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Frankfurter Sportmedizinprofessor im Interview: Wie Sport Diabetes verhindern kann

Der Wissenschaftler und Arzt Winfried Banzer wirbt für Sport als Heilmittel, zum Beispiel gegen Diabetes. Im Interview erzählt er von Schulsport, flotten Spaziergängen und wie man die Zuckerkrankheit verhindern kann.
Prof. Winfried Banzer steht auf einem der Sportplätze der Goethe-Uni in Ginnheim. Wo immer er kann, wirbt er für Sport und Bewegung – auch als Heilmittel gegen Diabetes. Foto: Leonhard Hamerski Prof. Winfried Banzer steht auf einem der Sportplätze der Goethe-Uni in Ginnheim. Wo immer er kann, wirbt er für Sport und Bewegung – auch als Heilmittel gegen Diabetes.
Frankfurt. 

Der Sportmedizinprofessor der Goethe-Universität, Winfried Banzer, ist vom Robert-Koch-Institut in einen neuen wissenschaftlichen Beirat zum Thema Diabetes berufen worden. Was ein Sportmediziner dort verloren hat und wie Bewegung im Kampf gegen die Zuckerkrankheit helfen kann, darüber hat Redakteurin Stefanie Liedtke mit dem 63-Jährigen gesprochen.

Was hat Sport mit Diabetes zu tun?

PROF. DR. DR. WINFRIED BANZER: Eine ganze Menge! Diabetes zählt zur Gruppe der nicht übertragbaren Erkrankungen. Für die Verbreitung dieser Krankheiten ist also kein spezieller Erreger verantwortlich. Hier sind ganz andere Faktoren ausschlaggebend. Beim sogenannten Altersdiabetes, beziehungsweise Diabetes Typ II, ist der Mangel an Bewegung ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor.

Das heißt, wer Sport treibt, hat ein geringeres Risiko, einen Diabetes zu entwickeln?

BANZER: Wir haben gar nicht mehr den Anspruch, dass es unbedingt Sport sein muss. Es würde schon reichen, wenn sich die Leute mehr bewegen. Eine ganze Reihe von Studien belegt, dass 150 Minuten moderate, körperliche Aktivität pro Woche das Risiko deutlich reduzieren, an Diabetes zu erkranken.

Was heißt moderat?

BANZER: Moderat heißt, dass man sich dabei immer noch unterhalten kann. Ein flotter Spaziergang, etwa mit dem Hund, zählt auch.

Dass Bewegung wichtig ist für unser körperliches Wohlergehen, wissen die meisten. Warum ist es für Bewegungsmuffel trotzdem so schwierig, sich aufzuraffen?

BANZER: Es wäre zu einfach zu sagen: „Die Leute sind zu faul.“ Das hängt ganz stark mit unserer modernen Lebensweise zusammen. Schauen Sie sich die Amish-People in Amerika an, die den technischen Fortschritt ablehnen und so leben wie die Menschen hier vor mehreren hundert Jahren – sie haben keine Probleme mit Fettleibigkeit oder Bewegungsmangel. Wir hingegen haben uns den Alltag und die Arbeit bequem gemacht.

Wie meinen Sie das?

BANZER: Wir benutzen Fernbedienungen, um nicht aufstehen zu müssen. Wir fahren Rolltreppe und Aufzug, statt Treppen zu steigen. Wir fahren morgens mit dem Auto zur Arbeit und abends zurück. Erschwerend kommt hinzu, dass für viele Menschen die ersten Erfahrungen mit Sport negative Erfahrungen sind.

Weshalb?

BANZER: Weil viele Kinder im Schulsport das erste Mal mit Sport in Berührung kommen. Und das ist nach wie vor ein Trauerspiel. Die Kinder werden dort mit Dingen konfrontiert, die sie überfordern, bloß, weil sie im Lehrplan stehen. Ich frage mich: Muss ein Kind unbedingt ein Seil hochklettern oder kann es nicht auch auf andere Art und Weise nachweisen, dass es Kraft in den Armen hat? Man könnte da auch differenzieren. Es darf keine Frustrationserlebnisse durch Sport geben in der Kindheit! Im Gegenteil: Wir müssen bei den ganz Kleinen anfangen. Für sie muss Bewegung selbstverständlich sein. Jedes Kind muss eine Sportart finden können, die ihm Spaß macht. Das ist ein Bildungsauftrag – und die beste Diabetes-Prophylaxe.

