Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen

Beratungsstelle „Sucht im Alter“ im Hufelandhaus: Wenn Senioren süchtig sind

Von Suchtkranken Senioren zu helfen, scheitert oft daran, dass die meisten Berater keine Erfahrung im Umgang mit alten Menschen haben – und umgekehrt. In der Beratungsstelle „Sucht im Alter“ im Hufelandhaus hingegen arbeiten beide Disziplinen seit anderthalb Jahren erfolgreich zusammen.
Seckbach. 

Ohne Harald Spörl und Martin Wolf wäre er schon tot, sagt Werner Beil (60). Seit mehr als 40 Jahren, solange er denken könne, trank er Alkohol. Nicht Bier, sondern „immer nur Wodka“ – aus purer Langeweile. Einmal sei er unlängst betrunken so schwer gestürzt, dass er mit dem Kopf auf eine Porzellanschale fiel. Nur knapp überlebte er diesen Sturz. „Und das war nicht das einzige Mal.“ Nun ist er seit 28 Wochen trocken: „Es ist ein tolles Gefühl, am Kiosk vorbei- zugehen und nicht den geringsten Drang zu haben, zu trinken.“

Harald Spörl Bild-Zoom
Harald Spörl

Ihm half, dass sein Pflegedienst die Beratungsstelle „Sucht im Alter“ einschaltete. Ein Pilotprojekt der Inneren Mission der evangelischen Kirche mit Büro im Seckbacher Hufelandhaus. Erstmals in Deutschland sind dort seit anderthalb Jahren Sucht- und Altenhilfe unter einem Dach vereint: Martin Wolf hat viele Jahre Erfahrung in der Seniorenberatung. Und Harald Spörl von der Stiftung Waldmühle – wie das Hufelandhaus eine Einrichtung der Inneren Mission – bringt seine Erfahrung als Suchtberater ein. Drei Jahre lang wird das Pilotprojekt von der Deutschen Fernsehlotterie finanziert.

Aber warum braucht es spezielle Suchthilfe-Angebote für Senioren? Der Zugang zu älteren Süchtigen sei ganz anders und viel schwieriger als zu jüngeren , erklärt Spörl. „Ich als Suchtberater habe keine Erfahrung im Umgang mit Senioren. Martin Wolf hingegen kann das.“ Wolf falle es viel einfacher, die Betroffenen so anzusprechen, dass sie sich öffnen, dass sie langsam eine persönliche Beziehung zu ihm aufbauen – und sich aus ihrer Sucht helfen lassen.

Das sei lange Zeit nicht erkannt worden, sagt Bernd Nagel, Geschäftsführer der Stiftung Waldmühle. „Erstmals tauchte 2010 im Bericht der Drogenbeauftragten des Bundes ein Passus über Sucht im Alter auf.“ Mehrfach hätten sich seither Suchtberatungs-Projekte des Themas angenommen – immer ohne Erfolg, weil die Suchtberater keine Seniorenberatung miteinbezogen.

Das Ziel von „Sucht im Alter“ sei nicht unbedingt, dass die suchtkranken Senioren künftig abstinent leben, erklärt Wolf, denn das sei oft gar nicht zu erreichen. Oft genug aber hätten sich die Betroffenen in ihrer Sucht – egal ob Alkohol, Medikamente oder andere Stoffe – gemütlich eingerichtet. Sie fühlten sich in ihrer Situation wohl und wollten daran auch nichts ändern. Wolf: „Uns geht es vor allem um eine Steigerung der Lebensqualität.“ Das könne unter Umständen schon durch kleine Umstellungen beim Pflegedienst gelingen.

Martin Wolf Bild-Zoom
Martin Wolf

Die Beratungstelle „Sucht im Alter“ wird meist nicht von süchtigen Senioren, sondern von Angehörigen, Nachbarn, Pflegediensten oder Ärzten angesprochen, sagt Wolf. Und das meist, wenn es Probleme gebe. Etwa, wenn ein Süchtiger sich nicht oder nur widerwillig pflegen lässt. Oder weil pflegende Angehörige die Sucht hautnah erleben. „Angehörigen sagen oft: Mein Vater, meine Mutter ist süchtig. Ich will, dass das aufhört.“ So einfach funktioniere das aber nicht, müssten sie den Angehörigen meist erklären, erklärt Spörl. „Viele Süchtige nehmen ja nicht wahr, dass sie Hilfe benötigen.“ Der Weg zu dieser (Selbst-)Erkenntnis sei lang. „Und so läuft der erste Kontakt oft über Dritte, manchmal sogar nur über sie.“

Anders bei Werner Beil: Er war froh, endlich Hilfe zu bekommen. „Tagsüber bin ich in Eschersheim in einer tagesstrukturierenden Einrichtung der Waldmühle.“ Das sei das Wichtigste, erklärt Spörl: Dass die Süchtigen etwas mit ihrem Tag anfangen können. „Oft haben sich ihre Tage zehn, 20 Jahre lang nur um den Drogenkonsum gedreht. Sie müssen wieder lernen, ihren Tag zu gestalten.“ Mit Ausflügen, Karten spielen, gemeinsamem Kochen oder auch mal einem Paddelausflug auf der Nidda.

Doch zunächst organisierte Spörl für Beil eine Therapie. Während Beil „entgiftete“, also sein Körper sich an ein Leben ohne Alkohol gewöhnte, kümmerte sich Wolf um die Pflege und deren Finanzierung. So konnte Beil nach der Therapie in die eigene Wohnung zurückziehen.

Für Spörl und Wolf ist das Projekt „Sucht im Alter“ ein voller Erfolg. Auch wenn es dauerte, bis sie die Arbeit des anderen verstanden. „Das fing bei der Sprache an. Wenn ich von Senioren redete, meinte ich 60-Jährige. Martin Wolf hingegen meinte: Das sind ja noch junge Menschen“, erklärt Spörl. Umso wichtiger sei es, die Arbeit auch nach der Pilotphase weiter zu finanzieren, so Nagel.

 

Wer Kontakt zu „Sucht im Alter“ aufnehmen will, kann dies per E-Mail an sucht-im-alter@hufeland-haus.de, telefonisch unter der Nummer
(069) 4 70 42 81 oder im Hufeland-Haus, Wilhelmshöher Straße 34.

 

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse