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Reportage aus dem Frankfurter Problemstadtteil: Wenn es Nacht wird im Bahnhofsviertel

Das Bahnhofsviertel ist nur einen halben Quadratkilometer groß, und doch hält gerade dieser Teil Frankfurts die Stadt in Atem. Viel ist in den vergangenen Wochen diskutiert und geschimpft worden über die Dealerbanden, die zwischen den Bars, Wohnungen und Rotlicht-Etablissements unterwegs sind und sich auch von den vielen Polizeistreifen nicht beirren lassen. Nachts, so heißt es oft, sei es am schlimmsten. FNP-Reporter Ben Kilb hat sich das angesehen.
In der verdreckten Elbestraße treffen sich abends die Junkies in großer Zahl. In der verdreckten Elbestraße treffen sich abends die Junkies in großer Zahl.
Frankfurt. 

„Klar, Melinda kenne ich. Alle kennen sie“, sagt Jeremy, der in seinem Imbiss „Currywurst Taunus 25“ gerade die Lichter ausknipst. Es ist Mitternacht im Bahnhofsviertel, das jetzt an einigen Stellen geschäftiger wirkt als tagsüber. Melinda*, so erzählt der Wurstverkäufer, laufe manchmal nackt durchs Viertel und schreie herum. Er tritt vor den Eingang seines Ladens an der Taunusstraße, deutet auf das jüngste Werk der berüchtigten Drogenabhängigen.

Ein völlig verdreckter, klappriger Kinderwagen, Melinda habe ihn dort abgestellt. Ein paar noch verdrecktere Kinderschuhe liegen darin. Aus welchem Grund die Frau beides hier hinterließ, weiß vielleicht nicht mal sie selbst.

Völlig ausgerastet

Um Melinda kreist das Gespräch, weil sie in der vergangenen Woche mal wieder völlig ausgerastet ist. Da kreuzte sie abends vor dem Kiosk „Yok Yok“ an der Münchener Straße auf, griff sich ein herumliegendes Stück Holz und schlug damit einer Hochschwangeren zwei Mal auf den Bauch. Denen, die das gesehen haben, gehen die Bilder lange nicht aus dem Kopf. Auch wenn alles glimpflich abging. Die werdende Mutter und ihr Baby nahmen keinen physischen Schaden. Melinda wurde wenig später von der Polizei festgenommen. „Doch nur Stunden danach ließ der Haftrichter sie wieder ziehen“, sagt Nassim Alemdar, dem der Kiosk gehört. Er ist auch einer, den im Viertel jeder kennt, seit 30 Jahren lebt er hier. „Yok Yok“ ist Kult bei den Hipstern, die zum Feiern ins Viertel kommen, und jenen, die dort arbeiten und wohnen. Alemdar kennt die meisten.

Am U-Bahn-Abgang Kaisersack warten Rauschgiftdealer in der Dunkelheit auf ihre Kundschaft.

Der Fall Melinda lässt ihm keine Ruhe. Die Frau tut ihm leid. „Sie gehört in eine Therapie, nicht hier auf die Straße.“ Dort, auf den Straßen des Bahnhofsviertels, mischt sich vieles, zugleich hat jeder darin sein Revier. In der Regel blieben die Junkies unter sich, seien keine Bedrohung für die Gäste im Viertel, sagt Alemdar. „Vor allem nicht hier in der Münchener Straße.“ Dass Melinda auch nach ihrer Stock-Attacke so schnell wieder da war, sei eine Bestätigung für all jene, die sich angesichts der Drogenszene von Stadt und Behörden im Stich gelassen fühlten.

Taxifahrer Selcuk fühlt sich im Bahnhofsviertel nicht mehr wohl. Früher, sagt er, sei es längst nicht so schlimm gewesen.

„Die Frau mit dem Babybauch hat natürlich gesagt, dass sie nie mehr her kommt“, erzählt Alemdar. Solche Reaktionen von Kiez-Besuchern fürchtet auch Ulrich Mattner, Anwohner, Fotograf und Vorsitzender des Gewerbevereins im Bahnhofsviertel. Er hatte jüngst wieder einen Brandbrief veröffentlicht und vor allem nachts mehr Polizeipräsenz gefordert.

Dabei ist die Münchener Straße in dieser Nacht eine heile Welt im Vergleich zur oberen Taunusstraße. Dort belagern Dealer die Treppen zur B-Ebene des Hauptbahnhofs. Sie sind wachsam, halten immer Ausschau nach der Polizei. Weil sie hier sind, ist der „City Kiosk“ nebenan weit mehr als seine Name verrät. Die Kriminellen nutzen ihn als Drogenversteck, Selbstbedienungsladen, zum Geldwechseln, manchmal auch für Schlägereien.

Jeremy arbeitet im Imbiss „Currywurst Taunus 25“. Er erzählt von der drogenabhängigen Melinda, die vergangene Woche ausgerastet ist.

Inhaber Rameshwaran kann dagegen wenig tun. Er zeigt auf die Süßigkeiten-Fächer, dazwischen haben die Dealer früher ihre Drogen versteckt, wenn eine Polizeikontrolle drohte. Rameshwaran hat reihenweise Schlitze in Wänden und Decken abgeklebt, um das zu unterbinden. Mit Dutzenden Kameras versucht er, sich vor Diebstahl zu schützen.

Zwei Männer, Typ Nordafrikaner, treten in seinen Laden, der Kioskbesitzer mustert sie. Einer leert eine kleine Tüte voll verklebter Münzen auf den Tresen. „Drogengeld“, sagt Rameshwaran so laut, dass es keinem im Laden entgeht. Er wechselt es dann trotzdem gegen Scheine, weil der Laden Kleingeld braucht. An das, was daran haftet, verschwendet er schon lange keine Gedanken mehr.

Hat schon viel gesehen: Nassim Alemdar vom Kiosk „Yok Yok“.

Ebenso wenig daran, wie sich die Zustände in und vor seinem Laden beseitigen lassen. „Die Dealer stören sich doch gar nicht mehr an den Behörden. Sie haben immer nur kleine Mengen dabei, die für Haftstrafen nicht reichen“, sagt er und klingt dabei wie jemand, der jede Hoffnung aufgegeben hat.

Im Bahnhofsviertel ist vieles in Umlauf; Marihuana, Heroin, Kokain. Doch Crack ist der Stoff, der Konsumenten am schnellsten verrohen und ins Elend stürzen lässt. Die Folgen lassen sich in der Elbestraße beobachten, nur wenige Meter vom „City Kiosk“ entfernt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Junkies, Gewalt, hoffnungslos?

Bilderstrecke Der Hauptbahnhof Frankfurt im Wandel - von den Anfängen bis heute
Der Frankfurter Hauptbahnhof steht kurz vor einem großem Umbau, der 2016 losgehen soll. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1888 wurde der Verkehrsknoten schon häufig verändert und außen und innen saniert. Wir zeigen in unserer Bilderstrecke den Wandel der vergangenen Jahrzehnte bis heute. Hier eine Aufnahme des Vorplatzes und Haupteingangs um 1900.Der Hauptbahnhof nach der Eröffnung im Jahr 1888.Montage der Hallenbinder mit Hilfe eines auf zwanzig Rädern fahrbaren Gerüsts, 1885.
* Name von der Redaktion geändert
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