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Die ungewöhnliche Geschichte des Pilgers Wolfgang Schreiber: Wie dieser Frankfurter seinen Suff wegwanderte

Von Um zu sich selbst zu finden, pilgerte Wolfgang Schreiber zu Fuß nach Santiago de Compostela – ohne einen Groschen in der Tasche. Er trainierte hart, überwand seine Alkoholsucht und erlebte unterwegs zahlreiche Abenteuer.
In der Deutschordenskirche in Sachsenhausen, wo der Elisabethen-Pilgerpfad beginnt, zeigt Wolfgang Schreiber einen seiner gefüllten Pilgerpässe. Der Deutsche Orden widmete sich stets  besonders dem Schutz der Pilger. Foto: Rainer Rüffer In der Deutschordenskirche in Sachsenhausen, wo der Elisabethen-Pilgerpfad beginnt, zeigt Wolfgang Schreiber einen seiner gefüllten Pilgerpässe. Der Deutsche Orden widmete sich stets besonders dem Schutz der Pilger.
Nieder-Eschbach. 

Eines Morgens beschloss Wolfgang Schreiber (60) spontan: „Ich bin dann mal weg“. „Ich habe niemandem Bescheid gesagt. Nur meinen Nachbarn, Jens Lüder, habe ich gebeten, sich um meine Wohnung zu kümmern, meine Pflanzen zu gießen.“ Von unterwegs habe er ihm gelegentlich Postkarten geschrieben. „Damit er wusste: Ich bin noch am Leben.“ Ohne Geld, nur mit einem großen Rucksack ausgerüstet, machte sich Schreiber am 31. März vom heimischen Nieder-Eschbach aus auf den Weg nach Spanien, genauer gesagt nach Santiago de Compostela, das berühmte Ende des „Jakobswegs“. Bei seinem Marsch nach Spanien und zurück bis ins französische Lyon legte er in fünfeinhalb Monaten 5300 Kilometer zurück.

Um sein Leben gerannt

Eine abenteuerlich Reise, auf der er mehr als einmal knapp mit dem Leben davon kam. „Am Anfang bin ich sechs Tage und Nächte durchgelaufen, vor allem nachts, bis nach Karlsruhe. Dabei kam ich nachts einer Wildschweinfamilie zu nahe, der Keiler griff mich an.“ Schreiber rannte buchstäblich um sein Leben. Ein anderes Mal rutschte er auf einem schmalen Bergpfad in Nordspanien im Unwetter aus und hatte Glück: Sein Rucksack verfing sich an zwei Felsen, sonst wäre er in die Schlucht gestürzt. „Als ich die nächste Pilgerherberge erreichte, war ich völlig durchgefroren, konnte meine Hände nicht bewegen. Die Leute dort halfen mir, wärmten mich und gaben mir Suppe.“

Mit viel Gepäck startete Wolfgang Schreiber in sein Abenteuer. Das weiße Stirnband wurde zu seinem Markenzeichen. Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Mit viel Gepäck startete Wolfgang Schreiber in sein Abenteuer. Das weiße Stirnband wurde zu seinem Markenzeichen.

In mehreren Pilgerpässen hat Wolfgang Schreiber die Stationen seines Wegs festgehalten. „Eigentlich lässt man sich seinen Weg in den Kirchen abstempeln als Nachweis, dass man dort war. Ich habe aber auch Stempel von Gaststätten, Rathäusern, einer Bücherei, einer Obstbrennerei und Polizeiwachen.“

Lange aufgehalten habe er sich nirgendwo, sei meist am nächsten Tag weitergelaufen. Vor allem in Deutschland und der Schweiz klopfte er oft bei Bauern an, um gegen Kost und Logis und vielleicht ein paar Euro zu arbeiten. „Meistens hat das gut funktioniert.“ Oft schlief er dabei im Stall oder in der Scheune. Gelegentlich halfen ihm auch andere Pilger, gaben ihm zu essen oder gaben ihm Geld, um die Herberge zu bezahlen.

So spontan der Aufbruch war, völlig planlos war er nicht. „Ich habe anderthalb Jahre dafür trainiert, bin mindestens jeden zweiten Tag 20, 40 oder mehr Kilometer gelaufen.“ Los ging es damit, dass der frühere Zug-Bistro-Kellner einen Ein-Euro-Job als Gartenarbeiter in Offenbach hatte. „Ich lief zu Fuß von Nieder-Eschbach nach Offenbach zur Arbeit und merkte: Du bist ja noch ganz gut zu Fuß.“ Und er erinnerte sich, dass seine Schwester und sein Schwager seit Jahren davon sprachen, den vielleicht berühmtesten europäischen Pilgerweg, den Jakobsweg quer durch Nordspanien, zu absolvieren. „Gemacht haben sie das aber nie.“

Zu jener Zeit war Schreiber alkoholkrank, bis ihm ein Vorgesetzter in Offenbach riet, eine Entgiftung zu machen. „Zehn Tage lang war ich im Bürgerhospital, danach habe ich ein halbes Jahr keinen Tropfen Alkohol getrunken.“ Wie der Zufall wollte, lag dort auch ein Buch über den Jakobsweg, aus dem er sich viele Informationen abschrieb. „Und ich merkte: Ohne Alkohol habe ich eine noch bessere Kondition.“

Außerdem suchte Schreiber eine Möglichkeit, sein Leben zu ordnen, sich über seine Zukunft Gedanken zu machen. Schon immer habe er sich für die unterschiedlichsten Religionen interessiert, erzählt er.

Seeadler in der Küche

„Etwa jene der Indianer Nordamerikas. Meine Küche ist mit Weißkopf-Seeadlern dekoriert.“ Ihm imponiere die Geisteshaltung indianischer Religionen. „Wenn man der spirituellen Welt, der Schöpfung nicht die Ehre erbietet, erfährt man selbst keine Ehre.“ Auch der Buddhismus fasziniere ihn, der eher eine Philosophie als eine Religion sei. Zwar sei er Christ, aber das sei für ihn kein Widerspruch. „Es geht um das, was der Seele Frieden schenkt. Jede Religion und Philosophie ist ehrwürdig.“

Auf seiner Reise über den Bodensee, durch die Schweiz zum Genfer See, quer durch Frankreich und den spanischen Jakobsweg entlang, habe er sehr viele interessante Menschen kennengelernt, sagt Schreiber. „Es war eine unglaubliche Erfahrung.“ An viele Stellen habe er Teile seines Reisetagebuchs hinterlegt, die er nun abholen wolle. Daraus will er ein Buch machen, sucht dafür einen Verlag. Auch ein Jakobsweg-Spiel will er kreieren, Vorträge über seine Erlebnisse halten. „Eine Einladung in die Schweiz für einen Vortrag habe ich bereits.“

 

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