Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 28°C

Interview mit Lebenshilfe-Vorstand: Volker Liedke-Bösl spricht über seinen Verein und den Wert von Familie

Von Volker Liedtke-Bösl ist seit 2014 Vorstand der Lebenshilfe Frankfurt am Main. Der Verein unterstützt Menschen mit geistiger Behinderung jeden Alters. Im Interview mit dieser Zeitung spricht der 50-Jährige über den Wert der Familie, die Grenzen der Inklusion und die besondere Herausforderung, Flüchtlinge mit Behinderungen zu betreuen.
Volker Liedtke-Bösel, Vorstand der Lebenshilfe Frankfurt, in Frankfurt-Hausen erzählt über seine Arbeit für den Verein Lebenshilfe Frankfurt am Main. Foto: Heike Lyding Volker Liedtke-Bösel, Vorstand der Lebenshilfe Frankfurt, in Frankfurt-Hausen erzählt über seine Arbeit für den Verein Lebenshilfe Frankfurt am Main.
Lebenshilfe. 

Herr Liedtke-Bösl, gibt es einen Bereich, in dem Menschen mit Behinderungen Menschen ohne Behinderung überlegen sind?

VOLKER LIEDTKE-BÖSL: Nein, das nicht, aber ich glaube, dass jeder Mensch etwas hat, was ihn auszeichnet. Menschen mit Behinderung sind genauso vielfältig wie alle anderen auch. Allerdings müssen sie lernen, mit einer Behinderung zu leben. Dadurch entwickeln sie allerdings andere Stärken, um ihre Behinderung zu kompensieren.

Was hätten sie ohne den Kontakt zu Menschen mit Behinderungen vielleicht nie gelernt?

LIEDTKE-BÖSL: Ich habe gelernt, wie wertvoll Gesundheit und gute Beziehungen sind. Das Arbeiten mit Menschen mit Behinderungen schafft eine Fokussierung auf das, was im Leben wichtig ist: In meinem Leben ist das die Familie. Materielle Dinge und die Karriere verlieren an Bedeutung. Das verändert den Blick auf das Leben.

Als sie vor drei Jahren Vorstand der Lebenshilfe in Frankfurt wurden, welche Baustellen haben sie da vorgefunden?

LIEDTKE-BÖSL: Wir haben im Sozialbereich eine ganz wichtige Aufgabe. Bei uns steht der Mensch mit der Behinderung im Mittelpunkt unserer Arbeit. Das führte dazu, dass wir den Ressourceneinsatz nicht immer voll im Blick hatten. Beispielsweise die Abläufe in der Verwaltung oder die Organisation der Fahrtwege betreffend. Also haben wir eine effizientere Tourenplanung eingeführt, über Heimarbeit nachgedacht und die Verwaltung effizienter organisiert.

Die Lebenshilfe hat sich seitdem rasant entwickelt. Wie haben Sie das angestellt?

LIEDTKE-BÖSL: Ich habe zugehört und Raum gelassen, für alle die Menschen, die sich einbringen wollen. Meine Aufgabe ist es, die Dinge in Verbindung zu bringen und einen Konsens zu schaffen. Wir haben hier eine sehr offene Gesprächskultur, damit lässt sich sehr viel erreichen.

In der Satzung des Vereins betonen Sie, Inklusion sei ein Menschenrecht. Was bedeutet Inklusion genau?

LIEDTKE-BÖSL: Was wir unter Inklusion verstehen, ist, dass jeder Mensch Zugang haben soll zu Bildung, Arbeit, einer Wohnung, allgemeiner Versorgung und Freizeitgestaltung. Inklusion heiß aber nicht, dass alle Menschen das Gleiche bekommen und gleich behandelt werden. Inklusion heißt nicht, alle Förderschulen abzuschaffen. Es gibt nun mal Menschen mit ganz besonderem Hilfebedarf, denen derzeit das Angebot einer Regelschule nicht ausreicht und die besondere Rahmenbedingungen, beispielsweise kleinere Klassen, brauchen, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

Das heißt, es gibt faktische Grenzen, die verhindern, dass alle am selben Tisch sitzen können?

LIEDTKE-BÖSL: Wir müssen uns fragen, kann jeder Mensch die Anforderungen des Arbeitsmarkts schaffen? Wir müssen uns fragen, was bedeutet es für Menschen, immer der Leistungsschwächste zu sein? Wenn ein Kind in einer Klasse das einzige Kind mit Förderbedarf ist und als einziges immer besondere Aufgaben erhält, dann kann dies das Selbstbild des Kindes negativ beeinflussen. Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr leistungsorientiert ist. Wichtig scheint mir, dass wir Begegnungsmöglichkeiten für Menschen mit und ohne Behinderungen schaffen.

