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Was tun am siebten Tag?

Zerstören verkaufsoffene Sonntage Kultur und Religion oder sind sie der letzte Strohhalm, nach dem der Einzelhandel angesichts der Konkurrenz des omnipräsenten Internethandels greifen kann? Die Podiumsdiskussion "Im Fokus" von Frankfurter Neuer Presse und hr-Info zeigte gestern Abend: Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte – und wird wohl auch mit Hilfe von Gerichten gefunden werden müssen.
Auf dem Podium wurden sachlich Argumente ausgetauscht. Der ehemalige katholische Stadtdekan Raban Tilmann (r.) verteidigt gegenüber Moderator Andreas Horchler (M.) die kirchliche Sicht der Dinge. MyZeil-Manager Olaf Deistler folgt den Ausführungen gespannt. Fotos: Chris Christes Auf dem Podium wurden sachlich Argumente ausgetauscht. Der ehemalige katholische Stadtdekan Raban Tilmann (r.) verteidigt gegenüber Moderator Andreas Horchler (M.) die kirchliche Sicht der Dinge. MyZeil-Manager Olaf Deistler folgt den Ausführungen gespannt. Fotos: Chris Christes
Frankfurt. 

Der siebte Tag ist heilig – in Hessen trifft das auf 48 der 52 Sonntage zu. Denn vier von ihnen können seit einigen Jahren von den Kommunen zum Einkaufstag deklariert werden. Zumindest wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, sie zum Beispiel ein Fest oder eine große kulturelle Veranstaltung begleiten.

Bei der Podiumsveranstaltung "Im Fokus" von FNP und hr-Info machte der streitbare Verdi-Gewerkschaftssekretär Horst Gobrecht deutlich, dass genau diese Umstände im kommenden Jahr "punktuell aber systematisch" von den Gewerkschaften – und dann notfalls auch von Gerichten – geprüft würden. Mit dem Urteil im Rücken, das jüngst zwei verkaufsoffenen Sonntage in Frankfurt für unrechtmäßig erklärt hatte, ist er optimistisch, dass offene Geschäfte an Sonntagen Ausnahmen bleiben.

Allianz mit der Kirche

Beim Kampf für Freizeit und Regeneration sieht sich die Gewerkschaft in Allianz mit der Kirche. Für letztere betonte der ehemalige katholische Stadtdekan Raban Tilmann, dass "einmal in der Woche Pause sein sollte". Außerdem verstehe er nicht, warum die Christen, deren heiliger Tag der Sonntag nun mal sei, ihre Religion am schwächsten verteidigen sollten. "Wir wollen unser Kulturgut nicht opfern."

Bei der Veranstaltung im Einkaufszentrum MyZeil wurde die Gegenseite vom Hausherrn, Zentrumsmanager Olaf Deistler, und dem Präsidenten des Frankfurter Einzelhandelsverbands, Joachim Stoll, vertreten. Beide führten aus, dass der "Eventcharakter" einen Anreiz für die ganze Familie schaffe und die Sonntage für die Branche extrem wichtig seien. So könne man dem jederzeit verfügbaren Internet etwas entgegensetzen. "Die Metropole lebt nicht von alleine. Wir brauchen diese Sonntage", insistierte Stoll. Die Sonntage zögen Menschen – und damit Kaufkraft – aus dem gesamten Umland an. Außerdem reguliere sich der Markt selbst. "Unter der Woche wurden längere Öffnungszeiten auch ausgetestet, mittlerweile ist shoppen um 23 Uhr kein Thema mehr." Und jeden Sonntag zum regulären Einkaufstag machen wolle schließlich auch niemand, waren sich Stoll und Deistler einig, die die gesetzlichen Möglichkeiten jedoch ausschöpfen möchten.

Auch Tilmann lehnt die Idee hinter dieser Regel nicht gänzlich ab. Bei der Buchmesse oder anderen Großveranstaltungen könnte er sich eine sonntags über die Zeil flanierende Öffentlichkeit durchaus vorstellen. Gobrecht hingegen gab zu bedenken, dass der Einzelhandel "den Verdrängungswettbewerb selbst initiiert hat und jetzt noch verstärkt". Die großen Ketten trügen an der Entwicklung hin zu längeren Öffnungszeiten und den damit verbundenen Kostensteigerungen eine große Mitschuld. Darauf, dass jeder Euro ja nur einmal ausgegeben werden könne, hatte hr-Moderator Andreas Hochler gleich zu Beginn hingewiesen.

"Eine Rückkehr zu den Öffnungszeiten von vor 20 Jahren will doch heute niemand mehr", verteidigte Deister die Position des Handels, während Gobrecht entgegenhielt, dass vor 20 Jahren auch niemand das Bedürfnis gehabt habe, nach 20 Uhr in einem Luxus-Einkaufszentrum einzukaufen.

Kosten kalkulieren

Zuhörer Michael Riedel forderte schließlich, dass Investoren ihre Einkaufszentren an den Gesetzen und der Kultur das Landes ausrichten und die Kosten dafür entsprechend kalkulieren sollten.hko

(hko)
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