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Warum man Kultur nicht wegsparen darf

Von "Frankfurts Kultur ist mehr denn je für alle da!" Unter diesem Motto stand eine eilends einberufene Pressekonferenz, mit der die Stadt und ihre Kultur-Oberen ein Zeichen gegen Sparmaßnahmen setzten.
Schauspiel-Intendant Reese. Bilder > Schauspiel-Intendant Reese.

Schauspiel-Intendant Oliver Reese redete Tacheles. Es sei "in den letzten Tagen schick geworden, es gut zu finden, dass überall gespart wird, auch in der Kultur". Wer das aber fordere, wer bei Theatern, Museen und Opernbetrieb nur an wenige Reiche denke, die sich sogenannte "Hochkultur" leisteten, liege falsch. Denn Kultur, das machten alle neun anwesenden Direktoren und Intendanten deutlich, sei für ihre Häuser zunächst einmal Arbeit für die Basis: Arbeit mit Schülern, oft aus bildungsfernen Schichten, Arbeit mit Randgruppen, die von sich aus den Zugang zur Musik, einer Ausstellung oder einem Theaterstück schwer finden. Arbeit mit und für Menschen in der Entwicklung und auf der Suche nach Orientierung.

50 000 Jugendliche haben 2012 das Schauspiel Frankfurt besucht. 4420 Führungen hat es im gleichen Jahr in Städel, Schirn und Liebieghaus gegeben, sagte Max Hollein. Zahlreiche Spezialangebote für Kinder aus sozialen Brennpunktbereichen hat man in den vergangenen Jahren geschaffen. Jan Gerchow, Leiter des Historischen Museums, hob hervor, dass aus dem Historischen Museum 1972 das erste Kindermuseum Deutschlands gegründet wurde. In den Jahren hat es sein Spektrum stetig erweitert und ist heute an zahlreichen sozialen Projekten in der Stadt beteiligt.

Die Oper hat ihr Programm "Oper unterwegs" jüngst deutlich erweitert und ist kürzlich erstmals in der Kinderabteilung der Uni-Klinik aufgetreten, sagte Bernd Loebe. Im Mai ist ein Besuch bei den Praunheimer Werkstätten geplant. Schulkooperationen sind ein wesentlicher Teil auch der Arbeit des Jüdischen Museums, sagte Direktor Raphael Gross. Das Museum kooperiert mit einem vierköpfigen Pädagogen-Team und hat seine Kompetenz jüngst um einen Islam-Schwerpunkt erweitert. 26 000 Teilnehmer hatte das Pegasus-Musikprogramm der Alten Oper, so Intendant Stephan Pauly. Das Museum für Moderne Kunst hat jüngst mit der Ausstellung "Pssst" musterhaft gezeigt, "wie eine Ausstellungspraxis für Kinder aussehen kann", sagte Direktorin Susanne Gaensheimer. Matthias Wagner K vom Museum für Angewandte Kunst versprach für die Wiedereröffnung des Hauses am 26. April ein lebendiges Haus in ständiger Auseinandersetzung mit den "Dingwelten unserer sozialen Gegenwart". Und Claudia Dillmann, Chefin des Filmmuseums, erzählte, sie habe sich bei der Neuplanung ihres Hauses gefragt: "Ist es die Aufgabe des Museums, ein sozialpolitischer Reparaturbetrieb zu sein?" Dillmann gab die erstaunliche Antwort selbst: "Wir haben diese Frage für uns bejaht!"

Für ein Museum heißt dies wie für jede Kultureinrichtung, dass es nicht nur Dinge zeigt, sondern zum Verständnis fremder Bild-, Ton- oder Erzählwelten hinführt – und damit wird es zum Lehrort für zwischenmenschliche Fähigkeiten wie Toleranz und Moral.

Alle diese Bekenntnisse zur Kultur als städtischem Lebenswert stellten sich dem "Klischee der kalten, finsteren Stadt Frankfurt" (Reese) entgegen. Die Kultur, sagte Dezernent Felix Semmelroth, sei leicht im Fokus von Sparbemühungen, weil sie eine freiwillige Leistung sei. Damit werde oft assoziiert, dass sie entbehrlich sei. "Dem ist entgegenzutreten", stellte Semmelroth wehrhaft fest. Debatten "nur mit ökonomischen Argumenten" zu führen, sei "gefährlich". Jüngst hatte die schwarz-grüne Koalition in Sparbeschlüssen verfügt, die Mittel für die Goethehaus-Erweiterung um ein Romantikmuseum sowie für einen festen Spielort für Michael Quasts "Fliegende Volksbühne" zu streichen. Damit hatte sie eine bundesweite Welle des Protests hervorgerufen. Die Leiter der Frankfurter Kulturinstitutionen fügten dem einen entscheidenden Akzent hinzu: Wer hier spart, kürzt nicht nur elitäres Bildungsgut für Begüterte, sondern spart unversehens auch am Angebot für jene, die sozial am Rand stehen.

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