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Putzaktion: "Yes we kehr!": Nachbarn im Bahnhofsviertel packen mit an

Schweißen, singen, basteln: Beim Frühjahrsputz im Bahnhofsviertel geht es um viel mehr als ums Müllsammeln. Wobei die Neuntklässler der Weißfrauenschule daran eindeutig am meisten Spaß haben.
Den Müll in den Sack: Großes Reinemachen im Bahnhofsviertel. Foto: Leonhard-Hamerski Den Müll in den Sack: Großes Reinemachen im Bahnhofsviertel.

Gut, dass zufällig ein altes Autoradio am Wegrand liegt. Wie sonst hätte man die gebrauchte Spritze der gegnerischen Gruppe toppen sollen? Die Neuntklässler der Weißfrauenschule johlen – mit Ausnahme des Teams mit der Spritze. Denn wer die verrücktesten Dinge in seinen Müllsack steckt, gewinnt.

Zusammen mit Arno Börtzler, dem Vorsitzenden des Regionalrats Bahnhofsviertel, haben sich die neun Jungs auf den Weg gemacht, um die Kaiserstraße von Müll zu befreien. „Yes we kehr!“ heißt die Aktion, die der Regionalrat gemeinsam mit CleanFFM und dem Verein Wiesenhüttenplatz organisiert hat. „Klar macht das Spaß“, sagt Max, und lässt eine leere Bierflasche in einen weißen Müllsack fallen. „Normalerweise hätten wir doch jetzt Englisch.“

Bilderstrecke Bahnhofsviertel: Historische Fotos von Frankfurts sündigem Revier
Das Bahnhofsviertel ist nur einen halben Quadratkilometer groß, und doch fasziniert gerade dieser Teil Frankfurts seit Jahrzehnten mit seinem Flair aus Geschäftstraßen, Rotlichtmilieu und einer Lebendigkeit, die keinen Schlaf kennt. Steigen Sie mit uns in die Zeitmaschine und erleben Sie die sündige Meile der Stadt im Wandel der Zeit, dokumentiert in zahlreichen historischen Aufnahmen.<br><br>Diese historische Aufnahme zeigt den nördllichen Teil der Elbestraße, fotografiert von der Kaiserstraße aus. Sie wurde im Jahre 1890 eröffnet, nachdem das ehemalige Eisenbahngelände zum Bebauen freigegeben war.Die internationale "Elektrotechnische Ausstellung" auf dem Gelände vor dem Hauptbahnhof im Jahr 1891 galt als technische Sensation: 1,2 Millionen Besucher wurden gezählt.Straßenszene (undatierte Aufnahme) im Wohngebiet Bahnhofsviertel, vermutlich fotografiert Anfang des 20. Jahrhunderts.

Zwei der Neuntklässler sind so motiviert, dass sie sogar die Essensstation übersehen, an der eine Pizzeria allen Helfern ein Stück Gratis-Pizza spendiert. Erst als alle gemeinsam über die Straße brüllen, lassen sie die Arbeit Arbeit sein und kommen essen.

Schweißen für Schönheit

Während sich die Jungs im Anschluss aufmachen, ihren Schulhof vom Müll zu befreien, wird am Wiesenhüttenplatz geschweißt: Der Vorgarten des Internationalen Familienzentrums (IFZ) ist oft dreckig, die Pflanzen sind zertrampelt. Ein Zaun soll Abhilfe schaffen. Doch nicht irgendein Zaun: „Weil das Gebäude denkmalgeschützt ist, muss der Zaun historisch aussehen“, sagt IFZ-Mitarbeiter Pjotr Pilkowski. Alte Bilder im Internet hätten gezeigt: Früher wurde der Platz von einem Lanzenzaun begrenzt. Also schweißen drei Jugendliche, die im IFZ auf ihre Ausbildung vorbereitet werden, nun Zaunteile aneinander.

Nebenan warten Mitarbeiter des Hotel Roomers auf Anweisungen, wo sie putzen sollen. „Geht doch mal beim Internationalen Kinderhaus vorbei, das sind Eure Nachbarn“, sagt Regionalratsvorsitzender Börtzler. Denn auch darum geht es an diesem Tag: Menschen zusammenzubringen, die sich vorher nicht kannten. Und damit eine Gemeinschaft zu schaffen. Tatsächlich haben sich mittlerweile viele Helfer wieder auf dem Platz versammelt, wo das Trio „Bernhard Hahn“ Klassiker wie „Bridge Over Troubled Water“ zum Besten gibt. Einige Helfer tanzen, stets darauf bedacht, nicht an den riesigen Müllmann zu stoßen, den der Künstler Dor Keren aus Sperrmüll, Kronkorken und Restmüll aus den weißen Säcken gebaut hat, von denen sich immer mehr auf dem Wiesenhüttenplatz stapeln.

Die über 100 Kronkorken, die er verbaut hat, hat ihm Nazim Alemdar, Chef eines nahen Kiosks, geschenkt. Normalerweise schickt er sie einem Händler zurück und unterstützt mit dem Erlös eine Schule in Ghana. Doch heute ist ihm das Viertel wichtiger. „Die Skulptur kommt von der Straße und gehört ihr auch“, sagt Künstler Keren. Als Street Art soll sie auf dem Wiesenhüttenplatz stehen bleiben.

„Wir wollen zeigen, dass das Bahnhofsviertel nicht nur Drogen und Sex ist“, sagt vom Rand aus Klaus-Dieter Strittmatter, Geschäftsführer des Präventionsrates – und sieht dabei sehr zufrieden aus. „Und sehen Sie: Auch hier wohnen Menschen, die zusammen etwas schaffen können. Wie in jedem anderen normalen Viertel auch.“

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