Welche Gedanken plagen die Eltern eines Kindes mit Behinderung am meisten?

LIEDTKE-BÖSL: Wie geht es nach dem Kindergarten oder nach der Schule weiter? Die Frage, welche Schule die richtige ist, ist für Eltern eines Kindes mit Behinderung sehr schwierig zu beantworten.

Wie können Sie da helfen?

LIEDTKE-BÖSL: Vor allem mit unserem Projekt namens „WIR“. Eltern haben vielfach ein enormes Wissen, die können sich ganz hervorragend gegenseitig helfen. Wir haben eine Plattform geschaffen, auf der Eltern ihre Wünsche zusammentragen und sich austauschen können. Im Zeitalter von Inklusion treffen Eltern nicht mehr automatisch auf andere Eltern eines Kindes mit Behinderung, dadurch geht sehr viel an Austausch verloren.

Vor welchen Risiken stünde eine Gesellschaft, die ihre Bürger mit Behinderungen ausschließt?

LIEDTKE-BÖSL: Dass sie zutiefst unsozial werden würde. Es gibt ja immer jemanden, der schwächer ist, und wen schließe ich dann noch alles aus? Nur Menschen mit einer Behinderung oder auch jene, die einfach nicht so leistungsfähig sind wie andere?

Wie weit sind die Frankfurter noch davon entfernt, jede Hemmschwelle im Kontakt mit Menschen mit Behinderung abzulegen?

LIEDTKE-BÖSL: Ich habe den Eindruck, dass Frankfurt eine offene Stadt ist, die neugierig und bereit ist, sich auf neuen Kontakt einzulassen. Es hat mich beeindruckt, wie viel Unterstützung wir bei unseren Projekten erfahren. Das habe ich in dieser Ausprägung sonst nirgends erlebt.

Wie gestaltet sich die Standortsuche für neue Wohngruppen? Gibt es viel Gegenwind von Nachbarn?

LIEDTKE-BÖSL: Beim Bau unserer Wohnstädte an der alten Mühle in Bergen-Enkheim gab es im Vorfeld im Einzelfall auch Vorbehalte, aber heute erlebe ich das anders. Wenn wir erstmalig irgendwo hinkommen, dann haben die Anwohner Fragen. Aber die Unkenntnis kann man überwinden. Wir haben allerdings ein ganz anderes Problem, wir finden nur schwer freie Grundstücke und stoßen auf massiv gestiegene Kosten.

Seit einiger Zeit ist noch eine weitere Aufgabe hinzugekommen. Welche besonderen Herausforderungen bringen behinderte Flüchtlinge mit?

LIEDTKE-BÖSL: Wenn ein Flüchtling nicht spricht, kann es sein, dass er ein Trauma hat, es kann aber auch sein, dass eine Sinnesbeeinträchtigung oder eine Behinderung vorliegt. Das fällt bei der ersten Aufnahme meist gar nicht auf. Zudem haben sie auf der Flucht Traumatisches erlebt. Ein Mensch mit einer kognitiven Behinderung kann das sehr viel schwerer verarbeiten.

Stehen Flüchtlinge mit Behinderung und Deutsche mit Behinderung in einer Konkurrenzsituation, die Akzeptanz betreffend?

LIEDTKE-BÖSL: Nein, Frankfurt ist ja ohnehin multikulturell. Wir hatten jetzt auch gemeinsame Ferienspiele hier auf Gut Hausen. Wir leben in einer Stadt, in der vieles selbstverständlich ist.

Was sind die nächsten Projekte für die Zukunft?

LIEDTKE-BÖSL: Derzeit arbeiten wir am Aufbau eines Intensiv und Inklusiv Betreuten Wohnens und planen eine Tagesförderstätte auf Gut Hausen. Als größtes Problem hier in Frankfurt sehe ich die Mitarbeitergewinnung. Man spürt, dass Menschen, die sich in Frankfurt bewerben, nur schwer eine preiswerte Wohnung finden.
 

Großes Hilfsangebot in allen Lebenslagen

Der Lebenshilfe Frankfurt am Main e.V. arbeitet nach einem Slogan des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „Es ist normal, verschieden zu

clearing

 

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse