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Leben und lieben mit HIV: Welt-Aids-Tag: Zwei Frankfurter wollen mit Vorurteilen aufräumen

Viele Menschen verbinden mit HIV und Aids nach wie vor aschfahl durchs Leben schlurfende Kranke und höchste Ansteckungsgefahr. Und das trotz zahlreicher Aufklärungskampagnen.
HIV-positiv und glücklich: André und sein Freund Fabian (rechts). Im Vordergrund, das Rad mit dem André das Spendengeld zusammenfährt. Foto: Fotostudio Blitzlicht HIV-positiv und glücklich: André und sein Freund Fabian (rechts). Im Vordergrund, das Rad mit dem André das Spendengeld zusammenfährt.
Frankfurt.  Zugegeben: Ich habe ein bisschen Bammel, als ich André die Hand gebe. Der 34-Jährige ist HIV-positiv. Doch noch in derselben Sekunde muss ich mir eingestehen,  wie stark Vorurteile wirken. Auch auf gut informierte Menschen.

Wir sitzen in einer Pizzeria in der Frankfurter Innenstadt und reden über Andrés Erkrankung. Und die Beziehung zu seinem Freund Fabian, der nicht infiziert ist. Die beiden jungen Männer wirken auch nach fünf Jahren Beziehung noch verliebt und tauschen entsprechende Blicke aus. Einmal streicht Fabian seinem Freund zärtlich über die Hand.

Das war nicht immer so. „Als André mir gesagt hat, dass er sich angesteckt hat, habe ich mich schon gefragt: Kann ich ihn noch anfassen? Ihn küssen? Von seiner Gabel essen?“, erzählt Fabian. Heute weiß er es besser. „Wir wollen mit dem alten Bild von HIV und Aids aufräumen“, sagt der 24-Jährige.

Frühjahr 2015 infiziert

Kennengelernt hat sich das serodifferente Paar – das ist der medizinischer Fachausdruck für die Beziehung zwischen einem HIV-positiven und -negativen Menschen – über Freunde. Vor fünf Jahren kamen sie zusammen. Da war André noch nicht infiziert. Das geschah erst im Frühjahr 2015. Er hatte ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem Mann, der selbst noch nichts von der Erkrankung wusste.

„Im Nachhinein war das leichtsinnig“, sagt er heute. Doch er sagt auch: „Es ist zu einfach, mit dem Finger auf mich zu zeigen.“ Schließlich gebe es viele Menschen, die bei One-Night-Stands nicht verhüten. „Die meisten Menschen hatten schon einmal ungeschützten Sex. Die Meinung, dass nur junge schwule Männer HIV-positiv sind, ist ein Klischee“, sagt André. Ebenso, dass eine Infektion heutzutage ein rasches Todesurteil bedeute.

André geht es gut. „Ich bin in Therapie“, wie er sagt. Das heißt, dass er täglich Medikamente nimmt. Sie sind inzwischen dermaßen wirksam, dass die Zahl der Erreger in seinem Blut verschwindend gering ist. So gering, dass André trotz HIV-Virus nicht ansteckend auch nicht bei Sex ohne Kondom.

„Viele Leute haben bei HIV und Aids noch das Krankheitsbild aus den 80ern im Kopf“, sagt Fabian. Die Begriffe würden noch heute synonym verwendet. Dabei ist HIV der Erreger, der unbehandelt zu der Erkrankung Aids führen kann. Kurzum: André hat HIV und kein Aids. Und aufgrund seiner Therapie hat er eine annähernd hohe Lebenserwartung wie ein Nicht-Infizierter.

Kein Todesurteil mehr

Fabian sagt: „Das Problem dieser Krankheit liegt im Kopf der Menschen.“ Deshalb wollen er und sein Partner das Thema an die Öffentlichkeit bringen. „Wer erfährt, dass er HIV-positiv ist, soll wissen, dass es eben kein Todesurteil mehr ist. Das Leben geht weiter. Denn man kann mit HIV leben – und zwar gut“, so André. Damit diese Botschaft noch mehr Menschen erreicht, haben sich die beiden etwas einfallen lassen: Im Juni haben André und Fabian bei einer Benefiz-Radtour 3000 US-Dollar zusammengestrampelt. Das Geld ging an ein Aids-Hilfsprojekt in den USA.

Doch damit nicht genug. Die beiden Frankfurter sammeln mit ihrer Initiative „Andrés Ride“ mittlerweile für die hiesige Aids-Hilfe und setzen sich für einen normalen Umgang mit dem Thema HIV in der Öffentlichkeit ein. Über eintausend Euro flossen bereits in das Projekt „20+ positiv“. Es handelt sich um eine Selbsthilfegruppe für schwule Männer mit HIV bis 30 Jahre. Der nächste Schritt ist bereits geplant: Ähnlich wie bei der Mitmach-Aktion „Ice Bucket Challenge“ sollen Facebook-Nutzer ihre virtuellen Freunde zum Radfahren animieren – und natürlich auch zum Spenden.

Wenn man André und Fabian zuhört, merkt man, dass sie den Kampf aus Überzeugung führen. „Die Arbeit an unserem Projekt hat uns noch enger zusammengeschweißt“, sagt Fabian. Damit verabschieden wir uns – natürlich per Handschlag.

Sie wollen André und Fabian unterstützen? Alle Infos gibt es im Internet unter www.facebook.de/andresride

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das sagen Oberstufenschüler zu Aids

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