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Seelsorge: Ulrike Johanns ist seit bald 20 Jahren Pfarrerin am Flughafen

Von Für die meisten Reisenden bedeutet der Airport etwas Freudiges, etwas Aufregendes. Manche haben eine derart enge Beziehung zu ihm, dass sie ihre Kinder dort taufen lassen. Doch auch Tod, Krankheit oder Krisen gehören zum Alltag. Die Theologin Ulrike Johanns (63) kennt alle Facetten.
Ulrike Johanns inmitten ihrer Gemeinde: Es ist der Airport mit seinen 80 000 Mitarbeitern und seinen täglich 170 000 Flugreisenden. Foto: Heike Lyding Ulrike Johanns inmitten ihrer Gemeinde: Es ist der Airport mit seinen 80 000 Mitarbeitern und seinen täglich 170 000 Flugreisenden.
Frankfurt. 

Ulrike Johanns erzählt. Vom Zuhören. Vom Innehalten. Vom Schweigenkönnen. Sie erzählt, wie es ist, ein Anker zu sein, „eine Boje“, wie sie sich selbst sieht. In einem Kosmos wie dem Flughafen wirkt sie mit ihrer Ruhe und Gelassenheit wie ein Damm, an dem die tosenden Wellen brechen. Ihr vertrauen Fremde ihre Sorgen, ihren Kummer, ihre Ängste an. Möglicherweise, weil sie wissen, dass diese Nähe, diese Intimität flüchtig und vergänglich sein werden. Sie sind Reisende. Frankfurt, sein Flughafen für sie nur eine Durchgangsstation, ein Fleck auf der Landkarte. Heute hier, morgen dort, übermorgen woanders.

Ulrike Johanns schätzt diese Begegnungen. Sie haben bei ihr in bald 20 Jahren als Pfarrerin am Airport so viele Spuren hinterlassen, dass sie beschloss, sie in einem Buch festzuhalten. Ein schmales Bändchen mit nur 68 Seiten, das durch das Zusammenspiel von kurzen Texten und Fotos von Dagmar Brunk seine besondere Wirkung erlangt. „Lese-Bilder-Buch“ nennt es die evangelische Theologin.

Manchmal ergeben sich diese Begegnungen im Terminal: Die 63-Jährige ist durch einen Button als Mitarbeiterin des Flughafens zu erkennen – wenngleich auch nicht als Pfarrerin. Aus diesen eher zufälligen Treffen entstehen erst allgemeine Gespräche über Dies und Das, und nicht selten münden sie in ein intensives Zusammenkommen zweier Menschen. Und dann sind da diejenigen, die sie gezielt aufsuchen: meistens Airport-Angehörige, Teil ihrer 80 000-köpfigen Gemeinde. Einige Hundert kommen jedes Jahr zu ihr, und noch mehr kennt sie. Wer sie im Terminal begleitet, sollte Zeit einplanen: Hier ein „Hallo, wie geht’s?“, dort ein Pläuschchen.

Als sie 1997 gefragt wurde, ob sie als Seelsorgerin am Flughafen arbeiten wolle, konnte sie sich das nicht so recht vorstellen, sagt Ulrike Johanns. „Da stand ich auf der Rolltreppe zu meinem heutigen Büro und dachte: ,Was soll schon passieren, wenn ich es nicht mache?’“ Die Anonymität, die Schnelllebigkeit, das Flüchtige – all das bewegte sie.

Heute sei sie froh, ihre Zweifel und Bedenken überwunden zu haben. Es sind Freundschaften entstanden, sie und ihr katholischer Kollege Heinz Goldkuhle sind Teil der Airport-Familie. Das spiegelt sich auch in Johanns’ Buch: Unter den Autoren sind Dr. Matthias Zieschang, Vorstand Finanzen und Controlling der Fraport AG, und Andreas Döpper, Leiter Station Frankfurt der Lufthansa.

Der Tod gehört dazu

Es hat zahlreiche freudige Momente gegeben: Taufen, Eheschließungen oder einfach nur die stillen Momente. Eine dieser Begegnungen schildert Ulrike Johanns beispielhaft in ihrem Buch. Ein Mann wartet auf seinen Abflug. Er ist in Gedanken bei seiner Mutter, die operiert wird. Er kann nicht bei seinem Vater sein und bittet die Pfarrerin daher, eine weitere Gebetskerze für ihn zu entzünden, wenn die gerade brennende verloschen ist.

