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Simone Fulda, Krebsforscherin: „Vielleicht lässt sich Krebs ausrotten“

Die Nachricht erfüllte viele mit Stolz, ihr Tun gibt vielen Menschen Hoffnung: Die Frankfurter Professorin Dr. Simone Fulda erhielt den Deutschen Krebspreis 2014. Die Kinderärztin forscht am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) des Universitätsklinikums. FNP-Redakteurin Julia Lorenz sprach mit ihr über die künftigen Heilungschancen für krebskranke Kinder, über personalisierte Medizin und die Hoffnung, den Krebs ein für alle Male besiegen zu können.
FNP-Redakteurin Julia Lorenz hörte genau zu, als Prof. Dr. Simone Fulda erklärte, was in Krebszellen passiert.	Fotos: Rainer Rüffer FNP-Redakteurin Julia Lorenz hörte genau zu, als Prof. Dr. Simone Fulda erklärte, was in Krebszellen passiert. Fotos: Rainer Rüffer
Frankfurt. 

Für Ihre Untersuchungen der molekularen Mechanismen beim programmierten Zelltod sind Sie mit dem Deutschen Krebspreis 2014 ausgezeichnet worden. Was bedeutet das für Sie?

PROF. SIMONE FULDA: Das ist eine schöne Anerkennung für unsere Arbeiten. Ich sage ganz bewusst „unsere Arbeiten“, weil biomedizinische Forschung auch Teamarbeit bedeutet. Das ist ein Ansporn, die Aktivitäten in diese Richtung zu forcieren und weiterzumachen.

Was haben Sie denn Revolutionäres bei Ihren Forschungen entdeckt, so dass das eines Preises würdig ist?

FULDA: Wir untersuchen die molekularen Mechanismen der Zelltod-Regulation in Tumoren. Bei Tumoren ist typischerweise das normale Zelltod-Programm blockiert und funktioniert nicht mehr richtig. Das ist ein Charakteristikum von Tumoren. Wir versuchen jetzt gezielt, in diese Signalwege einzugreifen und sie zu reaktivieren. Wir möchten das normale Zelltod-Programm in den Tumorzellen wieder aktivieren und damit Tumorzellen in den Zelltod treiben.

Wie muss man sich das vorstellen?

FULDA: Der programmierte Zelltod ist ein normales physiologisches Programm, das in jeder Zelle angelegt ist. Und wir versuchen, die Mechanismen besser zu verstehen, die ablaufen, wenn dieses Programm in Tumorzellen inaktiviert ist. Wir suchen nach den Mechanismen, die Tumorzellen entwickelt haben, um dem normalen Zelltod-Programm zu entrinnen. Wenn wir in dieses eingreifen, können wir Tumorzellen zum Absterben bringen. Das versuchen wir mit pharmakologischen Möglichkeiten. Man muss sich das so vorstellen, dass die Gewebehomöostase durch ein Gleichgewicht zwischen Wachstum auf der einen Seite und Zelltod auf der anderen Seite aufrechterhalten wird. Bei Krebs ist dieses Gleichgewicht gestört. Das heißt: Zu viel Wachstum oder zu wenig Zelltod kann zum Tumorwachstum führen.

Da Sie im Institut für Experimentelle Tumorforschung in der Pädiatrie, sprich: der Kinder- und Jugendmedizin, tätig sind, beziehen sich Ihre Forschungen auf Tumore von Kindern und Jugendlichen. Können Ihre Ergebnisse aber dennoch auf Erwachsene bezogen werden?

FULDA: Absolut. Beim programmierten Zelltod handelt es sich um einen generellen Mechanismus, der nicht nur bei Kinderkrebserkrankungen wichtig ist, sondern generell bei Tumoren. Wir untersuchen u.a. auch Tumore von Erwachsenen. Aber der Schwerpunkt liegt bei Krebserkrankungen im Kindesalter, was auch daran liegt, dass ich Kinderärztin bin. Außerdem benötigen wir einen klinischen Partner, um die Ergebnisse in die klinische Anwendung zu transferieren. Und da haben wir hier in Frankfurt eine besondere Konstellation, denn wir arbeiten eng mit der Kinderklinik zusammen.

Was kann mit Ihren Forschungsergebnissen bewirkt werden?

FULDA: Wir können neue Therapie-Optionen für Kinder mit Krebserkrankungen anbieten. Wir entwickeln heute im Labor neue Therapie-Strategien, die morgen in die klinische Anwendung transferiert werden können. Das ist ein ganz direkter Ansatz. Das heißt: Dieser Brückenschlag, der immer postuliert wird „Vom Labor ins Krankenhaus ans Krankenbett“, den können wir bewerkstelligen.

Was macht die Tumorforschung so kompliziert?

