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Vermisst, aber nicht vergessen

Am Anfang stand eine Aktentasche mit alten Briefen und ein paar Schwarz-Weiß-Fotos. Doch die Briefe, von dem Fechenheimer Walter Michel im Krieg geschrieben, ließen Klaus Klee nicht los. Jetzt ist die Geschichte des Soldaten als Buch erschienen.
Fechenheim. 

Lange waren die Briefe, geschrieben mit einer schönen, geschwungenen Handschrift, verschollen. Bis eines Tages Klaus Klee eine alte Aktentasche in die Hände fiel und er die Briefe fand, sie einen nach dem anderen las, über 200 waren es. Briefe, die sein Großcousin Walter Michel – ein Cousin von Klaus Klees Vater – an seine Eltern geschrieben hatte. Briefe, die über 60 Jahre alt sind, die von einem Schicksal erzählen, wie es für viele Menschen unvorstellbar wäre. Walter Michel schrieb sie seinen Eltern von der russischen Front. Nur einen Monat vor Ende des Zweiten Weltkriegs fiel er dort. Es war 2006, als Klaus Klee die Aktentasche zum ersten Mal öffnete. Die Geschichte seines Verwandten berührte ihn. Und so entstand ein einzigartiges Buch, das die Geschichte eines jungen Soldaten erzählt – und die Geschichte seines innigen Verhältnisses zu seinen Eltern.

78 Bombenangriffe

"Als ich die Briefe las, wollte ich unbedingt mehr wissen über Walter Michel", erzählt Klaus Klee. Ihn habe die enge Bindung fasziniert, die der junge Fechenheimer zu seinen Eltern hatte. "Immer wieder wollte Walter wissen, wie es den Eltern geht, wie es um Frankfurt und um Fechenheim steht." Immerhin habe es 78 Bombenangriffe während des Krieges gegeben. "Er fragte nach den Nachbarn, danach, welche Neuigkeiten es gab, wer mit wem liiert war." Doch die Eltern versuchten die Sorgen ihres Sohnes zu zerstreuen, redeten die Gefahr in ihren Antworten klein.

Umgekehrt machte es Walter Michel genauso. "Er versuchte immer, seine Eltern zu beruhigen, erzählte immer, dass es ihm gut gehe", sagt Klaus Klee. Dass etwa bei einem Luftangriff zwölf seiner Kameraden starben, verschwieg er ihnen. "Erst als auch in Frankfurt die Berichte über Niederlagen bekannt wurden, änderte sich das." Auf einmal schrieb Walter Michel kritischer, verlor den Glauben an den Sieg, wähnte den Krieg nach der Landung der Alliierten in Italien und der Normandie verloren. Doch nicht nur die Briefe faszinierten Klaus Klee. Er wollte mehr erfahren über die Orte, von denen aus Walter Michel geschrieben hatte, über den Menschen. "Zwar wurde sein Name in meiner Kindheit oft erwähnt. Aber über sein Schicksal haben seine Eltern nie geredet." Sie wollten nicht wahrhaben, dass ihr Sohn nie wieder heimkehren würde, auch als das Rote Kreuz mitteilte, dass er den Krieg wohl nicht überlebt habe. Denn offiziell galt er stets als vermisst. Also begann Klaus Klee, im Internet jene Orte zu recherchieren, die in den Briefen genannt waren. "Walter Michel war bei der Luftwaffe, bei der motorisierten Feldwerft der 60sten Luftflotte."

Ein endloser Konvoi

Immer 20, 30 Kilometer hinter der Front, versorgten die Feldwerften die Kampfflieger auf improvisierten Feldflughäfen. "Die Werft war ein endloser Konvoi aus Fahrzeugen, beladen mit Werkstattausrüstung, Werkzeug, Ersatzmotoren und allem, was man an Ersatzteilen braucht." Jede Bewegung der Front mussten auch die Feldwerften mitmachen. "Aufladen, weiterziehen, und wieder abladen." Einmal, im kältesten sibirischen Winter, wurde die Einheit quer durch Russland verlegt. "Von Novgorod bis Donezk, das damalige Stalino. 2000 Kilometer, Tag und Nacht auf offenen Güterwagen. Unvorstellbar", schüttelt Klaus Klee den Kopf.

Der letzte Brief

Gegen Ende des Krieges war Walter Michel in Ostpreußen, nahe Königsberg. Im Kessel von Heiligenbeil mussten auch die Mechaniker kämpfen. Von dort kommt sein letzter Brief. "Zehn Tage später galt er als vermisst." Walter Michels Spur verliert sich in dem kleinen Ort Groß-Hoppenbruch.

Das gesammelte Material über Walter Michel stellte Klaus Klee ins Internet. "Dann meldeten sich 2010 Hermann Lohmann und Karl-Heinz Schmeelke bei mir." Zwei ehemalige Soldaten, die zur selben Zeit wie Walter Michel in Groß-Hoppenbruch waren. Aus ihren Erzählungen der schlimmen Kämpfe bleibt Klaus Klee nur ein Schluss: Dort verlor Walter Michel, erst 23 Jahre jung, sein Leben.

Mit diesen Informationen, sagt Klaus Klee, war die Geschichte seines Großcousins vollständig. "Über meine Internetseite wurden mehrere Verlage auf die Geschichte aufmerksam, wollten daraus ein Buch machen." Aber auch Schulen und Seniorenwohnanlagen wurden auf die Geschichte von Walter Michel aufmerksam, Klaus Klee wird oft zu Vorträgen eingeladen. "Es ist wichtig, dass diese schrecklichen Dinge nicht vergessen werden, dass die Jugend erfährt, welche Schrecken der Krieg bedeutet."hau

Die Briefe von Walter Michel hat Klaus Klee auf seiner Internetseite klee-klaus.business.t-online.de veröffentlicht. Sein Buch "Vermisst. Das kurze Leben des Soldaten Walter Michel" ist im Buchverlag König in Greiz erschienen. Es kostet 24,80 Euro und hat die ISBN-Nummer 978-3-939856-48-1

(Andreas Haupt)
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