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Wie starb Alexander C. wirklich ?

Von Widersprüchliche Aussagen, ungeklärte Fragen – im abgeschlossenen Fall der Polizeischüsse am Bürgerhospital zeigen sich die Eltern des Getöteten weiterhin überzeugt von der Schuld der Beamten.
Die Eltern von Alexander C. (†) möchten im Hintergrund bleiben, dafür hält die Mutter ein Foto ihres Sohnes in die Kamera. Foto: Helmut Seuffert Die Eltern von Alexander C. (†) möchten im Hintergrund bleiben, dafür hält die Mutter ein Foto ihres Sohnes in die Kamera. Foto: Helmut Seuffert
Frankfurt. 

26. Januar 2010, etwa 4.40 Uhr. Zwei Polizisten schießen im Innenhof des Bürgerhospitals auf den Jurastudenten Alexander C. Die Kugel aus der Dienstpistole des Polizeioberkommissars Marcel S. trifft den 28-Jährigen am rechten Oberkörper, verletzt Lunge, Zwerchfell und Leber. Von den drei Projektilen, die Polizeikommissar Adrian M. abfeuert, durchschlägt eines den linken, ein anderes den rechten Unterschenkel C.s. Ärzte versuchen, das Leben des Studenten zu retten. Vergebens. Knapp eine Stunde nach den Schüssen erliegt er seinen Verletzungen.

C. soll auf die Polizisten zugelaufen sein. Ob er dabei bis zuletzt ein Messer in der Hand hielt, ist unklar. Haben die Beamten zu Recht geschossen? Oder haben sie sich einer Straftat schuldig gemacht? Die Staatsanwaltschaft ermittelte ungewöhnlich lange, um diese Fragen zu klären. Die Antwort, zu der Sonderdezernentin Tanja Stüttgen nach fast zwei Jahren gelangte, entlastete die Beamten auf ganzer Linie. Die Schüsse seien "aus Notwehr gerechtfertigt" gewesen. Die Polizisten hätten mit einem Messerangriff rechnen, also eine Gefahr für Leib und Leben befürchten müssen.

Erhebliche Zweifel

Cordula und Reinhard C.*, die Eltern des Getöteten, haben erhebliche Zweifel an dieser Darstellung. Mit dem Rechtsanwalt Hans Wolfgang Euler haben sie die Akten zum Fall wieder und wieder unter die Lupe genommen. Sie zwangen sich zur größtmöglichen Objektivität, weil sie wussten, dass sie emotional vorbelastet waren. Am Ende kamen sie aber immer zum selben Ergebnis wie ihr Anwalt: "Die Staatsanwaltschaft hat gepfuscht." Gravierende Widersprüche in den Zeugenaussagen seien nicht berücksichtigt, wesentliche Fragen nicht gestellt worden.

Alexander C.s Eltern sind gebildete, reflektierte Menschen. Der Vater, 62 Jahre alt, ist als niedergelassener Arzt außerhalb Frankfurts tätig, seine vier Jahre jüngere Frau arbeitet als studierte Germanistin in der Praxis mit. "Wir wissen, dass sich Alexander vor dem Hospital nicht richtig verhalten hat", räumt Cordula C. ein. Sie wolle die Schuld ihres Sohnes keineswegs schmälern oder leugnen; sie erwarte aber, dass die Schuld der Polizisten, die in jener Nacht schossen, schlugen und traten, sorgfältig ermittelt werde.

Diese Erwartung sieht das Ehepaar C. bis heute nicht erfüllt: "Wir haben den Eindruck, dass sich die Staatsanwälte nicht mehr mit dem Polizeieinsatz auseinandersetzen möchten." Die Beschwerde gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens verwarf die Generalstaatsanwaltschaft in Person von Oberstaatsanwalt Günther innerhalb von knapp vier Tagen. Nach Eulers Ansicht "viel zu wenig Zeit, um sich ernsthaft mit den Details zu befassen". Auch Reinhard C. schüttelt fassungslos den Kopf: "Da muss man doch Misstrauen gegen den Rechtsstaat entwickeln."

