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Ausstellung im Rhein-Main-Gebiet: "Wahrheitskämpfer": Künstlerin malt getötete und verschleppte Journalisten

Von Seit zwei Jahren arbeiten Susanne Köhler und ihre Mitstreiter an Portraits von 60 Journalisten, die verfolgt, inhaftiert und ermordet wurden. Nun beginnt für die Heddernheimer Comic-Zeichnerin die Vorbereitung einer Ausstellung, die ab März durchs Rhein-Main-Gebiet tourt.
Susanne Köhler und Künstlerkollegen arbeiten seit zwei Jahren an einer Ausstellung über getötete und verschleppte Journalisten. Für sie sind sie „Wahrheitskämpfer“. Bilder > Foto: Holger Menzel Susanne Köhler und Künstlerkollegen arbeiten seit zwei Jahren an einer Ausstellung über getötete und verschleppte Journalisten. Für sie sind sie „Wahrheitskämpfer“.
Heddernheim. 

Es ist ein einziges Aquarell an der Atelierwand, das den Charakter von Jagendra Singh erahnen lässt. Wache dunkle Augen, verschmitztes Lächeln, dazwischen der dunkle Schnurrbart, dessen Haare graue Ansätze zeigen. Sympathisch, so zumindest hatte die Künstlerin Susanne Köhler sich ihr Modell nach der Lektüre seiner Geschichte und dem Durchsehen etlicher Fotos vorgestellt. Persönlich getroffen hat sie Singh nie. Als sie von seinem Schicksal erfuhr, war er schon tot –ermordet.

Das Portrait des indischen Journalisten ist nur eines von über 50 Ausstellungsstücken, die an diesem Nachmittag jedes freie Fleckchen Wand im Atelier an der Heddernheimer Landstraße einnehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem ermordete Journalisten, aber auch all jene Berufsvertreter, die wegen ihrer Arbeit verfolgt und inhaftiert wurden oder bei Auslandsrecherchen in Kriegsgebieten ihr Leben verloren. Neben fast jedem der Bilder von knapp 15 Künstlern hängt ein Zettel mit Name und Herkunftsland an der Wand: Moi Peter Julius (Südsudan), Oles Busyna (Ukraine) und Anja Niedrighaus (Deutschland) steht darauf geschrieben.

Aus rund 20 Bildern, an denen Köhler selbst gearbeitet hat, ist die Geschichte um Jagendra Singh diejenige, die der 57-Jährigen am besten in Erinnerung geblieben ist: „Der Journalist hatte auf Hindi Texte verfasst und auf Facebook gepostet, die Korruption und Vergewaltigungsvorwürfe gegen einen Politiker in seiner indischen Heimatregion zum Thema hatten. Im Juni 2015 wurde er von einer Gruppe Schergen bei lebendigem Leib angezündet“, erzählt Köhler. Die Geschichte geht ihr heute noch unter die Haut, wenn sie ihr Bild betrachtet, das ihr inzwischen das Gefühl gibt, Singh wirklich gekannt zu haben. „Das passiert oft, wenn man so viele Stunden für ein Portrait in ein und dasselbe Gesicht schaut.“

Kämpfer für Wahrheit

Auf die Idee zu dem Langzeitprojekt brachte Köhler vor fast zwei Jahren die Geschichte des Mexikaners Moisés Sánchez, der ebenfalls wegen politischer Recherchen verschleppt, getötet und geköpft worden war. „Mich brachte zum Nachdenken, dass der mexikanische Journalist nur in einem kleinen Artikel erwähnt wurde, während er in meinen Augen ein Wahrheitskämpfer war, der den Menschen in Erinnerung bleiben sollte“, erklärt Köhler, die daraufhin mit dem Zeichnen des Portraits von Sánchez anfing und auch andere Kollegen und Freizeitzeichner mit ins Boot holte.

Texte zu Bildern schreiben

Was jetzt, da die Werke allesamt bei ihr angekommen sind, für Susanne Köhler und ihre Künstlerkollegen anfällt, ist vor allem das Schreiben und Übersetzen von Texten über die Portraitierten. „Die sollen pünktlich zur Vernissage, die wir für März kommenden Jahres planen, in einem Begleitheft herausgegeben, um nicht nur die Gesichter, sondern auch die Geschichten dahinter der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, erklärt die gelernte Grafikerin, die hauptsächlich als Comic-Zeichnerin arbeitet.

Auf die Frage, ob sie die Arbeit an einem so ernsten Thema nicht mitgenommen hat, hat Köhler nur nach längerem Abwägen eine Antwort. „Natürlich beginnt man ein Verhältnis mit den Menschen zu entwickeln, die man gerade aus solch einem Grund zeichnet. Zu wissen, was mit ihnen passiert ist, weil sie Mut bewiesen haben, macht die Arbeit nicht einfacher“, erzählt sie.

Dabei gehe es ihr auch darum, darüber aufzuklären, was Gesellschaften mit eingeschränkter Pressefreiheit bedeuten, zu zeigen, wie gut wir es etwa hierzulande haben: „Das, und die Tatsache, dass wir nicht wollten, dass das Thema gar zu düster wird, hat uns zur Entscheidung geführt, auch inhaftierte Journalisten mit aufzunehmen. Da sind Menschen dabei, die man dadurch irgendwie bei ihrem Kampf für die Wahrheit unterstützen kann. Und das ist trotz der traurigen und oft schockierenden Thematik das gute Gefühl, das überwiegt.“

Einen Vernissagetermin sowie das anschließende Wochenende, an dem die Ausstellung in der Heddernheimer Landstraße 13 zu sehen sein soll, legen die Veranstalter Anfang des Jahres fest. Wer Susanne Köhler für die darauf folgende Wanderausstellung einen Ort zur Verfügung stellen möchte, findet die Kontaktdaten unter www.dascomickochbuch.de.

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