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Weltkriegsbomben: Unter Frankfurt schlummern noch zahlreiche Bomben

Von Die Entdeckung einer 1,8 Tonnen schweren Fliegerbombe in Frankfurt erregte jüngst bundesweit Aufsehen. Unter der Erde schlummern nach Einschätzung von Experten aber noch viele weitere Blindgänger. Der Kampfmittelräumdienst weiß, wo Bombenfunde wahrscheinlich sind – dank seiner Luftbildauswertung.
Das ist der größte jemals gefundene Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, der Anfang September Frankfurt in Atem hielt. Foto: Bernd Kammerer (Presse- und Wirtschaftsdienst) Das ist der größte jemals gefundene Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, der Anfang September Frankfurt in Atem hielt.
Frankfurt. 

Wenn Sprengmeister René Bennert nicht zu einer Bombenentschärfung in Hessen reist, dann reist er meistens durch die Zeit. Ein paar Klicks mit der Maus genügen, und schon ist er in der Vergangenheit. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als die britische und US-amerikanische Luftwaffe Frankfurt bombardierten, ist Bennerts bevorzugtes Ziel. Dort angekommen, sucht er nach Bombenkratern, zerstörten Häusern, abgedeckten Dächern und Flakstellungen. Außerdem nach Stellen, wo Bomben einschlugen, aber nicht detonierten.

Bennert gehört zu den drei Feuerwerkern des hessischen Kampfmittelräumdiensts. Als im August eine 1,8 Tonnen schwere, britische Fliegerbombe in Frankfurt entschärft wurde, war Bennert ganz vorn dabei. Seiner aufsehenerregenden, gefährlichen Arbeit im Freien steht die stille, harmlose im Regierungspräsidium (RP) Darmstadt gegenüber. In seinem Büro beschäftigt sich Bennert vor allem mit der Luftbildauswertung – und prüft, ob an bestimmten Orten Kampfmittelfunde zu erwarten sind oder nicht.

Dieses Luftbild zeigt die Frankfurter Innenstadt nach den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg. Bild-Zoom Foto: (LUFTBILDDATENBANK DR. CARLS GMBH)
Dieses Luftbild zeigt die Frankfurter Innenstadt nach den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg.

Der Großteil der Luftbilder stammt aus dem Zweiten Weltkrieg, bei der Sichtung blickt Bennert also mehr als 70 Jahre zurück. „Die Alliierten haben nach Bombardierungen Aufklärungsflugzeuge mit drei Kameras fliegen lassen“, sagt Dieter Schwetzler, Leiter des Kampfmittelräumdiensts. „Dabei ging es um die Frage, wie erfolgreich die Luftangriffe waren, ob die angepeilten Ziele getroffen wurden oder nicht.“ Die Ziele waren vielfältig: Industrie- und Bahnanlagen, Flughäfen, Straßen und Innenstädte. Krater und Zerstörungen zeugen davon, ob es sich auf dem fotografierten Gelände um ein Bombenabwurfgebiet handelte.

Große und kleine Krater

Das ist vor allem interessant, weil dort, wo viele Bomben abgeworfen wurden, auch viele Blindgänger zu erwarten sind. „Wir gehen davon aus, dass zwischen 10 und 30 Prozent der Bomben blind gefallen sind“, sagt Schwetzler. Gemessen an den gut 26 000 Tonnen Sprengmaterial, das die Alliierten angeblich über Frankfurt abwarfen, dürfte im Erdreich der Stadt noch manches explosive Objekt schlummern. Das Risiko unvorhergesehener Detonationen zu minimieren, ist das Hauptziel der Luftbildauswertung.

René Bennert vom hessischen Kampfmittelräumdienst wertet eine historische Luftaufnahme aus. Bild-Zoom
René Bennert vom hessischen Kampfmittelräumdienst wertet eine historische Luftaufnahme aus.

Zwischen 30 000 und 40 000 Aufnahmen stehen den Sprengmeistern dafür zur Verfügung. Die meisten hat das Land Hessen bei der Luftbilddatenbank Dr. Carls in Estenfeld (Landkreis Würzburg) erworben. In deren Archiv stecken mehr als 500 000 Luftbilder aus der Zeit von 1938 bis 1955. Beim Blick auf eine Aufnahme von Niederrad und Schwanheim, wo Anfang Oktober eine 500-Kilo-Bombe entschärft wurde, sieht Feuerwerker Bennert große Krater, die bei der Detonation von Bomben gerissen wurden, aber auch Eindringkanäle, die auf Blindgänger hindeuten. Die Kanäle, kleine Krater, sind rot markiert. Die 500-Kilo-Bombe war bei der gezielten Suche an einer solchen Verdachtsstelle gefunden worden.

Bauherren, die auf einem Grundstück tätig werden wollen, sind aus Gründen des Arbeitsschutzes verpflichtet, die Belastung durch Kampfmittel prüfen zu lassen und einen entsprechenden Antrag beim RP Darmstadt zu stellen.

Das Luftbild der US-Armee zeigt Niederrad und Rennbahn, wo deutlich die Bombentrichter zu erkennen sind. Bild-Zoom
Das Luftbild der US-Armee zeigt Niederrad und Rennbahn, wo deutlich die Bombentrichter zu erkennen sind.

Der Kampfmittelräumdienst sichtet zunächst die entsprechenden Luftbilder. Dann informiert er darüber, ob das Grundstück „freigegeben“ ist – also schon einmal abgesucht wurde – oder nicht. Ist eine Absuche erforderlich, beauftragt der Bauherr eine Fachfirma, die die Bomben bis zu einer Tiefe von fünf Metern detektieren kann. Verdächtige Eindringkanäle werden ihr natürlich gemeldet. Erst, wenn etwas zum Entschärfen gefunden wird, rückt der Kampfmittelräumdienst aus.

Flächendeckend abgeworfen

Die Zahl der Bombenfunde pro Jahr schwankt stark und hängt auch mit der Bautätigkeit zusammen. Je mehr Grundstücke bebaut werden sollen, desto mehr Absuchen und Bombenfunde gibt es. In den vergangenen drei Jahren wurden landesweit mindestens 28 und maximal 79 Sprengkörper gefunden. Wo in Frankfurt besonders viele Bomben ruhen, kann Sprengmeister Dieter Schwetzler übrigens nicht sagen. „Frankfurt wurde flächendeckend bombardiert“, betont er. Kampfmittelfunde ausschließen könne man praktisch nirgendwo.

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