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Frankfurts Sozialdezernat informiert: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: Schwere Aufgabe für Pflegeeltern

Von Als das Frankfurter Sozialdezernat auf dem Höhepunkt der Welle der Hilfsbereitschaft Pflegeeltern für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge suchte, war der Andrang riesig. Doch von zahlreichen Bewerbern sind nur wenige übrig geblieben.
Der Andrang war groß vor dem Sozialamt beim Informationsabend, bei dem Pflegefamilien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesucht wurden. Foto: Rainer Rüffer Der Andrang war groß vor dem Sozialamt beim Informationsabend, bei dem Pflegefamilien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesucht wurden.
Frankfurt. 

330 Interessierte meldeten sich bei einer Veranstaltung des Frankfurter Sozialamtes am 9. September 2015, als Pflegeeltern für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge gesucht wurden. 130 durften in den Saal, 200 mussten abgewiesen werden. Zu einem Wiederholungstreffen kamen weitere 30 Personen. Offiziell bewarben sich dann 75 Haushalte, darunter auch Alleinerziehende.

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Pflegeeltern für unbegleitete minderjährige Asylsuchende Kommentar: Ein Erfolg der offenen Haustüren

Wenn sich 75 Frankfurter Haushalte um die Aufnahme eines Flüchtlings bewerben und am Ende 25, respektive nun 16 Jugendliche ein Zuhause bei Gasteltern finden, ist das nun ein Erfolg oder ein Misserfolg? Ein Kommentar von Thomas Remlein.

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Dass auf die Bewerber keine einfache Aufgabe wartet, machten die Mitarbeiter des Sozialamtes schon bei den Infoveranstaltungen klar und wiesen auf die Herausforderungen hin. Die Jugendlichen sind häufig traumatisiert. Sie haben in ihren Heimatländern Krieg und Gewalt erlebt und eine gefahrvolle Flucht hinter sich. Aufgrund der traumatischen Erfahrungen leiden manche Jugendliche unter psychosomatischen Störungen wie Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen. Sie kommen aus fremden Kulturkreisen und sind fast zu hundert Prozent sunnitische Muslime.

Mit Händen und Füßen

In Afghanistan sind 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten – diese Flüchtlinge können oft weder Englisch noch Deutsch. Pflegeeltern mussten sich zumindest anfangs mit Händen und Füßen verständigen, denn ein halbes Jahr lang gab es nicht genügend Plätze in den Sprachkursen. „Die Pflegeeltern müssen sich einfühlen und gleichzeitig klare Ansagen machen“, erläuterte Christiane Steinwedel, die Leiterin des besonderen Dienstes bei der Jugendhilfe, den Spagat, den es zu leisten gilt.

„In einem ersten Schritt überprüften die Mitarbeiter des Sozialamtes die Motivlage der Bewerber und machten Hausbesuche“, erklärte Claudia Tull, Teamleiterin Pflegekinderhilfe und Adoption bei Frankfurter Jugend- und Sozialamt. In einigen Fällen fehlte das Zimmer für den Flüchtling, in anderen protestierten eigene Kinder gegen die Unterbringung eines Fremden. Einige der jungen Flüchtlinge geisterten aufgrund ihrer Traumatisierung nachts umher, andere „Gasteltern“ waren beruflich zu stark beansprucht. „Ältere alleinstehende Damen waren bei den Flüchtlingen nicht so beliebt“, räumte Tull ein. Die zweite Phase war dann die Anbahnung zwischen den jugendlichen Flüchtlingen und den potenziellen Pflegeeltern. Zwischen dem Kennenlernen und dem Umzug ins neue Heim vergingen drei Wochen bis zu drei Monaten.

Seit dem Jahr 2015 sind in Frankfurt 25 der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Pflegefamilien untergekommen, davon sind 21 männlich, vier weiblich. Die meisten kommen aus Afghanistan (14), aus Eritrea (drei), aus Syrien (drei), jeweils einer aus dem Irak, Gambia, Äthiopien, Somalia und dem Kosovo. Aktuell leben noch 16 Jugendliche in Pflegefamilien, 14 sind männlich, zwei weiblich. Die Pflegeverhältnisse von neun Jugendlichen (sieben männlich, zwei weiblich) wurden beendet.

Einer fühlte sich als Prinz

Die Gründe dafür waren unterschiedlich. Einige wurden volljährig, so dass sie sich von der Familie lösen wollten. Oder das Einvernehmen zwischen der Pflegefamilie und dem Schützling funktionierte nicht mehr ausreichend. In einem Fall hat die starke Traumatisierung des Minderjährigen eine andere Form der Betreuung notwendig gemacht. Ein Mädchen wollte lieber mit der Freundin, mit der sie auf der Flucht zusammen war, in einer Einrichtung leben, ein Junge hatte laut den Sozialarbeitern „eine unrealistische Anspruchshaltung“. Das bedeutet, er fühlte sich als Prinz.

Viele positive Erfahrungen

Es gibt aber auch viele positive Fälle. „Am besten läuft es in Familien, die bereits ältere Kinder haben“, sagte Christiane Steinwedel, die Leiterin des Besonderen Dienstes bei der Jugendhilfe. Es gebe aber auch einen alleinerziehenden Pflegepapa mit erwachsenen Kindern – „das läuft wunderbar“. Anders war es bei einem Zwölfjährigen, der fast verging vor Heimweh. Sein Zustand besserte sich erst, als ihn ein Onkel in Paderborn aufnahm. Bei einem älteren Gast-Ehepaar hatte der Mann eigens das Rauchen aufgegeben, um den jungen Flüchtling nicht mit dem Tabakqualm zu quälen, „das klappte prima“. Aus Altersgründen hat der Jugendliche die Familie verlassen – zum Nachteil der Gesundheit des Mannes, denn er raucht jetzt wieder. Ein Pflegeelternpaar will den minderjährigen Jugendlichen sogar adoptieren. Es hat einen leiblichen Sohn im selben Alter, der Pflegevater hat selbst ein Flüchtlingsschicksal hinter sich.

Wie Steinwedel betonte, wollen die Mitarbeiter des Sozialamtes nicht nur die Eltern unterstützen, sondern auch die geflüchteten minderjährigen Jugendlichen untereinander vernetzen. Kontakte bleiben oft bestehen. Und dann gibt es da jene Pflegeeltern, die eine Jugendlichen aus dem Kosovo aufgenommen hatten und ihn dann mit dem Auto in sein Heimatland zurück chauffierten, damit er nicht per Flugzeug abgeschoben werden musste.

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