Viele Menschen haben durchaus mal Sport getrieben, aber irgendwann damit aufgehört. Woran liegt das?

BANZER: Oft passiert das, wenn sich die persönliche Lebenssituation ändert. Der erste kritische Zeitpunkt ist mit 14, 15 Jahren. Wenn die Freunde andere Interessen haben, ist der Sport plötzlich nicht mehr wichtig. Dann kommt die Ausbildung, der Beruf, die Familiengründung. All das sind Lebenssituationen, in denen manchen der Bezug zum Sport verloren geht. Manche finden ihn später wieder, andere nicht.

Kommen wir noch mal zurück zum Diabetes. Wie kann Bewegung bei dieser Erkrankung helfen?

BANZER: Das kommt auf das Stadium der Erkrankung an. Im Prä-Diabetes-Stadium, also wenn die Blutwerte schon darauf hindeuten, dass da ein Problem ins Haus steht, jemand aber noch keinen akuten Diabetes hat, kann Bewegung die allgemeine Fitness verbessern und verhindern, dass die Krankheit akut wird. Wer bereits Diabetiker ist, kann durch regelmäßige Bewegung seine Medikamentendosis verringern oder gar ganz auf Medikamente verzichten.

Es ist also nie zu spät, um anzufangen?

BANZER: Nein. Auch ein 78-Jähriger kann noch eine Verbesserung erreichen, wenn er die Bewegung für sich entdeckt.

Wie wollen Sie sich in Ihrer neuen Rolle im Diabetes-Beirat dafür einsetzen, dass sich Betroffene mehr bewegen?

BANZER: Ich möchte zunächst einmal dafür sorgen, dass die positive Wirkung von Bewegung in die Beratung der Patienten einfließt.

Ist das nicht selbstverständlich?

BANZER: Leider nein, obwohl es in den Diabetes-Leitlinien drin steht. Wir müssen aber auch die Ärzte besser schulen. Die Frage: „Wann haben Sie sich das letzte Mal bewegt?“ muss zum Standardprogramm gehören. Auch die Vernetzung zwischen den Praxen und den Sportvereinen mit ihren Angeboten muss besser werden.

Wenn jemand nun schon Diabetes hat, was raten Sie ihm?

BANZER: Ich würde ihm empfehlen, zu einem Sportmediziner zu gehen und mit ihm ein Programm zu erarbeiten. Die meisten brauchen jemanden, der sie dabei begleitet. Eine gute Lösung ist zudem, sich einen Trainingspartner oder eine Trainingsgruppe zu suchen. Auch ein Hund ist ein guter Partner. Und man sollte sich keine unrealistischen Ziele stecken, sondern akzeptieren, dass das ein Langzeitprogramm ist. Niemand nimmt in zwei Wochen zehn Kilo ab. Man kann Bewegung auch prima in den Alltag integrieren, etwa, indem man einfach eine oder zwei U-Bahn-Stationen früher aussteigt und den Rest zu Fuß zurücklegt.

Frustriert es Sie manchmal, dass es so viele Sportmuffel gibt, obwohl längst klar ist, wie wichtig Bewegung für unser körperliches Wohlbefinden ist?

BANZER: Ich bin da Realist. Aber ich finde es natürlich sehr schade. Wir versuchen, es trotzdem zu propagieren. Andere Länder, etwa die skandinavischen Länder und die Niederlande, sind uns da ein gutes Stück voraus. Aber für alle nicht-pharmazeutischen Methoden haben wir noch keine ausreichend starke Lobby in Deutschland.

Welche Sportart betreiben Sie eigentlich?

BANZER: (lacht) Viele! Aber vor allem fahre ich sehr viel Rad, etwa morgens von meinem Zuhause in Königstein zur Sport-Uni und manchmal auch abends zurück.

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