FULDA: Die Tumorforschung ist sehr komplex, weil jede Krebsart anders ist. Aber auch innerhalb einer Krebsart gibt es unglaublich viele verschiedene Ausprägungen. Wenn wir verschiedene Kinder haben mit ein und demselben Krebs, dann brauchen sie trotzdem unterschiedliche Behandlungsansätze. Das nennen wir heutzutage personalisierte Onkologie oder Medizin. Denn wir müssen im Prinzip individuell für jeden einzelnen Patienten die richtige Krebstherapie maßschneidern. Und dazu sind die gesamten neuen Erkenntnisse aus der Forschung notwendig.

Ist die personalisierte Medizin für Sie die Medizin der Zukunft?

FULDA: Ja. Wir müssen dieses Konzept umsetzen. Einerseits müssen wir verstehen, wie der Tumor bei jedem einzelnen Patienten molekular aussieht. Das können wir heute schon durch bestimmte molekulare Analysen erforschen und analysieren. Andererseits müssen wir anschließend die entsprechend maßgeschneiderte Therapie konzipieren. Die beiden Seiten müssen dann zusammengebracht werden. Das ist das, was wir heutzutage entwickeln.

Wann werden Sie das anwenden können?

FULDA: Das Prinzip funktioniert schon, wie bereits bei einigen Krebsarten wie z.B. der chronisch myeloischen Leukämie gezeigt. Es geht letztendlich darum, dass man dieses Prinzip immer mehr in der Klinik implementiert. Dazu ist natürlich ein umfassendes Wissen über die molekulare Veränderungen von Tumoren und die möglichen darauf abgestimmten Therapie-Prinzipien nötig.

Erst kürzlich veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Studie, die bis 2015 mit jährlich 20 Millionen an Krebs Neuerkrankten rechnet. Betrachtet man aber all die Forschungsbemühungen: Würde man da nicht eher von weniger Krebskranken ausgehen?

FULDA: Natürlich ist es so, dass wir hoffen, mit unseren Forschungen dazu beizutragen, dass das Vorkommen von Krebs reduziert werden kann. Dafür sind selbstverständlich solche Programme, die darauf abzielen, dass die Faktoren, die Krebs fördern, reduziert werden wie Rauchen und Alkohol, und dass Krebs in frühen Stadien entdeckt wird, wo er noch besser behandelbar ist, sehr wichtig. Es geht aber auch darum, nicht nur das Vorkommen von Krebs zu reduzieren sondern die Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern. Wir müssen die Morbidität und die Mortalität von Krebs reduzieren. Und das ist insbesondere auch in der Pädiatrie, also der Kinder- und Jugendmedizin, von großer Bedeutung, weil wir hier mit Patienten zu tun haben, die hoffentlich noch eine sehr lange Lebenserwartung haben.

Und das ermöglichen Sie . . .

FULDA: So weit das geht. Die häufigste Krebserkrankung im Kindesalter sind die Leukämien. Und die sind erfreulicherweise ein Beispiel für eine Erfolgsstory in der Krebsbehandlung. Da ist beispielhaft gezeigt worden, was man mit einer systematischen Forschung erreichen kann. Heutzutage ist es möglich, dass 80 Prozent der akuten Leukämien wirklich geheilt werden können. Das ist sehr erfreulich.

Aber?

FULDA: Es gibt immer noch Krebserkrankungen bei Kindern, wo die Prognosen ungünstig sind. Denn man muss auch sagen, dass Krebs heutzutage die zweithäufigste Todesursache neben Unfällen im Kindesalter ist. Das verdeutlicht die Bedeutung. Es gibt noch viel zu tun.

Wird man Krebs irgendwann ausrotten?

FULDA: Das ist eine gute Frage. Wenn man sich die Medizin anschaut, stellt man immerhin fest: Es gibt bestimmte Erkrankungen, die ausgerottet worden sind. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Infektionskrankheiten. Trotzdem zeigen die neuen Ergebnisse, dass zum Teil auch solche Erkrankungen wieder auftreten können. Beim Krebs gibt es allerdings so viele verschiedene Arten und so viele Möglichkeiten, wie sie genetisch mutieren können, dass es schwierig ist, jetzt einen Zeitpunkt in der Zukunft zu sehen, wo es keinen Krebs mehr gibt.

Ist das denn Ihr Ziel?

FULDA: Sagen wir es so: Das Bedrohliche von Krebs ist, dass er zum Tod führen kann. Wenn Krebs aber zu einer Erkrankung wird, die man therapieren kann, so dass er nicht mehr lebensbedrohlich ist, sondern eine chronische Form der Erkrankung einnimmt, wäre damit auch schon viel erreicht. Allerdings kann man heute noch nicht wissen, was in Zukunft in der Forschung alles möglich ist. Vielleicht lässt sich auch mal Krebs ausrotten.
 

Zur Person: Ein Leben im Zeichen der Forschung

Professorin Dr. Simone Fulda ist Kindermedizinerin aus Leidenschaft. 1968 in Köln geboren, machte sie dort ihr Abitur und studierte anschließend Humanmedizin an den Universitäten in Boston,

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