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Flüchtlinge in der Frankfurter Gutleutkirche: Überleben und arbeiten

Verfolgung, Krieg und Flucht: Die Männer, denen die Frankfurter Gutleutkirche Unterschlupf bietet, haben Schlimmes erlebt. Jetzt hoffen sie auf eine bessere Zukunft. Auf Arbeit in Deutschland.
Adam ist in der Frankfurter Gutleutkirche untergekommen. Zusammen mit rund 20 weiteren Männern aus Afrika ist der 33-jährige Ghanaer seit vielen Monaten in Hessen und blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Foto: dpa Adam ist in der Frankfurter Gutleutkirche untergekommen. Zusammen mit rund 20 weiteren Männern aus Afrika ist der 33-jährige Ghanaer seit vielen Monaten in Hessen und blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Foto: dpa
Frankfurt.  Im Fernsehen hüpfen bunte Süßigkeiten über einen Tisch, und Ola starrt hinüber. Kurz lässt sich der Nigerianer ablenken. Dann holt er sich mit einem leichten Ruck zurück in die Gegenwart der Frankfurter Gutleutkirche. Dabei hat er kaum etwas vom Hier und Jetzt zu erzählen. Seit Ola aus Italien nach Deutschland gekommen ist, wartet er nur. In Italien ist er als Flüchtling anerkannt, konnte wegen der Wirtschaftskrise dort aber nicht mehr arbeiten - und hier darf er nicht.

Während das TV-Programm weiter läuft, bewegt sich Ola nicht. Die Süßigkeiten, so verspricht die Werbung, machen Kinder froh. Olas zwei Kinder aber klagen, wenn er sie in Nigeria anruft. Vor zwölf Jahren hat er sie verlassen, «es ist lange her», sagt er auf Englisch. Darüber will er nicht viel erzählen. Nur: Die nigerianische Regierung habe ihn verfolgt, jetzt muss er der Familie Geld schicken, «sie sind ganz von mir abhängig». Aber er kann nichts tun, nur warten, gemeinsam mit 20 anderen Männern aus verschiedenen Staaten Afrikas, die seit November in dem ehemaligen Kirchengebäude im Gutleutviertel leben.

Susanne Fröhlich, Pfarrerin der evangelischen Cantate-Domino-Gemeinde und Koordinatorin der spontanen Flüchtlingshilfe, nennt die Männer «Wanderarbeiter». Nach ihren Angaben sind sie legal in der Bundesrepublik. Mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung in Italien oder Spanien dürften sie nach Deutschland reisen und drei Monate bleiben, erklärt sie. Dann aber müssten sie zurück und die Genehmigung verlängern lassen. Arbeiten dürfen sie hier nicht.

Das musste auch Adam aus Ghana von der Polizei erfahren, als er in Frankfurt ankam. Da hieß es: Er dürfe hier seine Zeit «genießen», Urlaub machen. Sonst nichts. Das sind die Bestimmungen. «Anerkannte Flüchtlinge und Menschen mit vergleichbarem Status sollen sich freizügig bewegen können», fordert Bernd Mesowitsch von Pro Asyl. «Warum sollen die nicht entlang von Beschäftigungschancen wandern können wie andere auch?»

Noch aber gibt es diese Freiheit nicht, und zunächst hatte Adam nach seiner Flucht aus Libyen ja auch Arbeit in einer Küche in Italien gefunden. «Sie waren sehr zufrieden mit mir», erzählt er. In Libyen hatte er Brücken gebaut, für den Küchenjob war er überqualifiziert. Aber alles sei besser, als in Ghana sich an den Mördern seines Vaters zu rächen oder in Libyens Krieg zu sterben.

Wie Adam sind die meisten Männer in der Kirche schon vor Jahren aus Afrika auf der italienischen Insel Lampedusa angekommen, danach arbeiteten sie im Süden Europas. Auch Ola, der noch immer regungslos vor dem Fernseher sitzt und mit knappen Worten erzählt. Nach dem Konflikt mit der Regierung in Nigeria sei er zuerst nach Libyen geflohen, dann ging es für 1000 Dollar weiter nach Italien, das war 2003. Der Computertechniker hoffte auf bessere Arbeit in Europa, und für eine Weile funktionierte das auch. Acht Jahre lang verdiente er genug Geld. Dann aber erfasste die Krise auch ihn.

Ola verlor seinen Job, und nach zwei Jahren erfolgloser Suche brach der 45-Jährige nach Deutschland auf. «Denn ich will nicht stehlen und nicht zu einer kriminellen Gruppe», sagt er. Aber hier blieb ihm, wie auch Adam, nichts anderes übrig als mit anderen Flüchtlingen unter der Untermainbrücke zu schlafen, ohne Matratzen und Decken, bis in den November hinein. Dann hat ihnen die Kirche Obdach gegeben, zunächst in der Cantate-Domino-Kirche, später dann im Gutleutviertel. «Aber das Ende des Winters hat begonnen», sagt Fröhlich. Bislang weiß auch die Pfarrerin nicht, was Ende März mit den Männern geschehen soll. Bis dahin ist den Männern die Herberge in der Kirche sicher.

Müssten die Flüchtlinge Deutschland verlassen, stünden sie wieder «vor dem Nichts», betont die Pfarrerin, nur sechs von ihnen hätten eine Arbeitserlaubnis in Deutschland. Dabei hätten einige Firmen durchaus Arbeit angeboten. Einen Job bekommen aber auch Flüchtlinge mit Arbeitsgenehmigung nur, wenn niemand sonst ihn will.

Eine Wendung, auf die sie alle hoffen. «Schau, wir sind kräftig! Wir können arbeiten!», sagt Adam und reckt seine Arme nach oben, um seine Statur zu zeigen. Dann setzt er sich und nimmt eine grün bemalte Gitarre auf den Schoß. Er dreht sie und lässt sie wie ein Maschinengewehr rattern. «Wenn du die Bomben siehst und der Boden wackelt, willst du weg», sagt er über Libyen.

Untereinander verstehen die Männer ihre Geschichten ohne viele Worte. «Das Leben retten», sagt Ola mehrmals, und mit einem Kopfnicken bedeutet er, das sei doch genug als Erklärung.

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