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Ruderclub Griesheim: Warum diesmal auch Ruderer bei der Luminale mitmachen

Von „Blubb-blubb, weg war er“ – so fasst der Schülermund Schillers Ballade vom „Taucher“ zusammen. Die Künstlerin Steffi Barthel hat das klassische Werk zu einer Licht- und Klanginstallation zur „Luminale“ inspiriert.
Die in Halle an der Saale geborene Künstlerin Steffi Barthel mit einem ihrer Bilder, das von den Stifterfiguren von Naumburg inspiriert ist, jetzt aber als Königstochter Einsatz findet. Gerd Volkmann, Präsident des Ruderclubs Griesheim, steuert seine historischen Lampen zu der großen Installation bei. Foto: Maik Reuß Die in Halle an der Saale geborene Künstlerin Steffi Barthel mit einem ihrer Bilder, das von den Stifterfiguren von Naumburg inspiriert ist, jetzt aber als Königstochter Einsatz findet. Gerd Volkmann, Präsident des Ruderclubs Griesheim, steuert seine historischen Lampen zu der großen Installation bei.
So hat Steffi Barthel die Aufteilung vom Bootshaus zum Main geplant. Bild-Zoom Foto: WITTE
So hat Steffi Barthel die Aufteilung vom Bootshaus zum Main geplant.

Griesheim, raue Schönheit zwischen A 5, Main und rostrotem Industrie-Areal. Schlote weisen in den Himmel, der Verkehr zerschneidet den Stadtteil. Von Kunst und Kultur scheint man nicht viel zu wissen in diesem von Arbeiterhistorie geprägten Teil der Stadt. Und doch wollen Steffi Barthel und Gerd Volkmann einen Versuch wagen. Die Künstlerin und der Präsident des Ruderclubs RC Griesheim 06 setzen mit Hilfe einiger Clubmitglieder eine Installation zur „Luminale“ um. Die „Luminale“ ist ein Festival der Lichtkultur vom 18. bis 23. März, eine Biennale für Lichtkunst und Stadtgestaltung. An den Abenden des 18., 21. und 23. März ist Griesheim mit dabei: Auf dem Gelände des Ruderclubs wird Schillers Ballade vom „Taucher“ mit Licht, szenischen Elementen, Musik und Ton umgesetzt.

Die in Sossenheim lebende Künstlerin Steffi Barthel, die beim RC 06 rudert, brachte ein Bootsunfall auf die Idee. Sie kenterte mit einer Sportkameradin oberhalb des Griesheimer Wehrs, hing am Boot und an einer Boje und kämpfte gegen die Strömung. Die Spaziergänger am Ufer reagierten nicht auf die Rufe der Frauen, doch ein nahe der Wehranlage wohnender Taucher bemerkte die Notsituation: Er funkte eine schwimmende Plattform an, von der Arbeitskollegen in den Fluss gehen, um Wartungsarbeiten an der Schleuse zu erledigen. Die Plattform mit den Tauchern fuhr heran und barg die Gekenterten. Der Kapitän hatte nur einen Arm, begleitet war er von zwei jungen Kerlen. „Wie in einem Piratenfilm“, erinnert sich Steffi Barthel.

In anderes Licht rücken

Seitdem ist die Künstlerin von Taucheranzügen und den schweren Helmen früher Tage fasziniert. In ihr reifte die Idee, die Taucher künstlerisch zu preisen. Da stieß sie auf die „Luminale“, die alle zwei Jahre in Frankfurt stattfindet. Dazu findet unter anderem eine Nachtführung durch den Industriepark Höchst statt, aber ansonsten bleibt es recht finster im Frankfurter Westen, abseits der glitzernden Hochhausfassaden. Dabei geht es doch auch gerade darum, ungewöhnliche Orte in anderes Licht zu rücken. In Barthel reifte die Idee, Schillers „Taucher“ auf dem Gelände des Ruderclubs am Griesheimer Stadtweg zu inszenieren, durch Beleuchtung, Feuer und Töne für Besucher erfahrbar zu machen. Sie bringt den Dichter quasi auf die Duchten, das Sitzbrett der Ruderer.

