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Wie wird unser Leben gut? Für Fragen wie diese hat Stefan Bergheim viel riskiert: Vom Banker zum Visionär

Wie lässt sich die Lebensqualität in Frankfurt verbessern? Wer bringt Bürger zusammen? Wer setzt sich für Klimaschutz und Tierrechte ein? In unserer sechsteiligen Serie stellen wir Menschen vor, die sich für einen gesellschaftlichen und ökologischen Wandel einsetzen und für die Nachhaltigkeit mehr ist als ein abstrakter Begriff. Folge 4: Stefan Bergheim, der Visionär.
Die Lebensqualität in Frankfurt liegt Stefan Bergheim, Gründer des „Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt“, besonders am Herzen. Mit seinem Forum „Schöne Ausssicht“ will er nicht nur Meinungsmacher ansprechen, sondern auch Menschen, die sonst nicht gefragt werden. Foto: Michael Faust Die Lebensqualität in Frankfurt liegt Stefan Bergheim, Gründer des „Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt“, besonders am Herzen. Mit seinem Forum „Schöne Ausssicht“ will er nicht nur Meinungsmacher ansprechen, sondern auch Menschen, die sonst nicht gefragt werden.
Frankfurt. 

„Was mich antreibt, ist meine knappe Lebenszeit zu nutzen, um einen Beitrag zur Lebensqualität zu leisten“, sagt Stefan Bergheim mit ernstem Blick durch seine randlosen Brillengläser. Der 49-Jährige gründete 2008 eine Denkfabrik, die sich zur Aufgabe macht, die Messung von Lebensqualität mit Methoden der Zukunftsforschung zu verbinden. Kurz: Er erforscht, was Menschen glücklich macht. Daraus entstand das Projekt „Schöne Aussichten – Forum für Frankfurt“, bei dem die Theorie in die Praxis umgesetzt wurde. Beides sind gemeinnützige Projekte, die der Familienvater von seinem Heimbüro in Frankfurt aus stemmt.

„Für mich war sicherlich prägend, dass ich in einem katholischen Umfeld in einer Pfadfindergemeinschaft sozialisiert wurde“, erklärt er. Schon als Kind befasste er sich mit essenziellen Fragen, etwa: Warum haben wir so viel Armut? Warum gibt es so viel Leid? Was ist ein gutes Leben? „Um zu verstehen, wie Zusammenhänge funktionieren“, studierte der gebürtige Erlanger in Saarbrücken Volkswirtschaft. „Ich hatte aber den Eindruck, dass ich die Zusammenhänge nicht richtig verstanden habe, also habe ich ein Doktoranden-Studium in den USA drangehängt.“ Geholfen hat es nicht. Bergheim promovierte, löste schwierige Mathematikaufgaben, seine drängenden Fragen aber blieben unbeantwortet.

Nach Abschluss des Studiums folgten seine Jahre als Volkswirt bei führenden Banken. Bergheim entsprach dem klassischen Bild eines erfolgreichen Karrieristen, jettete geschäftlich um die Welt, verdiente ausgezeichnet – und merkte doch, dass etwas fehlte. Schließlich landete er bei der Deutschen Bank in der volkswirtschaftlichen Abteilung und hatte plötzlich viel mit Zukunftsforschern zu tun. Er veröffentlichte die Studie „BIP allein macht nicht glücklich“ – und fand seine neue Richtung. „Ich erinnerte mich, dass es neben dem Bruttoinlandsprodukt viele andere Sachen gibt, die wichtig sind. Ich fing an, mich mit Lebensqualität zu befassen und las viel aus den Gebieten der Philosophie, Soziologie und Psychologie. Da begriff ich, woher mein Unwohlsein mit dem VWL-Studium kam. Ich hatte immer das Gefühl, dass etwas fehlt. Ich konnte gut rechnen, optimieren, aber es half nicht wirklich, die großen Zusammenhänge zu verstehen“, erklärt Bergheim. „Mir wurde klar, dass es am Menschenbild der Ökonomen lag. Der Homo oeconomicus, der alle Informationen hat, rational optimiert und die beste Entscheidung trifft, den gibt es nicht.“ Wohlstand ließe sich nicht in eine Zahl fassen, vielmehr bestehe er aus vielen einzelnen Elementen, denkt der zweifache Vater: „Für mich ist die Frage nach Spielmöglichkeiten für Kinder beispielsweise ganz wichtig.“

