimer Weg, 37 nämlich, die wenigsten gibt’s beim Imbiss Lang in der Deutschordenstraße, nämlich vier. Dagegen ist der Kiosk Morkan in der Espenstraße das Schlusslicht bei der Bierauswahl (vier Sorten), während es im Cassella-Eck in der Cassellastraße die Auswahl aus 31 Sorten gibt. Die Öffnungszeiten in Stunden pro Woche haben die drei Quartettmacher ebenso herausgefunden wie die Eintrachtfieberkurve: Am meisten fiebert man beim Snack FM in der Eschweger Straße, am wenigsten – glaubt man Gloss und seinen Mitstreitern – am Wasserhäuschen Limes in der Franz-Rücker-Allee. Ob das so stimmt? „Man sollte es mit Humor nehmen“, rät Gloss.

Eine weitere, eher subjektive Wertung ist der „Kinderspaßfaktor“. Kirst erläutert jedoch: „Es ist nicht nur subjektiv. Wir haben nicht nur die Zahl der Fruchtgummisorten betrachtet, sondern auch die Frage, ob es Wassereis gibt und vor allem, wie geduldig der Betreiber mit Kindern ist.“ Wenn zehn Cent vom Taschengeld für etwas Süßes ausgegeben werden und die Entscheidung zwischen verschiedenen Bonbons schwer fällt, kann es eben etwas dauern, bis eine Kaufentscheidung gefallen ist. Die Auswahl und Präsentation von Kinderzeitschriften spielt ebenfalls eine Rolle.

Die drei haben das Quartett auf eigene Kosten drucken lassen und jetzt die Lieferung bekommen: Zehn Pakete mit je 200 Kartenspielen stapeln sich in ihren Kellern. „Wir werden nicht reich“, lacht Gloss. „Aber es ist ein Beitrag zum Erhalt der Wasserhäuser.“

Espresso an der Kiosktheke

Kirst hat es erforscht: Die Häuschen können sich stark unterscheiden, vom jungen Betreiber, der die Bude in einer Wohnlage in Richtung Espresso-Bar weiterentwickelt bis zum ganz traditionellen Arbeiter-Treffpunkt, wie es ihn in den Außenbezirken noch gibt. Etwa in Fechenheim, wo polnische Arbeiter ihre Pause bei Bier und Zigaretten verbringen. „Dass sich überwiegend Alkoholiker dort treffen, ist gar nicht mehr richtig“, sagt Kirst. Der schlechte Ruf kommt eigentlich erst in den 70er Jahren auf, aber jetzt sei das schon wieder vorbei. Gloss glaubt zudem, dass es in allen Gesellschaftsschichten Süchtige gibt. Wie eine Bude sich entwickelt, liege vor allem am Betreiber.

200 Wasserhäuschen gibt es in Frankfurt noch, schätzt Kirst, und viele haben die typische runde Form. Diesen Stil hat der Groß-Betreiber Adam Jöst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingeführt. Erstmals im 19. Jahrhundert konnten Arbeiter dort Sprudelwasser kaufen. Denn Frankfurts Trinkwasser war ungekocht giftig. Arbeiter löschten den Durst deswegen mit Bier. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es erstmals möglich, Mineralwasser samt Kohlensäure in Glasflaschen zu versiegeln – der Beginn der Wasserhäuschen. Vor zwölf Jahren, als Kirst seine Diplomarbeit geschrieben hat, gab es noch rund 300 der Büdchen im Stadtgebiet. Die liberalisierten Ladenöffnungszeiten machen aber vielen der Verkaufsstätten zu schaffen. Denn Ladenschluss um 18.30 Uhr hat es für den Betreiber eines Wasserhäuschens gar nicht gegeben. So hat der Rekordhalter, Kiosk Morkan, 134 Stunden pro Woche geöffnet.

Das Wasserhäuschen-Quartett kostet 7,90 Euro und ist ab 6. November an vielen Wasserhäuschen und im Forum Frankfurt auf dem Römerberg zu haben. Weitere Verkaufsstellen werden unter www.wasserhäuschen.eu veröffentlicht.

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