In Gerd Volkmann, dem Präsidenten des Ruderclubs, fand sie einen Mitstreiter. Volkmann sammelt historische „Hochleistungsstarklichtlampen“, so der etwas voluminöse Begriff: „Das sind Lampen aus den 30er Jahren, die früher in Werkstätten hingen. Die machen ein tolles Licht.“ Eingesetzt wurden sie früher auch auf Fischkuttern, weil sie keinen Docht hatten, den Bö oder Schlagwasser auslöschen konnten. „Die Lampen produzieren ein Luft-Gas-Gemisch zum Leuchten“, erklärt Volkmann. Die historischen Lampen werden das Areal am Main beleuchten; der Weg von der Bootshalle zum Fluss wird zur Straße von Messina, der Main zum Mittelmeer.

Die Ballade „Der Taucher“, von Generationen von Schulkindern zu „Blubb-blubb, weg war er“ verkürzt, schrieb Friedrich Schiller 1797. Es geht um den Wagemut eines Edelknaben, der sich in den als „Schlund der Charybdis“ bezeichneten Meeresstrudel stürzt, um einen goldenen Becher heraufzuholen, den der König hineingeworfen hat. Er bringt den Becher und berichtet von den Schrecken der Tiefe. Der König verspricht ihm zum Becher noch einen kostbaren Ring, wenn er noch einmal hinabtauche bis zum Grund. Die Königstochter fleht ihren Vater an, das grausame Spiel genug sein zu lassen, doch der König wirft den Becher abermals in den Strudel und verspricht dem Jüngling seine Tochter zur Frau. Getrieben vom Ehrgeiz und der Verlockung springt der Edelknabe erneut – und kehrt nicht wieder.

Zerstörerische Natur

Verschiedene Motive aus dem Gedicht werden zwischen dem Bootshaus und dem Main dargestellt. Der Becher hängt über dem Wasser, Verlockung und Mahnung zugleich. Naturgewalten wirken zerstörerisch an den von Menschen gebauten Booten. „Wir haben von den Freunden vom Ruderclub Nied einen alten Einer geschenkt bekommen, der in Flammen aufgehen wird“, sagt Gerd Volkmann. Das brennende Boot steht für die infernalische Kraft der Natur. Die Schlüsselszene der Ballade, der Kampf auf dem Meeresgrund, wird in der dunklen Bootshalle mit Licht- und Toneffekten umgesetzt, unter anderem in einem von einem DJ gemixten Loop, einer Klangschleife, in der auch Motive aus Petersens Kinofilm „Das Boot“ verwendet wurden. Das ganze Szenario kann man sich aber auch bei einem Getränk vom oberhalb der Bootshalle gelegenen Restaurant „Mainglück“ anschauen.

„Wir sind glücklich, dass wir ein Dutzend Sponsoren aus dem Stadtteil gefunden haben“, sagt Gerd Volkmann. Ihn freut auch, dass die Aktion von den Vereinsmitgliedern unterstützt wird. Er sieht darin ein Symbol, dass im RC gemeinsam von Alt und Jung am Erfolg gearbeitet wird. Der Verein, der bis Anfang des Jahrtausends 25 Jahre lang fast am Ende war und mit wenigen Mitgliedern von Ruderer-Urgestein Willi Maser gerettet wurde, hat heute wieder 160 Mitglieder – und prosperiert. Volkmann hat vor sechs Jahren den Vorsitz übernommen. Und damals hätte man sich wohl kaum vorstellen können, eine solche Aktion umzusetzen. Jetzt allerdings sind viele Ruderer dabei, und einer trainiert gerade nicht nur die Muskeln, sondern auch die Gehirnwindungen: Er wird im Schiller-Kostüm in Nebel, Licht und Rauch umherschreiten und die komplette Ballade deklamieren.

„Lumniale“ beim RC Griesheim

am 18., 21. und 23. März, 19–22 Uhr (am 23.3. nur bis 21 Uhr), Griesheimer Stadtweg 77 a, Weitere Informationen unter www.rcgriesheim.de und www.steffi-barthel.de

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