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Wenn Fluglärm zum Krimi-Stoff wird

Ende 2013 veröffentlichte Gerd Fischer den Fluglärm-Krimi „Fliegeralarm“. Am kommenden Montag wird der Autor während der Montagsdemo am Frankfurter Flughafen aus seinem ausgesprochen gesellschaftskritischen Buch vorlesen.
Krimi-Autor Gerd Fischer steht im Abflugbereich des Frankfurter Flughafens: Hier treffen sich seit Jahren die Flughafen-Ausbaugegner, um bei ihren Montagsdemos gegen den Lärm zu demonstrieren.	Foto: Menzel Krimi-Autor Gerd Fischer steht im Abflugbereich des Frankfurter Flughafens: Hier treffen sich seit Jahren die Flughafen-Ausbaugegner, um bei ihren Montagsdemos gegen den Lärm zu demonstrieren. Foto: Menzel
Frankfurter Süden. 

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. Oktober 2011 die Nordwest-Landebahn des Frankfurter Flughafens eröffnete, brach über viele Bewohner des Frankfurter Südens ein Lärmterror ungeahnten Ausmaßes herein. Seither donnern die Flugzeuge zwischen 5 und 23 Uhr teils im Minutentakt über die einst so begehrten Wohnviertel im Süden der Stadt. Woche für Woche treffen sich Hunderte Lärmgegner aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet am Terminal 1 des Frankfurter Flughafens, um dort lautstark gegen den Krach aus der Luft zu demonstrieren.

Für manche ist der Protest der Ausbaugegner Ausdruck des ungebrochenen Widerstands, andere empfinden die Montagsdemos inzwischen als verzweifelte Protestgeste. Für Krimi-Autor Gerd Fischer ist der Konflikt um den Flughafenausbau ein gefundener Literatur-Stoff. Anfang 2013 erfuhr der 44-jährige Bockenheimer von einer befreundeten Lehrerin, dass manche ihrer Schüler seit Oktober 2011 mit Ohrstöpseln im Unterricht sitzen, um sich vor Fluglärm zu schützen. Fischer studierte Germanistik und Politologie und sucht für seine Frankfurt-Krimis, die von den Abenteuern des apfelweinsüchtigen Kommissars Andreas Rauscher handeln, stets nach gesellschaftspolitischen Themen.

 

Historischer Kontext zählt

 

Nach dem Gespräch mit seiner Bekannten begann Fischer zu recherchieren. Er unterhielt sich mit Ausbaugegnern und stellte fest, dass eine Erzählung über den Widerstand gegen die Nordwest-Landebahn nur Sinn macht, wenn sie auch die Ereignisse rund um den Bau der Nordwestlandebahn beinhaltet.

„Mir war schnell klar, dass dieses Thema schon seit Jahrzehnten die Gemüter erhitzt und auch in Zukunft zu Problemen führen wird“, sagt der Autor, dessen Onkel einst selbst gegen den Bau der „18 West“ auf die Straße ging. Als einer der Demonstranten am 2. November 1987 zwei Polizisten erschoss, sei der Widerstand gegen den Flughafenausbau an einen Wendepunkt gekommen. „Danach richtete sich der Protest ausschließlich gegen den Flughafen und verlor seine gesellschaftspolitische Dimension“, sagt Fischer und verweist auf die heutigen Proteste, die primär von jenen angeführt werden, die unmittelbar von Fluglärm betroffen sind.

„Fliegeralarm“ heißt der Krimi, den Gerd Fischer Ende 2013 veröffentlichte. Bei der kommenden Montagsdemo wird er auf Einladung einer Offenbacher Bürgerinitiative am Terminal 1 des Flughafens aus seinem Buch vorlesen.

Dabei ist es nicht so, dass Fischer mit „Fliegeralarm“ ein Buch schrieb, das die Argumente der Flughafen-Gegner unreflektiert übernimmt. Im Gegenteil: Strenggenommen führen die Hauptakteure des Krimis einen längst verlorenen Kampf.

Im Zentrum der Geschichte steht der einstige Bereitschaftspolizist Kempf, der hautnah miterlebte, wie sein bester Freund durch die Schüsse am 2. November 1987 tödlich verwundet wurde. Durch diesen Bruch in seinem Leben mutiert die Romanfigur Kempf sukzessive vom treu ergebenen Staatsdiener zu dessen Gegner und – durch die Eröffnung der Nordwest-Landebahn – zum tragischen Opfer des Frankfurter Flughafens. Denn Kempfs Haus befindet sich im massiv von Fluglärm belasteten Süden Sachsenhausens. Irgendwann reicht es dem zwangspensionierten Polizisten nicht mehr, seinen Unmut über den Lärm aus der Luft durch den Besuch der Montagsdemos kundzutun. Er geht dazu über, Flughafen-Lobbyisten und Politiker zu entführen, was wiederum Kommissar Andreas Rauscher auf den Plan ruft.

 

Parallelen zur Realität

 

Es ist ein bisweilen harter Stoff, den Gerd Fischer seinen Lesern zumutet. Kontinuierlich wird die Geschichte von fiktiven Zeitungsartikeln unterfüttert, die die Ereignisse seit Eröffnung der Nordwest-Landebahn realitätsgetreu wiedergeben. „Ich habe im Vorfeld viele Gespräche geführt und stellte fest, dass sich selbst Pazifisten fragen, wie weit sie in ihrem Widerstand gehen können“, sagt Gerd Fischer, den die Frage umtreibt, wie hoch der individuelle Druck werden muss, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.

Tatsächlich, so stellte Fischer fest, sei die Fluglärmbelastung in Gegenden wie dem Lerchesberg unerträglich. Hinzu kommen gesundheitliche Risiken und der Wertverlust von Privatimmobilien. „Fliegeralarm“ ist somit nicht nur ein Fluglärm-Krimi, sondern auch eine Geschichte über die Maßlosigkeit unserer kapitalistischen Gesellschaft. „Ich bin sehr überrascht, wie gut das Buch selbst von Nicht-Betroffenen aufgenommen wird“, sagt Fischer, der nicht ausschließt, irgendwann auch ein Sachbuch über Fluglärm zu schreiben. Vorerst möchte er sich aber seinem nächsten Rauscher-Krimi widmen. Diesmal soll es um die Mietpreisexplosion in Frankfurt gehen.

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