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Bauprojekte in Frankfurt: Wo Genossenschaften wohnen

Gemeinschaftliche Bauprojekte sind oftmals die einzige Chance für Privatleute, sich auf dem Grundstücksmarkt durchzusetzen. Das Planungsdezernat und der Verein Netzwerk für gemeinschaftliches Wohnen unterstützen ambitionierte Bauprojektgruppen.
Frankfurt. 

Der Wohnungs- und Grundstücksmarkt ist ohne Zweifel eins der heißesten Pflaster, auf dem man sich als Privatmensch bewegen kann – in Ballungsräumen hat der Normalsterbliche mit Hang zum Häuslebauer oder Wohnungseigentümer ohne großes Kapital im Rücken kaum eine Chance, im Wettbewerb mit Großanlegern und spekulierenden Banken einen Stich zu landen. Oft jedoch, berichtet Birgit Kasper, Vorstandsmitglied im Verein „Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen“, würden diese Regel aufgebrochen, und zwar von Initiativgruppen, die sich mit ihren Bauvorhaben zusammenschließen und in der Gemeinschaft stark sind. „Die Interessentenzahlen für unsere Beratungs- und Informationsangebote und die Zahl unserer Mitglieder in den zehn Jahren, die es den Verein nun gibt, sind eigentlich immer stetig angewachsen“, berichtet Kasper. „In jüngster Zeit aber rasant: Mittlerweile beraten wir über 40 Projektgruppen in den drei verschiedenen Stadien ,Initiative‘, ,im Bau‘ und ,realisiert‘.“

Neben der Beratung in den juristischen Fragen für ein gemeinsames Bauprojekt, ob sich zum Beispiel eher ein Verein, eine Genossenschaft oder eine Eigentümergesellschaft als Rechtsform anbietet, veranstalten Kasper und ihre ehrenamtlichen Mitstreiter regelmäßige Informations- und Austauschabende und betreiben Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit für diesen neuen Weg, an ein eigenes Heim zu kommen oder es aus dem Boden zu stampfen. Beim Wunsch, im Ballungsgebiet selbst bauen zu können, wäre es für Kim Duchscherer, Architekt und Mitglied in der „Schnelle Kelle“-Genossenschaft, ohne die Mittel und Kreditwürdigkeiten, die die Gruppen in konzertierter Aktion aufbringen können, auch geblieben. „Wenn man sich zusammenschließt, hat das den positiven Effekt, dass auch Personen mit geringerer Kreditwürdigkeit zusammen große Bauprojekte anschieben und realisieren können“, erklärt der 54-Jährige.

Jetzt steht auf dem ehemaligen Naxos-Gelände im Ostend der „Schnelle Kelle“-Wohnblock, das Zuhause von fünf Familien, zwei Alleinlebenden und einer Kindertagesstätte, Bauabschluss war vor etwa einem halben Jahr. Die Wohnungen in dem Neubau mit einer schicken Dachterrasse mit Blick auf die Skyline sind zwischen 59 und 150 Quadratmeter groß, an Kapital mussten alle Gruppenmitglieder den gleichen Betrag pro Quadratmeter ihrer zukünftigen Wohnung mitbringen. Die Genossen mussten damit zehn Prozent Eigenanteil für die Finanzierung des 2,5 Millionen-Baus stemmen, die Miete, die jetzt alle pro Monat bezahlen, wird für die Tilgung des Kredits verwendet. Cora Lehnert, ebenfalls Architektin und im Vorstand der „Schnellen Kelle“, ist sichtlich stolz auf das geglückte Wagnis und die überwundenen Strapazen, mitten in der Stadt neu zu bauen. „Nachdem sich die Gruppe 2009 gefunden hatte, haben wir 2011 die Genossenschaft auf der Basis einer eigenen Satzung gegründet. Wir haben uns dann mit einem sozio-kulturellen Konzept und ersten Gebäudeentwürfen bei der Stadt auf zwei Grundstücke im Naxos-Areal beworben und konnten 2013 endlich mit dem Bauen beginnen.“ Die Idee hinter dem Bauvorhaben, das Zusammenleben im Wohnblock in Arbeits- und Gemeinschaftsgruppen neu zu denken, brachte den Zuschlag.

Genauso zwei Hausnummern auf dem Naxos-Gelände weiter, hier ist allerdings noch Baustelle: Die Genossenschaft Lila Luftschloss ist als Bauherr im Auftrag der Projektgruppe „WIR – Wohnen im Ruhestand“ tätig. Von Einzug ist in dem Rohbau, der später zehn Wohneinheiten für Rentner beherbergen soll, aber noch lange nicht die Rede, obwohl „WIR“ den Zuschlag für das Grundstück schon 2010 bekommen hatte, berichtet Margot Neubauer, Mitglied von „WIR“. „Der erste Spatenstich für die gemeinsame Tiefgarage auf dem Gelände kam dann auch schnell nach dem Zuschlag. Dann gab es aber viel Papierwechsel mit dem Bauamt wegen der Genehmigungen, schadstoffhaltige Erde wurde hin- und hergefahren, und dann wurde auch noch versehentlich die Brandschutzmauer des Nachbargebäudes abgerissen.“ Der Bau verzögerte sich immer mehr, und für manche Gruppenmitglieder wurde es schwierig, mit ihren bestehenden Wohnungsverhältnissen und der Hoffnung, auf die neuen Wohnungen zu kalkulieren. Neubauer musste auch schon eine Person bei sich zu Hause aufnehmen. „Man braucht wirklich Nerven aus Stahl. Aber es geht voran: Letzten Sommer hatten wir Richtfest, diesen Monat sollen die Fenster kommen, und wer weiß, vielleicht können wir ja Ende des Jahres noch einziehen.“

Das Problem für gemeinschaftliche Bauprojekte wie „Schnelle Kelle“ oder „WIR“ ist neben den bürokratischen Hürden, die der Netzwerk-Verein für gemeinschaftliches Wohnen zu nehmen hilft, immer zwangsläufig die Verfügbarkeit von Flächen und Immobilien im harten Wettbewerb mit großen Investoren. Auch im Zusammenschluss und mit der Unterstützung durch den Netzwerk-Verein haben es die Initiativgruppen oft schwer genug, passende Grundstücke zu finden.

Das Planungsdezernat der Stadt will hier in naher Zukunft eingreifen: Mit einem „Liegenschaftsfonds“, sieben Millionen Euro schwer: „Mit dem Fonds tritt die Stadt dann im Immobilien- und Flächenmarkt auf den Plan und blockt einige Objekte, die für gemeinschaftliche Wohnungsbauprojekte interessant wären“, erklärt Ulrich Keck, Referent im Planungsdezernat. „Wir untersuchen dann im Vorfeld frei werdende oder zu wenig genutzte Objekte auf ihr Potenzial für gemeinschaftliche Wohnungsbauprojekte. Dann wird ein Festpreis dafür bestimmt, und anschließend können sich die Gruppen um Flächen oder Gebäude bewerben.“ Eine rund zehnköpfige, für jedes zu vergebene Objekt neu aufgestellte Jury aus Ortsvorsteher, Planungs- und Bauamtsvertretern und Vertretern der drei größten politischen Fraktionen im Stadtparlament entscheidet dann, welches Projekt am besten für den Bauplatz oder das Gebäude geeignet ist. Die Projektgruppen müssen dabei nicht zwangsläufig Mitglied im Netzwerk für gemeinschaftliches Wohnen sein. Die Jury entscheidet anhand der Zusammensetzung der Gruppe, Rechtsform und des Finanzierungskonzeptes wer den Zuschlag bekommt. Dazu gehört auch, ob die geplante Hausgemeinschaft sozialer Bedürfnisse erfüllt, zum Beispiel Kinderbetreuungsmöglichkeiten unterbringt.

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