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Wie sich das Gallus wandelt

Von Das Gallus- und das Europaviertel wachsen allmählich zusammen, der Strukturwandel ist in aller Munde. Die einen sehen eine Chance darin, die anderen warnen vor Verdrängung durch einkommensstarke Zuzügler. Wie der Wandel gelingen kann, lässt sich vielleicht aus der Geschichte des Viertels lernen.
Irmgard Lauer-Seidelmann ist im Gallus geboren und hat ein Buch über den Stadtteil geschrieben.	Foto: Christes Irmgard Lauer-Seidelmann ist im Gallus geboren und hat ein Buch über den Stadtteil geschrieben. Foto: Christes
Gallus. 

Während sich im Europaviertel die Baukräne wenden und drehen, dabei Stein auf Stein setzen, reißen die Bagger im Gallus hauptsächlich alte Gebäude ab. Gebäude mit Geschichte, wie Irmgard Lauer-Seidelmann weiß. Sie hat als Stadtteilhistorikerin der Stiftung Polytechnische Gesellschaft ein Buch über die Geschichte des Gallusviertels geschrieben. Und schon der Titel verweist auf eine Besonderheit dieser Geschichte: "Kamerun - das sind wir" heißt das Buch.

"Kamerun" nennen die Einheimischen "ihr" Gallusviertel seit der vorletzten Jahrhundertwende, als es mangels eines individuellen Namens noch "südwestliche Außenstadt" hieß.

Außenstadt

"Der Weg dorthin fühlte sich so weit an wie nach Kamerun, in die ehemalige deutsche Kolonie in Zentralafrika", sagt Lauer-Seidelmann. Sie selbst ist 1937 in diesem "Kamerun" geboren und hat in den folgenden Jahrzehnten einiges erlebt: Sie hat eine Freundin im Weltkrieg verloren, den Wiederaufbau aus den Ruinen beobachtet, Auschwitzprozesse und Studentenrevolte begleitet, sich als Stadtverordnete engagiert und den großen Exodus des unteren Mittelstands in den 1980er- und 90er-Jahren erduldet. Letzterer verließ das Viertel, weil es zwar viele günstige, aber kaum große Wohnungen gab. Es war kein Platz für Familien, weil die Wohnbauprojekte ursprünglich für Industriearbeiter errichtet wurden.

Mittlerweile hat sich das Gallus aber vom Industrie- zum Dienstleistungsstandort entwickelt. Außerdem wächst Frankfurt rasant. Und weil das Gallus nicht mehr in Zentralafrika, sondern in Zentralfrankfurt zu verorten ist, erfährt das Viertel steigende Beliebtheit.

"Die Investoren-Nachfrage übertrifft das Angebot an geeigneten Wohnbauprojekten und Grundstücken nach wie vor deutlich", sagt etwa Daniel Milkus von Aengelvelt Immobilien.

Die Mittelschicht, die einst das Viertel verließ, weil sie Geld, aber keinen Platz hatte, kommt jetzt zurück, weil sie Geld, aber anderswo keinen Platz hat. Das klingt nach Ironie der Geschichte. "Es kommen keine Superreichen", wiegelt Lauer-Seidelmann jedoch ab. Sie freut sich, dass es nun möglich werde, "frühere Strukturen wieder herzustellen". Strukturen, die "Kamerun" zum lebendigen, multikulturellen Stadtteil werden lassen, den die Bewohner so lieben. "Die Bevölkerung wird wieder besser gemischt. Wenn nur Ältere und Junge da sind, ist das ja auch nix", fährt sie fort. Sie freut sich auf die Chancen, die sich ergeben, wenn der Stadtteil an Kaufkraft gewinnt. Denn dem Geld werden Entwicklungen in anderen Bereichen folgen. Es werden sich nicht nur andere Geschäfte, sondern vielleicht auch endlich ein Gymnasium ansiedeln. Bis jetzt können sich Schüler nur bis zur zehnten Klasse im Gallus bilden.

Dass diese Chancen auch eine Bedrohung mit sich bringen, darauf weist Elias Jreisat hin. Er ist Vorsitzender von Pro Gallus, dem Kameruner Gewerbeverein. Er fürchtet zum Beispiel, dass das im Europaviertel entstehende "Skyline Plaza" mit seinem anscheinend gigantischen Einkaufszentrum dazu beitragen wird, die bestehende Problematik zu verschärfen. "Das Gallus wird übergangen. Die Leute fahren zur Messe und zum Einkaufen in die Innenstadt, aber nicht zu uns", mahnt er. Der bisherigen Euphorie über die Verschmelzung mit dem Europaviertel tue das aber keinen Abbruch. "Es muss die Vernetzung gestärkt werden. Dabei muss die Politik helfen", sagt er. Und weiter: "Wir haben hier großes Potenzial. Das muss ausgeschöpft werden!"

Auf der nächsten Seite: Alte Brachflächen

Besagtes Potenzial lässt sich vor allem aus den alten Brachflächen schöpfen, die nun zu Wohnungen für Familien und gut verdienende Singles umgebaut werden. Zumeist werden diese Wohnungen in Hochglanzbroschüren mit dem Attribut "hochwertig" angepriesen, was bei einigen Bewohnern des Viertels die Alarmglocken schrillen lässt. Viele zahlen schon heute 60 bis 70 Prozent ihres Gehalts für die Miete, und zwar für normale, zum Teil alte Wohnungen. "Hochwertig" klingt da nach "unbezahlbar", was wiederum Verdrängungsängste freisetzt. Dass man auf der Straße von aggressiver Abwerbepolitik mancher Immobilieninvestoren hört, die per Post nach verkaufswilligen Hausbesitzern fragen, verschärft diese Ängste noch. Auch hier ist es an der Politik, für eine gesunde Balance zu sorgen. Dass Brachflächen genutzt werden, aber niemand verdrängt wird, es weiterhin bezahlbaren Wohnraum geben wird und die Erneuerung der Gesamtstruktur zum Wohle aller stattfindet. Dann dreht sich in diesem Teil der Kameruner Geschichte vielleicht zum Positiven, was Irmgard Lauer-Seidelmann voller Hoffnung sagt: "Alles verändert sich. So auch das Gallus."

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