Um die Polizisten doch noch vor Gericht zu bringen, hat Euler im Namen der Eltern zum letzten juristischen Mittel gegriffen, das noch zur Verfügung stand: einem Klageerzwingungsverfahren. In seinen 32 Jahren als Anwalt hat sich Euler dieses aufwendigen Mittels erst zwei Mal bedienen müssen. Es sieht vor, dass das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt die Entscheidung der Staatsanwaltschaft abermals überprüft – und gegebenenfalls anordnet, dass Anklage erhoben wird.

Euler weiß, dass nur die wenigsten Klageerzwingungsverfahren erfolgreich sind. Für den Fall, dass sich das OLG sorgfältig mit seiner Begründung auseinandersetzt, rechnet er sich aber gute Chancen aus. In akribischer Kleinarbeit hat der Jurist alle Akten erneut gesichtet und ausgewertet. Dabei bezog er auch Zeugenaussagen ein, die bislang eher vernachlässigt wurden. Sein Fazit: "Die Polizistenaussagen sind unvereinbar und teilweise widerlegt; wenn man sie verfilmen würde, hätte man drei völlig verschiedene Filme." Dass die Beamten ihre Aussagen erfunden haben, "weil es in Wahrheit keine Notwehrlage gab", hält Euler für klar.

Cordula C. berichtet, dass bereits am Tag nach den Schüssen von Notwehr gesprochen worden sei: Gegen 16.30 Uhr hätten ein Pfarrer, zwei Polizisten und Seelsorger geklingelt, um die Nachricht vom Tod ihres Sohnes zu überbringen. "Schon da war von einem provozierten Selbstmord die Rede, als sei die Sache völlig klar." Zuerst habe sie alles geglaubt und sich für ihren Sohn geschämt, erzählt die Mutter. "Erst später, als erste Ungereimtheiten auftauchten, beschlichen uns Zweifel, die bei genauerem Hinsehen immer größer wurden."

Auf der nächsten Seite: Eiskalte Nacht

Was geschah wirklich in der Nacht zum 26. Januar 2010? Bis zum Eintreffen der Polizei am Bürgerhospital ist alles unstrittig. Der psychisch kranke Alexander C. trinkt bei einer Freundin im Nordend sechs Flaschen mit ätherischen Ölen. Das Paar läuft deshalb durch die vereisten Straßen zum Hospital und wird in den Hof gelassen. Über die Sprechanlage gibt die Freundin durch, dass C. suizidgefährdet sei. Weil der Pförtner das Paar nicht ins Haus lässt, packt C. seine Freundin, hält ihr ein Messer an den Hals.

Ein Streifenwagen des 2. Polizeireviers (Nordend) ist zu diesem Zeitpunkt auf der Adickesallee unterwegs. Die Polizisten Marcel S. und Adrian M. sowie der Polizeianwärter Frank S. werden um 4.36 Uhr über die Bedrohungslage und um 4.37 Uhr ergänzend über das Messer informiert. Kurz darauf biegt das Polizeiauto von der Richard-Wagner-Straße auf den Hof des Bürgerhospitals ein. Dass Alexander C. seine Freundin beim Eintreffen der Beamten noch mit dem Messer bedrohte, berichtete keiner der Zeugen; den Aussagen zufolge stand er abseits von ihr.

Die Schilderungen der jetzt folgenden Ereignisse liegen teils weit auseinander. Ein gravierender Widerspruch betrifft C.s "Messerangriff" auf die Polizisten: Während die Beamten aussagten, der Student habe sich in höherem Tempo (rennend, laufend, joggend) genähert, als der erste Schuss fiel, gab eine Krankenschwester, die sich Notizen machte, etwas anderes zu Protokoll: C. habe sich angesichts der Polizeiwaffe unschlüssig auf der Stelle hin- und herbewegt. Als der Student sich trotz der Aufforderung nicht hingelegt habe, sei schließlich geschossen worden. Ein rennender und ein stehender Mann – ein erheblicher Unterschied, wenn es um die Frage der Notwehr geht.

