Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige LS Lederservice Sie suchen einen Spezialisten aus Rhein-Main? Frankfurt am Main 26°C

Neuer Blick auf die Brentanos: Wie die reiche Kaufmannsfamilie aus Oberitalien das kulturelle Leben Frankfurts bereicherte

Von Passend zum Ausbau des Goethe-Hauses zum Romantik-Museum präsentieren das Frankfurter Institut für Stadtgeschichte, das Freie Deutsche Hochstift und die Hessische Landeszentrale für politische Bildung eine neue Biografie der Brentanos – und fragen, wie „romantisch“ sie wirklich sind.
Evelyn Brockhoff und Bernd Heidenreich mit der neuen Biografie im Brentanopark, im Hintergrund das Petrihaus. Bilder > Evelyn Brockhoff und Bernd Heidenreich mit der neuen Biografie im Brentanopark, im Hintergrund das Petrihaus.
Rödelheim. 

Anfang des 19. Jahrhunderts haben es die italienischen Großhändler geschafft: Georg von Brentano legt als betuchter Schöngeist einen idyllischen Landschaftspark mit schmuckem Petrihaus und einem Badehäuschen an, genannt „Goethetempel“. In Sehnsucht zum großen Dichter verzehrt sich Bettine, während ihr Bruder Clemens in seinen Gedichten kühle, rauschende Brunnen und den süßen Schall der Nachtigall besingt.

Eine gefühlsbetonte südländische Familie, wie sie im Bilderbuch steht. Doch ist das wirklich alles? „Die Brentanos. Eine romantische Familie?“ heißt die neue Biografie, die parallel zur Konzeption des neuen Romantik-Museums auch die Romantik selbst und ihre prominenten Dichter und Denker hinterfragt. Oder auch, besser gesagt, das, was der ebenso sehnsuchtsvolle wie gebildete Mensch normalerweise mit dem Begriff „Romantik“ verbindet.

Viele Klischees

„Denn diese Epoche ist mit so vielen Klischees versehen, dass der Eindruck entstehen könnte, selbst für Intellektuelle ist der Unterschied zwischen einem Romantik-Museum und einem Romantik-Hotel fließend geworden“, betont Bernd Heidenreich, Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Daher initiierte er mit den Leiterinnen des Freien Deutschen Hochstifts und des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte, Anne Bohnenkamp-Renken und Evelyn Brockhoff, und dem Leiter der Brentano-Abteilung im Goethe-Haus, Wolfgang Bunzel, eine dreiteilige Vortragsreihe zu „Goethe und die Romantik“, „Frauen und die Romantik“ und „Die Brentanos“, die nun verschriftlicht wurde.

In den Kapiteln „Vom Comer See an den Main“, „Die Frankfurter Brentanos“ und „Kinder und Enkel Bettine von Arnims“ beschreiben profunde Kenner wie Christiane Liermann Traniello, Leiterin des deutsch-italienischen Kulturvereins „Villa Vigoni“, oder der wissenschaftliche Mitarbeiter im Freien Deutschen Hochstift Michael Grus den Aufstieg der italienischen Handelsfamilie der Linie Brentano-Tremezzo (eine weitere Linie heißt Brentano-Cimaroli), nördlich der Alpen, die ihren Handelssitz von Mailand nach Frankfurt verlegte. „Am Anfang stand der Wein, im Namen Brentano steckt ja noch die Tragbütte, auf Italienisch ,brenta’“, erklärt Brockhoff. 1762 erwirbt Pietro Antonio Brentano das Frankfurter Bürgerrecht und deutscht seinen Namen zu „Peter Anton“ ein.

Der Stammvater

Peter Anton Brentano (1735-1797) entstammte einem Zweig der seit dem 13. Jahrhundert in der Gegend von Como nachweisbaren lombardischen Adelsfamilie Brentano, der Linie Brentano-Tremezzo, die 1698

clearing

Seine Kinder Georg, Clemens und Bettine etablieren das Petrihaus zum literarischen Salon, dem Ginkgobaum widmet Goethe sogar ein eigenes Gedicht. Die weitere Entwicklung der Familie bis in die Gegenwart beschreiben die Kapitel „Die Aschaffenburger Brentanos“ und „Die hessischen Brentanos“, wohnhaft in Darmstadt.

„Zunächst erzählt unsere Biografie die komplexe Geschichte einer weitverzweigten oberitalienischen Familie, der die Integration in die Frankfurter Gesellschaft gelungen ist und die neben romantischen Dichtern vor allem Kaufleute, Wissenschaftler und sogar Politiker hervorgebracht hat“, erklärt Heidenreich weiter. Und sie relativiert das Leben der romantischen Protagonisten: So war Georg Brentano wie seine Vorfahren auch ein angesehener und erfolgreicher Geschäftsmann, der mit seinen Einkünften die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen legte, damit die Familie mit ihren literarischen Salons für Dichter und Denker wie Goethe attraktiv war.

Frühe Emanzipation

Bruder Clemens wiederum, der an einer kaufmännischen Lehre scheitert, kann sich nur dank der Schecks aus dem väterlichen Vermögen seine „intellektuellen Eskapaden und die Realisierung eines romantischen Lebensentwurfs leisten“, wie es Heidenreich formuliert.

„Und Bettine, sie sich als junge Frau ebenfalls der Dichtung widmet und in ihrem Buch über die schlesischen Dichter sogar soziale Missstände anprangert, steht für die Emanzipation schlechthin“, erklärt Heidenreich. „An Frauen wie Bettine Brentano sieht man daher, dass sich die Romantik als Labor der Moderne für ein neues Frauenbild mit wesentlich mehr Selbstbewusstsein erweist.“

Das geheime Band, das die Sphären von Geist und Macht der Familie Brentano verbinde und den Kaufleuten, Literaten und Wissenschaftlern die Integration in die Frankfurter Gesellschaft ermöglichte, liege in jener Aura, die durch das Freiheitsbedürfnis, den Individualismus, das Verantwortungsgefühl und die künstlerische Kreativität bestimmt werde.

Wie viel Romantik im gefühlsbetonten Sinn die Biografie den Brentanos zugestehe, liege auch im Ermessen des Lesers, so Heidenreich. „Möglicherweise liegt darin auch ein versteckter Hinweis auf das Ursprungsland Italien, in das die Deutschen gerne ihre Sehnsüchte hineinprojizieren.“

 

Die Biografie „Die Brentanos“ ist für 22 Euro im Verlag Henrich Druck und Medien erschienen.

 

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse