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Erfindergeist: Typograph digitalisiert und verkauft die Handschriften von Einstein, Freud und Luther

Einen Brief mit der Handschrift Albert Einsteins verfassen. Oder sich ein Tattoo stechen lassen mit den altertümlichen Buchstaben Martin Luthers. Harald Geislers Schriftarten für den Computer machen’s möglich – und bescheren dem Frankfurter Kunden in aller Welt.
Buchstabe für Buchstabe: Harald Geisler überschreibt am Whiteboard die Unterschrift Martin Luthers. Bilder > Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA Buchstabe für Buchstabe: Harald Geisler überschreibt am Whiteboard die Unterschrift Martin Luthers.
Frankfurt. 

Wenn Harald Geisler von seinen Handschriften-Projekten erzählt, dann erntet er gelegentlich verwunderte, manchmal irritierte Blicke. Ob er denn jetzt Ähnliches mache wie einst Konrad Kujau, der Fälscher der Hitler-Tagebücher, fragten seine Eltern anfangs etwas ratlos.

Der Frankfurter Künstler und Typograph schmunzelt, als er davon erzählt. Denn an Fälschungen hatte er überhaupt nicht gedacht – damals, vor acht Jahren, als er gerade sein Studium der visuellen Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach beendet hatte und mit zwei Freunden überlegte, wie es nun weitergehen könnte.

Und plötzlich stand da dieser Gedanke im Raum: Jeder will doch wie ein Genie schreiben können – warum nicht das Mittel dafür schaffen? Sprich: einen Font, also die digitale Fassung einer Schriftart, von der Handschrift eines Genies? Genau das machte der 37-Jährige – zunächst mit der Schrift des Psychoanalytikers Sigmund Freud, dann mit derjenigen Albert Einsteins. Er reiste zum Freud-Archiv nach Wien und nach Jerusalem, wo Einsteins Nachlass verwaltet wird, um die handschriftlich verfassten Briefe und Aufzeichnungen der beiden Genies bis ins Detail zu studieren. Versuchte die Bewegungen beim Schreiben nachzuvollziehen. Wo setzte Freud an, wenn er sein schwungvolles „T“ schrieb? Wie genau fabrizierte Einstein diese Girlanden beim „G“? An welchen Stellen drückten sie ihre Schreibfedern stärker aufs Papier, so dass dickere Striche und Linien entstanden?

Genaue Ungenauigkeiten

Die beiden Fonts, die Geisler schon entwickelt hat, kommen den Originalen verblüffend nah. Was auch daran liegen dürfte, dass er kleine Unregelmäßigkeiten eingebaut hat. Etwa dadurch, dass es jeden Buchstaben in vier bis sechs Varianten gibt, die sich automatisch abwechseln, während der Nutzer an seinem Laptop oder in sein Handy tippt. Mal ist Freuds „o“ beispielsweise ein wenig runder, mal länglicher – als hätte der Meister selbst zur Feder gegriffen.

Passend zum gerade beendeten Reformationsjubiläum hat sich der Künstler jetzt Martin Luther vorgenommen. Eine Herausforderung, auch wegen der historischen Formen. Schließlich habe man im 16. Jahrhundert beim Schreiben viel mehr Freiheiten gehabt als heute, weiß Geisler. Ob man „drei“ notierte oder „drey“, ob Klein- oder Großbuchstaben am Wortanfang, ob man das „s“ als langgezogenen Buchstaben aufs Papier malte oder als kleinen Kringel – wen kümmerte das schon in Vor-Duden-Zeiten?

Preis: 35 Euro

Genau diese Bandbreite soll sich auch in dem Luther-Font widerspiegeln. Fünf handgeschriebene Dokumente nutzt Geisler als Basis dafür, die ihm in digitaler Form von Archiven zur Verfügung gestellt wurden. Zum Beispiel einen Brief des Reformators an Kaiser Karl V. Einen Prototypen mit 14 Buchstaben und vier Zahlen gibt es schon, Ende Februar soll der Font dann fertig sein.

Die Entwicklung seines Projekts finanzierte er über Crowdfunding. Hunderte von Internet-Nutzern spendeten. Die Ergebnisse gibt es ab 35 Euro zu kaufen. Und verbreiten sich in aller Welt. Ein US-Sender habe seinen Einstein-Font für eine Dokumentation über das Genie verwendet. Aber auch etliche private Nutzer gibt es. „Ein Mann hat mir geschrieben, dass er an einer Krankheit leidet, die ihn seine Erinnerungen verlieren lässt“, erzählt der Künstler. „Jetzt schreibt er seine Erinnerungen auf – und benutzt dafür Einsteins Schrift.“ Ein Australier, der nostalgische Puppenhäuser baue, habe nach einem Schrifttyp aus dem 19. Jahrhundert gesucht. „Dafür nimmt er jetzt Freuds Schrift.“ Wieder andere ließen sich Zitate von Einstein oder Freud eintätowieren und benutzten dafür die Fonts. Eigentlich, sagt der 37-Jährige nachdenklich, könne er mit Tätowierungen wenig anfangen. „Aber das berührt mich schon.“ Weitere Fonts sind übrigens schon in Planung. Als nächstes, sagt der Künstler, wolle er sich der Handschrift Martin Luther Kings widmen.

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