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Suchdienst des Roten Kreuzes: „Wahrheit ist besser als Ungewissheit“

Von Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) steht für viele vor allem für Rettungsdienst und Erste Hilfe. Doch die Organisation leistet viel mehr. Anlässlich des 150. Geburtstags des DRK-Frankfurt in diesem Jahr beleuchten wir in einer Artikelreihe auch mal andere Facetten des Roten Kreuzes. Diesmal ist der Suchdienst dran.
In den Nachkriegswirren wurden unzählige Eltern von ihren Kindern getrennt. Um die Mütter und Väter wieder mit ihren Kindern zu vereinen, veröffentlichte das Deutsche Rote Kreuz Ende der 1940er Jahre Anzeigen mit Fotos von Mädchen und Buben mit der Aufforderung „Helft suchen!“. Der Suchdienst existiert auch heute noch. Bilder > Foto: Jörg F. Müller In den Nachkriegswirren wurden unzählige Eltern von ihren Kindern getrennt. Um die Mütter und Väter wieder mit ihren Kindern zu vereinen, veröffentlichte das Deutsche Rote Kreuz Ende der 1940er Jahre Anzeigen mit Fotos von Mädchen und Buben mit der Aufforderung „Helft suchen!“. Der Suchdienst existiert auch heute noch.
Frankfurt. 

Es ist der Morgen des 6. September 1951 in Dessau, als Bruno Herrmann seinen Vater zum letzten Mal sieht. Mehr als 50 Jahre vergehen, bis ein Brief Gewissheit bringt. Es ist ein schlichter, weißer Din-A-4-Umschlag, der da im Briefkasten liegt. Keine Marke, stattdessen ein roter Stempel. Wir schreiben das Jahr 2005. Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes hat Hans Henry Herrmann gefunden.

In Moskau auf dem Friedhof Donskoje liegt er begraben in einem Massengrab: Am 6. September 1951 in Dessau auf offener Straße verhaftet, wird Hans Henry Herrmann am 1. Februar 1952 in Berlin wegen Spionage zum Tode durch Erschießung verurteilt, sein Gnadengesuch am 12. April 1952 abgelehnt. Am 30. April 1952 wird er in Moskau hingerichtet, ein Opfer des stalinistischen Terrorregimes. Am 5. Mai 1997 wird das Urteil aufgehoben, Hans Henry Herrmann posthum rehabilitiert.

Endlich Gewissheit

Es sind ernüchternde Nachrichten, und doch bringen sie Erleichterung. „Auch wenn es grausam ist: Die Wahrheit ist besser als die Ungewissheit“, sagt Bruno Herrmanns Sohn Franz Philippe Bachmann. „Mein Vater hat seinen Vater ein halbes Jahrhundert lang vermisst und sich immer wieder gefragt, was mit ihm geschehen ist. Dann hatte er endlich Gewissheit.“ Ihm selbst sei bis dahin nicht klar gewesen, wie wichtig diese Gewissheit ist, erzählt der Sohn, der beobachtet hat, wie eine erdrückende Last von seinem Vater abgefallen ist.

Dass Bachmann heute, 65 Jahre nach dem Verschwinden seines Großvaters, selbst beim Suchdienst des DRK ehrenamtlich tätig ist – mit der Familiengeschichte habe das nichts zu tun. „Ich bin seit 25 Jahren beim Roten Kreuz. Sporadisch muss man sein Hobby ändern, sonst wird es langweilig“, erklärt der Unternehmensberater, wie er 2009 zum Suchdienst kam: „Der lag damals in Frankfurt ziemlich brach, und wir haben ihn wieder aufgebaut.“

Info: Millionen Anfragen

Der Suchdienst ist so alt wie das Rote Kreuz. Seinen Anfang nahm er 1859 auf den Schlachtfeldern von Solferino am Gardasee, wo Rotkreuzbegründer Henry Dunant Nachrichten sterbender Soldaten entgegennahm