Ein weiterer Widerspruch betrifft den Ort des Geschehens bis zum letzten Schuss. In den Aussagen der Polizisten spielt sich fast alles neben, hinter und kurz vor dem Streifenwagen ab: Oberkommissar S. will nach seinem Schuss bis auf die Höhe des Hecks zurückgewichen sein, außerdem agieren die beschuldigten Beamten nach dem Verlassen des Fahrzeug räumlich weitgehend getrennt. Der Pförtner, der die Ereignisse am Überwachungsmonitor verfolgte, sagte dagegen aus, dass die Beamten nach dem Aussteigen vor das Auto gingen, wo sie nebeneinander standen.

Verlegten die Polizisten das Geschehen zurück ans Auto, um den Angriff dramatischer und eine Notwehrsituation plausibler erscheinen zu lassen? Ehepaar C. und ihr Anwalt halten das für wahrscheinlich. Sie verweisen in diesem Zusammenhang auch auf das Messer, das zwischen Streifenwagen und Hofeinfahrt gefunden wurde. "Das Messer kann nur durch Manipulation an die Fundstelle gelangt sein, jedenfalls hielt sich Alexander dort zu keinem Zeitpunkt auf."

Unterschiedliche Aussagen liegen auch zum Verhalten C.s nach den Schüssen vor, wobei die Grenze genau zwischen den Polizisten und den restlichen Zeugen verläuft: Die Beamten behaupteten, dass sich C. nach den Schüssen in Richtung der Notaufnahme bewegt habe; in den Aussagen ist von "sich schleppen", "hinken" und "kriechen" die Rede. Der Pförtner und die Krankenschwester gaben dagegen zu Protokoll, dass C. nach den Schüssen zu Boden gegangen und zur Notaufnahme hin liegengeblieben sei.

Auf der nächsten Seite: Ungeklärte Fragen

Euler und seine Mandanten verweisen auch auf offene Fragen, denen die Ermittler nicht nachgegangen seien: Für rätselhaft halten sie, warum die Kugel, die den linken Unterschenkel traf, in 43 Zentimetern Höhe ein- und in 42,5 Zentimetern Höhe ausdrang. "Wenn ein stehender Polizist auf die Unterschenkel eines stehenden Mannes schießt, müsste ein schräg nach unten führender Schusskanal entstehen – tatsächlich verlief der Kanal aber fast waagrecht." Dass die Ermittler keinerlei Versuche machten, dafür eine Erklärung zu finden, können die Eltern nicht begreifen.

Erstaunt sind sie auch über das Verschwinden der medizinischen Beinschienen ihres Sohnes. Dass er diese trug, hat die Freundin ausgesagt und ein Polizist bestätigt. Die Stützen sind aber nie gefunden, geschweige denn untersucht worden. Wurden sie entsorgt, als die Ärzte um C.s Leben kämpften? Anwalt Euler hat eine andere Theorie: Die Polizisten könnten die Schienen weggeschafft haben, um etwas zu verschleiern. "Schmauchspuren hätten Rückschlüsse auf die Entfernung ermöglicht, aus der geschossen wurde", sagt der Jurist. Dass kein Entfernungsgutachten erstellt wurde, bemängelt er ebenso wie die Tatsache, dass die sichergestellte Hose C.s nie untersucht wurde.

Die Generalstaatsanwaltschaft ist trotz dieser und anderer Ungereimtheiten der Ansicht, dass die Einstellung des Ermittlungsverfahrens "nicht zu beanstanden" sei. Die Widersprüche in den Aussagen führt die Behörde auf die subjektive Wahrnehmung der Zeugen zurück. Euler fehlen die Worte: "Diese Einschätzung kann nicht das Ergebnis einer gewissenhaften Auseinandersetzung mit den Zeugenaussagen und Beweismitteln sein."

In seinem Antrag auf Klageerzwingung fordert der Jurist einmal mehr, Anklage gegen die beschuldigten Beamten zu erheben; wegen Totschlags im Fall des Polizeioberkommissars Marcel S., wegen gefährlicher Körperverletzung im Fall des Polizeikommissars Adrian M. Das OLG wird sich in Kürze mit dem Antrag beschäftigen. Cordula und Reinhard C. warten gespannt auf die Entscheidung.

*Namen von der Redaktion geändert.

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