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Tuberkulose ist wieder Thema

Von Nachdem das Verschwinden eines Tuberkulose-Patienten bekannt wurde, sind viele Menschen in Sorge. Aber es ist nicht das erste Mal, dass Kranke trotz der Ansteckungsgefahr einfach untertauchen.
Frankfurt. 

Das Hessische Sozialministerium hat dem Frankfurter Gesundheitsamt gestern den Rücken gestärkt: Die Mitarbeiter dort hätten nach der Flucht eines Tuberkulose-Kranken aus dem St. Katharinen-Krankenhaus in Bornheim „ordnungsgemäß gehandelt“.

„Wovor hätten wir auch warnen und wie hätten sich die Frankfurter dann verhalten sollen – alle zu Hause bleiben?“, fragt Udo Götsch, Experte der Abteilung Infektiologie im Stadtgesundheitsamt. Nach wie vor betrachtet man die Situation dort mit sachlicher Gelassenheit. „Natürlich besteht die Gefahr, dass der Mann jemanden anstecken könnte. Aber dafür müsste sich jemand über Stunden mit ihm in einem Raum aufhalten“, so Götsch. „Bei diesem alleinstehenden und obdachlosen Patienten kämen Bewohner in Obdachlosenunterkünften als potenziell gefährdete Kontaktpersonen in Frage. Diese Gruppen wurden informiert“, ergänzte seine Chefin Ursel Heudorf.

Erreger mitgebracht

Auch wenn eine offene Lungentuberkulose (Tbc) leicht, nämlich schon durch Niesen oder Husten übertragbar ist, bestünde bei flüchtigen Begegnungen mit dem 33-Jährigen keine Ansteckungsgefahr. „Das sagt unsere Empirie. Wir haben so gut wie nie Fälle, in denen wir nicht feststellen können, wo sich jemand angesteckt hat“, versichert Götsch. 84 Prozent der Frankfurter Tbc-Patienten seien nicht in Deutschland geboren. „Die meisten haben sich schon in ihren Heimatländern angesteckt.“ Tuberkulose-Keime seien „Überlebenskünstler“, es kann lange dauern, bis die Krankheit ausbricht.

Wenn also Gefahr besteht, dann geht sie nicht allein von dem nach seiner Flucht unfreiwillig berühmt gewordenen Bulgaren aus. „Wir haben in der Stadt jährlich 50 bis 70 Fälle von offener, also hoch ansteckender Tuberkulose. Und im Durchschnitt dauert es zwei Monate, bis die Diagnose gestellt ist. So lange bewegen sich die Menschen ja auch frei durch die Stadt“, berichtet Götsch. Mancher lebe sogar Jahre mit der Krankheit, die sich anfänglich durch Husten äußere.

Wenn feststeht, woran sie leiden, begeben sich die meisten Menschen bereitwillig in Behandlung. Nach einigen Wochen ist dann zumindest die Ansteckungsgefahr gebannt. Anders als es die weltweite Statistik vermuten lässt, ist Tuberkulose gut therapierbar. In Deutschland stehen die dafür wirksamen Antibiotika zur Verfügung. Als tödlich endende Infektionskrankheit Nummer eins gilt Tuberkulose, weil sie vor allem in den Entwicklungsländern spät oder gar nicht diagnostiziert wird und es dann an notwendigen Medikamenten fehlt.

„In Einzelfällen kommt es immer wieder vor, dass sich Patienten der Behandlung entziehen. 2014 sind in Frankfurt zwei Patienten untergetaucht. Nach ihnen wird wegen der Ansteckungsgefahr noch immer gefahndet“, so Götsch.

Bis 2050 ausrotten

Keine guten Nachrichten angesichts der Tatsache, dass sich die Nationen unter Führung der Weltgesundheitsorganisation WHO das Ziel gesetzt haben, Tuberkulose als Krankheit auszurotten. In Deutschland schien man dabei auf einem guten Weg, bis zum Jahr 2035 soll eine „Präelimination“ mit weniger als einer Erkrankung pro 100 000 Einwohner erreicht sein. Derzeit sind es fünf. Bis 2050 sollte Tuberkulose dann so gut wie ganz aus den Statistiken verschwunden sein.

Doch das Ziel ist in Gefahr: „Jahrelang gingen die Zahlen nach unten, seit drei Jahren steigen sie wieder“, bestätigt Götsch. Das hat mit dem aktuellen Anstieg der Einwanderungszahlen zu tun, vor allem Flüchtlinge aus Ländern wie Eritrea, Somalia, auch Rumänien bringen die Erreger mit ins Land. Bundesweit, so Götsch, sei im ersten Halbjahr ein Anstieg der Infektionen um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. „Das gab es seit 50 Jahren nicht mehr.“ Auch in Frankfurt steigen die Zahlen: In diesem Jahr wurden bislang 62 Fälle gemeldet, im gesamten Jahr 2014 waren es 139, im Jahr davor nur 102 Fälle.

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