„Er schaut einen Moment in das flackernde Licht, sagt wie zu sich selbst: ,Noch bevor ich abfliege, werde ich anrufen und erzählen, dass in der Kapelle eine Kerze für sie brennt. Das wird ihn trösten.’. Dann verabschiedet und bedankt er sich mit einem festen Händedruck, eilt in Richtung Gate und hat das Handy schon am Ohr.“

Diese Gegensätze sind es, die aus der gebürtigen Westerwälderin eine überzeugte und leidenschaftliche Flughafen-Pfarrerin werden ließen. „Für Reisende bedeutet dieser Ort in der Regel ja etwas Freudiges und Aufregendes. Wenn dann etwas passiert, wiegt es umso schwerer. Sie sind darauf einfach nicht vorbereitet. Es passt nicht in ihre aktuelle Lebenssituation.“

Das beinhaltet auch den Tod: Wenn ein Passagier während des Fluges stirbt, ist es Ulrike Johanns, die den Angehörigen Trost spendet. Andere Orte dafür sind ihr Büro in der Halle B im Terminal 1, nahe der Kapelle. Diese Kapelle ist nicht die einzige im Flughafen. In den 1990er-Jahren wurde eine im Transitbereich von Terminal 2 eröffnet und vor zwei Jahren eine weitere im Transitbereich von Terminal 1, neben dem muslimischen und dem jüdischen Gebetsraum.

Schwierige Anfänge

Krisensituationen sind der 63-Jährigen, die mit ihrem Mann in Bockenheim wohnt, nicht fremd. Bevor sie zum Flughafen kam, war sie 15 Jahre lang Krankenhaus-Pfarrerin, zuletzt im Elisabethenstift in Frankfurt. Daher wusste sie, wie es ist, fast täglich auf neue Menschen zu zugehen. „Jeder Tag ist ein neues Sich-Begegnen“, sagt sie. Zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn ging sie im Vikariat ein Jahr nach Südafrika. Zu der Zeit herrschte dort noch Apartheid – die Rassentrennung im Land. Das hat ihren Blick auf die Welt und auf die Menschen geprägt.

Wer Ulrike Johanns kennt, wundert sich über ihren Exkurs ins Literarische und Künstlerische nicht. Schon wenige Monate nach ihrem Dienstantritt hat sie 1998 eine Konzertreihe am Flughafen aufgelegt. Unter der Überschrift „Die andere Mittagspause“ findet jeden Monat ein Konzert statt. „Ich hatte mich damals gefragt, was ein Format der evangelischen Kirche an einem Flughafen sein kann. Da kam ich schnell auf die Kirchenmusik.“ Die Anfänge seien schwierig gewesen. Organisten umliegender Gemeinden davon zu überzeugen, vor einer überschaubaren Zuhörerschar zu spielen, habe Kraft gekostet, sagt Johanns mit einem Schmunzeln. Bis der damalige Professor für Orgel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Martin Lücker, ihr anbot, dass seine Studenten bei ihr auftreten. Darunter befand sich unter anderem der damals noch unbekannte Gitarrist Kay Diederichs. Heute wird er international gefeiert, und Ulrike Johanns sagt ohne Bedauern: „Ihn könnte ich heute nicht mehr bezahlen.“

Ort der großen Gefühle

Die Bandbreite der musikalischen Beiträge ist über die Jahre gewachsen. Eines Tages fragten auch Flughafen-Mitarbeiter, ob sie auftreten dürften. Da gibt es die Craned Strings der Lufthansa, das Ensemble Surprise und die Angels on Air: „Mir sagen danach viele, dass sie den Raum in einer anderen Stimmung verlassen, als sie ihn betreten haben.“

Überhaupt ist der Flughafen ein Ort für große Gefühle: sich zu trennen, geliebte Menschen zurückzulassen, Wiedersehen mit ihnen zu feiern, Ankommende in die Arme zu schließen, allein aus verschiedenen Richtungen Gekommene, die gemeinsam das Terminal verlassen – vereint. Es gibt einen Kinofilm, der die Magie dieses Gehens und Kommens auf wunderbarste Weise einfängt: „Tatsächlich Liebe“, ein britischer Film, der die Gratwanderung zwischen Kitsch und Melancholie meistert, wie es nur britische Filme vermögen.

An ihn fühlt sich Ulrike Johanns erinnert, wenn sie durch ihren Flughafen („Alle anderen sind doch nur Flugplätze.“) geht. In einer der 18 kurzen Geschichten in ihrem Buch der Begegnungen zitiert sie eine Passage daraus. Da heißt es: „Wenn mich die weltpolitische Lage deprimiert, denke ich immer an die Ankunftshalle im Flughafen Heathrow. Es wird allgemein behauptet, wir lebten in einer Welt voll Hass und Habgier. Aber das stimmt nicht. Im Gegenteil, mir scheint, wir sind überall von Liebe umgeben ...“ Liebe – davon erzählt Ulrike Johanns in ihrem Buch.

Das Buch

Ulrike Johanns, Begegnungen. Zwischen Ankunft + Abflug. Im Selbstverlag mit 3000 Exemplaren erschienen, für 12,99 Euro ab 11. Oktober erhältlich, zunächst nur in der Virgin-Buchhandlung im Durchgang zwischen Abflughalle A und B.

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