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Wer erinnert sich noch an Entebbe?

Die Befreiung von Geiseln in Uganda vor 40 Jahren durch israelische Spezialkräfte ist aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Für die deutsche Linke aber bedeutete sie den Lackmustest. Es ging darum, ob Linke antisemitisch sein können.
Frankfurt. 

Ein bisschen grübeln musste Kevin Müller schon, ehe ihm die Idee kam. „Die RAF kennt man ja schon rauf und runter“, erzählt der Geschichtsstudent an der Goethe-Universität, „aber Entebbe fand ich wert, mal aufzudröseln. Vor allem, weil Deutsche beteiligt waren und es um den Vorwurf der Selektion geht“.

Müller und seine Kommilitonen haben in einem Seminar eine Ausstellung über die Geiselnahme von Entebbe entwickelt. Vor genau 40 Jahren, am 4. Juli 1976, befreiten israelische Soldaten in Entebbe in Uganda Geiseln aus der Hand zweier deutscher Terroristen der Revolutionären Zellen (RZ). Sie hatten zuvor eine Air-France-Maschine dorthin entführt. Die Ausstellung in der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank über dieses Ereignis beginnt am 21. September.

Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, die beiden Terroristen der RZ, waren ein Kommando der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Nachdem sie den Airbus nach dem Start in Tel Aviv in ihre Gewalt gebracht hatten, lenkten sie ihn nach Entebbe um, wo sie die meisten Geiseln freiließen. Mehr als 100 Menschen hielten sie jedoch weiter gefangen.

Die Kriterien, nach denen Böse und Kuhlmann über die Freilassung entschieden, sind bis heute umstritten. Entschieden sie nach Pässen und entließen alle Nicht-Israelis? Immerhin sollte die pro-palästinensische Operation ja den Staat Israel treffen. Oder ging es ihnen darum, alle Juden in ihrer Gewalt zu behalten? Einige der Geiseln berichteten, die beiden Deutschen hätten ihre Opfer nach Religionszugehörigkeit selektiert. Es waren auch Holocaust-Opfer unter ihnen, die sich an die Selektion an der Rampe von Auschwitz-Birkenau erinnert fühlten. Andere Augenzeugen dagegen berichteten, es sei nach Pässen sortiert worden.

Diese Frage sei nicht die einzige Unklarheit in dieser Geschichte, erklärt Müllers Kommilitonin Julia Wirth. Es sei sogar fast unmöglich, ganz grundlegende Fragen eindeutig zu beantworten. Wie viele Passagiere im Airbus saßen etwa, oder wie viele ugandische Soldaten die israelischen Befreier insgesamt erschossen. Deshalb solle die Ausstellung auch keine Wertung sein. „Wir wissen einfach nicht, ob es eine Selektion war oder nicht“, sagt sie.

In den bundesdeutschen Medien ging es damals stark um den Aspekt des Völkerrechtsbruchs – was die Militäraktion auf dem Territorium Ugandas unbestreitbar war, wie der Historiker Torben Giese. Er ist einer der beiden Universitätsdozenten, die mit den Studenten die Ausstellung konzipiert haben.

Entebbe verschwand bald wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein. Nicht aber aus dem der deutschen Linken, die den antisemitischen Aspekt der Terrorattacke diskutierten. Ob Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung legitim sei, war in den 1970er Jahren Gegenstand heißer Diskussionen. Viele Linke rechtfertigten sie. Aber Deutsche, die im Namen einer linken Ideologie mit vorgehaltener Waffe Juden selektieren – das war für viele inakzeptabel. Entebbe sei für so zentrale Figuren wie Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer (beide Grüne) das Ereignis gewesen, das sie mit der radikalen Linken brechen ließ, sagt Dieter Storck, Vorstandsvorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hessen. Der RZ-Terrorist Hans-Joachim Klein führte seine Läuterung ebenfalls auf Entebbe zurück.

Auch für Israel sei die Befreiungsaktion bedeutend, sagt Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank und gebürtiger Israeli. Sie sei Teil der kollektiven Erinnerung, eine Gegenerzählung zur Shoa, eine Geschichte der Wehrhaftigkeit. Und Entebbe sei auch für die Gegenwart bedeutsam, sagt Mendel: „Es ist kein Zufall, dass Benjamin Netanjahu Ministerpräsident wurde. Er hat seine persönliche Verbindung zu dieser Geschichte immer betont.“

Die Geschichte, die Mendel meint, bezieht sich auf Yonatan Netanjahu, den Bruder des heutigen israelischen Regierungschefs. Er nahm als Soldat an der Befreiung teil. Lange galt er in Israel unumstritten als Held. Aber mittlerweile, erzählt Mendel, sei die Diskussion über „Yoni“ kontrovers geworden. Denn eventuell – darüber gehen die Meinungen auseinander – hat er die gesamte Aktion beinahe vermasselt, weil er zu früh auf ugandische Soldaten schoss. Bei einem Feuergefecht wurden drei Geiseln, die Terroristen und rund zwei Dutzend Ugander getötet – und Yonatan Netanjahu.

Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm. Unter anderem kommt am 26. Oktober der Antisemitismusforscher Klaus Holz zu einer Podiumsdiskussion in die Bildungsstätte. Der Linksextremismus-Experte Wolfgang Kraushaar hält am 30. November einen Vortrag. Am 30. Januar spricht Gregor Gysi (Linke) über das Verhältnis seiner Partei zu Israel. Das Programm ist unter www.bs-anne-frank.de abrufbar.

(epd)
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