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Wenn die Tür knallt, schreckt sie hoch

Wiegenlieder sind vor allem da, um Kinder in den Schlaf zu singen, sollte man meinen. Tatsächlich beruhigen sie auch erwachsene Frauen und sagen viel über erlittene Gewalt aus, wie die Aufführung der "Frankfurter Wiegenlieder" in der Matthäuskirche eindrucksvoll zeigt.
Oft leiden Frauen, die Gewalt erlebt haben, auch Jahre später noch unter den psychischen Folgen.	Foto: dpa Oft leiden Frauen, die Gewalt erlebt haben, auch Jahre später noch unter den psychischen Folgen. Foto: dpa
Gallus. 

Wenn Maria W. "Der Mond ist aufgegangen" anstimmt, geht es ihr nicht um die Romantik an einem lauen Frühjahrsabend. Ihr Schwerpunkt liegt auf der dritten Strophe: "Die Ruhe und der Schlaf, den man sich und seinen kranken Mitmenschen wünscht." Dabei erlebt sie nachts nicht mal die unruhigsten Stunden: "Da würde ich sogar durch die Stadt laufen. Nur tagsüber, wenn einen alle beobachten, da will ich mich am liebsten einbunkern und finde doch nicht zu mir selbst."

Wertlos für die Mutter

Das Leben von Maria W. ist geprägt von Gewalt. "Immer, wenn die Tür knallt, schrecke ich hoch", berichtet die frühere Friseurin. Ihre Qualen beginnen in der Kindheit mit gewaltsamen auch sexuellen Übergriffen und mit psychischer Gewalt. "Meine Mutter hat mir immer wieder zu verstehen gegeben, wie wertlos ich bin", erinnert sie sich. Die Qualen gingen in der Ehe weiter: "In unserem Dorf im Westerwald kam es selbst in der Öffentlichkeit zu Übergriffen, ohne dass mir einer geholfen hat." Maria W. floh nach Frankfurt zu einer Freundin, versuchte zu vergessen und zu verdrängen. "Als dann die Freundin nach schwerer Krankheit starb, brach die Welt für mich völlig zusammen."

Wie Maria W. geht es auch anderen Frauen, die Stefan Weiller für die Aufführung der "Frankfurter Wiegenlieder" in den vergangenen 18 Monaten im Zentrum für Frauen des Diakonischen Werks für Frankfurt und für Wiesbaden interviewt hat. Ihre Erfahrungsberichte und die von ihnen ausgewählten Lieder finden Eingang in die szenisch-musikalischen Lesungen und Darstellungen, die heute in der Matthäuskirche an der Friedrich-Ebert-Anlage zu erleben sind (siehe "Info"). Passend zur Ausstellung "Das Kreuz mit dem Kreuz" projiziert der Installationskünstler Ralf Kopp umgewandelte Klangwellen als leuchtende Punkte, die bei vollem Gesang hoffnungsvoll zum Himmel streben, an die große Leinwand vor dem Altar.

Zu den 40 Akteuren, die das verdrängte und unausgesprochene Leid auf die Bühne bringen, gehören neben dem Matthäuskammerchor der Hoffnungsgemeinde die Sopranistin Christina Schmid, der Trommler Burkhard Mayer-Andersson und die türkische Schauspielerin Renan Demirkan, die ein Wiegenlied in ihrer Muttersprache anstimmen wird. "Einige Frauen kommen aus arabisch-islamischen Ländern", erklärt Weiller. Was sich in den Lesungen so anhört: "Tarek liebt seinen Papa. Und Papa liebt seinen kleinen Tarek. Ich aber habe Angst vor Tareks Papa."

Die schlimmste Zeit

Insgesamt sieben Geschichten lässt Weiler die betroffenen Frauen erzählen. Dazu werden 24 Lieder und Musikstücke eingespielt, darunter Johannes Brahms "Sandmännchen". "Die 24 Lieder stehen für die 24 Stunden am Tag und die sieben Geschichten für die sieben Stunden Schlaf, die ein Mensch nachts im Schnitt benötigt", erklärt Weiller. Doch für viele der von körperlicher oder seelischer Gewalt betroffenen Frauen beginnt in der Nacht die schlimmste Zeit, die Unruhe und Angst, der Peiniger könnte wiederkommen. Andere fühlen sich wie Maria W. am lichten Tag verfolgt, ziehen sich hinter geschlossene Jalousien und in sich selbst zurück.

Maria kam vor eineinhalb Jahren ins Zentrum für Frauen und bewohnt dort eine von sieben Wohngruppen für je vier Frauen. Nach einer Verhaltenstherapie hat sie sich nun für betreutes Wohnen entschieden. "Die Spenden wollen wir gerne verwenden, um unsere Frauen wieder an das öffentliche Leben heranzuführen", erklärt die Leiterin des Zentrums für Frauen, Karin Kühn. got

(Gernot Gottwals)
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