Was lässt sich tun, damit sich Lebensqualität in Deutschland verbessert? Was kann ich tun, für die Stadt, das Land, die Welt? Wie kann ich mich persönlich weiterentwickeln? Das waren die neuen Fragen, die Bergheim antrieben. „Ich lernte in den USA Denkfabriken kennen und dachte, es wäre toll, so etwas auch in Deutschland zu starten.“

2008 fand er den Mut, seine Idee in die Tat umzusetzen und gründete sein „Gemeinnütziges Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“. „Es war ein Abenteuer, eine sehr gut bezahlte und halbwegs sichere Stelle zu kündigen und ins kalte Wasser zu springen“, erinnert sich Bergheim. „Aber ich dachte, wenn ich es nicht probiere, bereue ich es vielleicht.“ Seine Arbeit erregte Aufmerksamkeit. 2011/12 wurde er als Leiter der Arbeitsgruppe „Wohlstand, Lebensqualität und Fortschritt“ einer der Kernexperten, die die Bundeskanzlerin berieten. Sein Thema: Deutschlands Zukunft. Einige Vorschläge aus seiner Gruppe gingen in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung 2013 ein und werden als Regierungsstrategie „Gut leben in Deutschland“ umgesetzt.

Im Jahr 2013 startete der passionierte Fahrradfahrer sein Projekt „Schöne Aussichten – Forum für Frankfurt“. Es geht der Frage nach, wie sich die Lebensqualität der Menschen in Frankfurt verbessern lässt. Ziel ist es, dass engagierte Bürger eine lebendige und lebenswerte Stadt aktiv mitgestalten. „Visionen finde ich sehr wichtig. Als Orientierungs- und Anhaltspunkt“, sagt der Initiator. Also suchten Bergheim und sein Team den Dialog mit möglichst vielen Menschen, auch mit „Bevölkerungsgruppen, die nicht oft gehört werden“. Sie stellten vier Kernfragen: „Was ist Ihnen persönlich in Ihrem Leben wichtig? Was macht eine hohe Lebensqualität in Frankfurt aus? Was tut Ihnen im Herzen weh, wenn Sie an Frankfurt denken? Frankfurt in 15 Jahren: Welche Veränderungen wünschen Sie sich? Die Antworten wertete Bergheim aus und entwickelte daraus Zukunftsbilder.

Es entstanden aber nicht nur Analysen, sondern auch konkrete Projekte wie etwa Nachbarfeste oder der Aufbau eines stadtweiten Netzwerks von Repair Cafés. Gemeinsam Dinge zu reparieren, schütze die Umwelt vor unnötigem Abfall und fördere das Zusammenleben, sagt Bergheim. Weitere Aktionen sollen sich entwickeln. Bergheim wünscht sich etwa eine Allianz gegen Analphabetismus oder Drogenkonsum. „Wer Lust hat, was zu machen, kann auf mich zukommen“, sagt er. Dabei denkt er durchaus bundesweit. Gerade spricht er mit Vertretern anderer Städte, die sich für das Konzept von „Schöne Aussichten“ interessieren. Nun hat der Visionär endlich das Gefühl, dass er seine Zeit und seine Fähigkeiten sinnvoll einsetzen kann.

 

In Folge 5 stellen wir Feyza Morgül vor, die eine PR-Agentur gegründet hat, um Unternehmen, Organisationen und Wissenschaftler zu unterstützen, die für Klimaschutzes, Energiewende und Menschenrechte eintreten.

 

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