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Die Woche im Römer: Was wird aus dem, der in der Politik zu früh kommt?

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Ich lauf dann schon mal los: Kämmerer Uwe Becker (CDU) hat sehr früh seine Oberbürgermeisterkandidatur bekannt gegeben. Amtsinhaber Peter Feldmann (SPD) guckt verwundert. Karikatur: Jürgen Janson Ich lauf dann schon mal los: Kämmerer Uwe Becker (CDU) hat sehr früh seine Oberbürgermeisterkandidatur bekannt gegeben. Amtsinhaber Peter Feldmann (SPD) guckt verwundert. Karikatur: Jürgen Janson

Christian Heimpel hatte einen schönen Traum. Der SPD-Stadtverordnete sah sich mit der goldenen Oberbürgermeisterkette am Rednerpult im Römer stehen. Daraufhin war er wild entschlossen: „Ich werde Oberbürgermeisterkandidat der SPD 2036! Ich bin dann mit 48 Jahren im besten OB-Alter.“ Ähnlich wie in diesem erfundenen Beispiel muss es wohl dem Frankfurter Kämmerer und CDU-Kreisvorsitzenden Uwe Becker gegangen sein, als er sich zum OB-Kandidaten seiner Partei für die Wahl 2018 ausrief. Bis dahin ist es noch ein Weilchen. Auch Becker ist dann mit 48 Jahren im besten OB-Alter. Es ist alte CDU-Tradition, dass der Kreisvorsitzende ein Vortrittsrecht hat. Die erste Frage jeodch lautet, ob es eine gute Tradition ist. Die nächste Frage heißt: Ist Becker 2018 noch Kreisvorsitzender? 2016 ist nämlich erst einmal Kommunalwahl. Sollte die CDU nicht mehr als stärkste Fraktion in den Römer einziehen und herbe Verluste erleiden, wäre Becker als Kreisvorsitzender nicht mehr zu halten. Vor allem, nachdem er bei seiner Wahl zum Parteichef 2012 verkündet hatte, „die CDU muss wieder in die Zielmarke von 40 Prozent hineinmarschieren“.

Scheitert der geplante vierjährige Marathonlauf an die Stadtspitze, wäre die vergebliche Anstrengung Strafe für denjenigen, der in der Politik zu früh kommt. Becker gilt als abwartend, überlegt, manche kritisieren ihn sogar als zögerlich. Warum trifft er nun so eine frühzeitige Entscheidung? Möglicherweise wollte Becker durch den (vor-)schnellen Führungsanspruch innerparteiliche Auseinandersetzungen gar nicht erst aufkommen lassen, um die Partei geschlossen in den Kommunalwahlkampf zu führen. Schließlich hatte die Staatssekretärin im Finanzministerium, Bernadette Weyland, ebenfalls Interesse angemeldet. Die erfrischend unkonventionell auftretende Blondine erinnert viele in der CDU an Petra Roth in den 90er Jahren. Andere in der CDU kritisieren aber die Begeisterung für Weyland als die rückwärts gewandte Sehnsucht nach dem Roth-Zeitalter.

Da die Sympathisantinnen der Grünen bevorzugt Frauen wählen, halten nicht wenige CDU-Mitglieder Weyland für die aussichtsreichere Kandidatin. Noch immer ist Frankfurt mehrheitlich eine linke Stadt – wenn man Teile der Grünen hinzurechnet. Die werden nach ihrem triumphalen Wahlerfolg 2011 mit einem eigenen Bewerber ins Rennen gehen und offen halten, ob sie mit einer Zählkandidatin oder einem Kandidaten mit Siegeschancen (Bürgermeister Olaf Cunitz) antreten.

Damit ein CDU-Kandidat Oberbürgermeister wird, müsste er für einen nicht unerheblichen Teil des linken Lagers wählbar sein. Ist das Becker? Er ist es sicher mehr als der gegen den amtierenden Amtsinhaber Peter Feldmann (SPD) gescheiterte Boris Rhein, Beckers Vorgänger als CDU-Kreisvorsitzender. Feldmann allerdings würde eine Gegenkandidatin Weyland sicher mehr fürchten. Becker ist als Mitglied des Magistrats zur Loyalität gegenüber dem Oberbürgermeister verpflichtet. Angriffe Beckers gegen Feldmann kämen beim Wähler so gut an wie bei einem Abteilungsleiter Angriffe seiner Untergebenen. Die CDU hat Feldmann oft vorgeworfen, er sei permanent im Wahlkampfmodus. Und was ist nun mit dem Kämmerer, der sich knapp vier Jahre vor der Wahl als OB-Kandidat ausruft? Derzeit zeigt Becker mehr Präsenz in der Öffentlichkeit als der Oberbürgermeister, was sicher auch seinem immensen Fleiß geschuldet ist. An diesem Sonntag besucht er beispielsweise Mitarbeiter städtischer Gesellschaften, die am Tag des Herrn arbeiten müssen.

Der CDU Arbeitskreis „Große Städte“ denkt darüber nach, wie die Partei mehr Erfolg in Großstädten haben könnte. Man könnte mit mehr innerparteilicher Demokratie und Transparenz anfangen. Bei den Kreisparteitagen der Frankfurter CDU wird noch nicht einmal, wie sonst üblich, der Kassenstand bekannt gegeben. Die Parteitagsdelegierten lassen sich das gefallen und fragen nicht danach. CDU-Parteitage begnügen sich damit, abzusegnen, was ihnen der Parteivorstand serviert. So war es auch mit der Kür des Oberbürgermeisterkandidaten Rhein. Der wurde auf Petra Roths Sofa in Nieder-Erlenbach nominiert, ein Parteitag zog dann nach. Feldmann dagegen musste sich in einem parteiinternen Ausleseverfahren gegen Michael Paris durchsetzen. Parteiinterne Konkurrenz und Transparenz kann offenbar das politische Geschäft beleben.

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