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Aktuell engagieren sich etwa 20 Ehrenamtliche beim Suchdienst, seit einem Jahr auch ein Hauptamtlicher, wegen der vielen Suchanfragen der in Frankfurt lebenden Flüchtlinge. „Es kann lebensgefährlich werden, wenn man da falsch berät“, weiß Bachmann, dass das nichts für Ehrenamtliche ist. „Man muss sehr gut überlegen, wann man Kontakt zu den Behörden im Herkunftsland aufnimmt und wann besser nicht.“

Im Auftrag der Regierung

Weil das Rote Kreuz auf Basis des Genfer Abkommens auch im Auftrag der Bundesregierung agiert, dürfen sich die Suchdienste der Ortsvereine offiziell „Kreisauskunftsbüros“ nennen. Etwa 350 davon gibt es in Deutschland. Auch in allen anderen Ländern der Welt ist der Suchdienst des Roten Kreuzes vertreten, wobei das Kreuz auch mal ein Halbmond sein kann; in Israel ist es ein roter Davidstern. Dieses internationale Netzwerk macht sich der Suchdienst zunutze.

Es sind Geschichten, wie sie das Leben schreibt, die der Wahl-Bornheimer Bachmann zu erzählen hat: Da ist der verlorene Sohn, der nach Großbritannien ausgewandert ist und seit Jahren keinen Kontakt mehr zum Vater hat. Als er schwer erkrankt, treibt ihn der Wunsch, sich auszusöhnen. Das Rote Kreuz macht den Vater ausfindig, bringt beide wieder zusammen.

Da ist der Mann, der in Afrika im Gefängnis sitzt, und seiner Schwester, die im Frankfurter Gallusviertel lebt, eine Nachricht zukommen lassen möchte. Bachmann liefert sie persönlich aus, wartet, bis sie ihre Antwort verfasst hat und schickt diese weiter nach Afrika. „Was wir machen, ist seelisches Leid zu lindern“, sagt Bachmann. „Ich fand es sehr schön zu sehen, wie diese Frau sich freut.“

Vor der eigenen Haustür

Doch internationale Einsätze machen nur einen Bruchteil aus. Genug Arbeit für Bachmann und seine Kollegen gibt es vor allem vor der eigenen Haustür, bei Großveranstaltungen wie dem Ironman oder dem JP Morgan Chase Lauf etwa. „Allein beim Ironman haben wir jedes Mal 40 bis 50 Vermisstenfälle“, erzählt Bachmann. In der Regel tauchten die Sportler früher oder später wieder auf. Die Zeit der Ungewissheit aber sei für die Angehörigen zermürbend. „Das kann durchaus sehr dramatisch werden“, berichtet der 44-Jährige. Herzinfarkte auf der Strecke, schwere Stürze, Reanimationen – Bachmann hat schon vieles erlebt. Auch ganz harmlose Situationen. Einmal sei der Chip eines Sportlers unterwegs kaputtgegangen und er „vom Radar“ verschwunden. Die Ehefrau war voller Sorge, der Suchdienst hatte längst alle Krankenhäuser abtelefoniert, dann tauchte der Mann putzmunter im Zieleinlauf auf.

Papier funktioniert immer

Wobei „Suchen“ nicht bedeutet, „dass wir herumrennen und suchen. Was wir machen, ist: Wir führen Daten zusammen“, erklärt der Rotkreuzler. Daten der Veranstalter und Daten der Rettungsdienste. Dafür gibt es ein ausgeklügeltes System, bei dem die gute, alte Karteikarte die Hauptrolle spielt. Bachmann: „Für uns ist es egal, wie wir die Daten erhalten, Hauptsache, wir bekommen sie.“ Jedes Einsatzfahrzeug sei mit den Karteikarten bestückt, diese seien blitzschnell ausgefüllt. „Papier funktioniert immer“, weiß Bachmann. „Wir wollen den Leuten ja auch nicht sagen: ,Warten Sie mal, wir müssen erstmal die Daten elektronisch erfassen.‘“

Bei drei bis fünf Großveranstaltungen pro Jahr sind die Helfer des Suchdienstes im Einsatz. Bachmann: „So kommen wir auch nie aus der Übung und sind für den Katastrophenfall gerüstet.“

Wer mehr über den kostenlosen Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes wissen oder eine Suchanfrage aufgeben möchte, kann sich im Internet informieren unter der Adresse www.drk-suchdienst.de

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