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Der Rote Faden, Folge 215: Yousef Shiraz – Der Bildermacher

Seine Heimat Iran hat er einst verlassen, um in Amerika zu studieren. Der Liebe zu seiner Frau wegen zog er später nach Frankfurt. Yousef Shiraz restauriert und konserviert seit vielen Jahren bedeutende Kunstwerke; klassische und moderne. Ihm widmen wir die Folge 215 unserer Reihe der „Rote Faden“, in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.
„Eigentlich schaut man ja durch den Rahmen hindurch, wenn man ein Kunstwerk betrachtet. Aber erst die vier Holzleisten drumherum machen ein Bild zu einem Gemälde!“: Yousef Shiraz ist ein leidenschaftlicher Restaurator. Foto: Salome Roessler „Eigentlich schaut man ja durch den Rahmen hindurch, wenn man ein Kunstwerk betrachtet. Aber erst die vier Holzleisten drumherum machen ein Bild zu einem Gemälde!“: Yousef Shiraz ist ein leidenschaftlicher Restaurator.
Frankfurt. 

Dielen knarzen, als Yousef Shiraz auf den mächtigen, mit grauem Filz bedeckten Arbeitstisch in seinem großen Atelier zugeht. Kaffeeduft folgt. Von irgendwo hinten klingen sanft die Goldberg Variationen. Gedankenversunken, leicht wehmütig schnippt Yousef Shiraz die Asche seiner Zigarette über den Chromrand des Aschenbechers.

Ein Künstler und Freund der Familie, der in seinem Elternhaus in Teheran ein- und ausgeht, entfacht Yousefs Begeisterung für Kunst, vor allem für die Malerei. Da war er ein kleiner Junge. Doch Krieg und politische Enge treiben ihn bald außer Landes.

„Die Stimmung im Iran nach der Islamischen Revolution von 1979 war einfach schrecklich, im öffentlichen Leben war nichts wie zuvor“, sagt Yousef Shiraz nachdenklich. Einfach, aber stilvoll gekleidet, dunkle Stoffhose, dunkles Hemd, hebt sich seine große, schlanke Gestalt vom Gegenlicht des Fensters ab.

Keine Perspektive

„Junge Menschen hatten dort keinerlei Perspektive. Die Arbeitslosigkeit war hoch, 25 Prozent Inflationsrate. Ich bin1965 geboren, in Teheran aufgewachsen. Ja sicher, Iran ist meine Heimat. Aber 1980 brach der Krieg gegen den Irak aus – acht Jahre, mindestens eine halbe Million Opfer! Ich wollte damals nur noch weg aus dem Iran. Ich ließ meine Freunde, meine Eltern, einfach alles zurück, als ich mir ein Flug-Ticket über Madrid in die USA kaufte. One-way. Sehr wenig Geld, einen winzigen Koffer und viel Enthusiasmus, das war’s, mehr hatte ich nicht, als ich das Land verließ.“

Endlos rauscht der Verkehr aus der breiten Öffnung des Theatertunnels. Verborgen von unscheinbaren Fassaden, linker Hand, genau dort, wo er zur Gutleutstraße wird. Niemand würde hier einen solch inspirierenden Ort vermuten: Im Atelier, hinter der dreifach alarmgesicherten Stahltür, stört kein Verkehrslärm.

Yousefs blaugraue Rauchkringel mischen sich mit unsichtbaren Schwaden von Lösungsmitteln. Zahllose Fläschchen, Tiegel und Pinsel, Bürsten, Flacons mit farbloser oder bräunlicher Flüssigkeit und Farbtuben neben düster blickenden Holzmasken ferner Kulturen; jede Menge Figurinen aus Afrika und Asien, Stapel von Büchern und Fachzeitschriften. Doch das Auffälligste: keine handbreit Platz an den Wänden, der nicht mit Bilderrahmen behängt ist: wuchtig barocke Italiener, viel Gold. Und schlichte, schwarze Niederländer, aus wunderschönem Ebenholz. Nichts anderes als eine an- und aufregende Weltreise durch wertvolle Kunstgegenstände und edle Antiquitäten. Und Bilderrahmen, überall Rahmen. Vermutlich besitzt Yousef Shiraz eine der umfangreichsten und schönsten Sammlungen von Bilderrahmen überhaupt.

„Eigentlich schaut man ja durch den Rahmen hindurch, wenn man ein Kunstwerk betrachtet“, erläutert er seine Sammelleidenschaft vergnüglich. „Aber erst die vier Holzleisten drumherum machen ein Bild zu einem Gemälde! Sie schützen es, halten es zusammen. Der Rahmen eines Gemäldes musste lange zur Pracht und Bedeutung der dargestellten Personen und Szenen passen. Deswegen verraten die sehr kunstvollen Rahmen mancher Kunstepochen auch viel über ein unbekanntes Bild, wenn man etwas über dessen Herkunft wissen will. Nur wenn man möglichst viel über das Gemälde weiß, kann man es fachgerecht restaurieren“, sagt Yousef voller Begeisterung, während er sich auf den Weg zur Tür macht.

Um äußerste Diskretion bittet ein besorgter Besucher, der kurz darauf mit Yousef in das Atelier tritt. Der Besitzer des Bildes möchte nicht, dass über ihn und das Bild in der Zeitung geschrieben wird, lässt er nach einem kurzen Telefonat wissen. Also keine Namen, keine Einzelheiten über den Besitzer und das so exquisite Kunstwerk. Vorsichtig tragen die beiden ein Bild, das aus dem Museum of Modern Art in San Francisco stammt, herein. Moderne Kunst. Yousef und der geheimnisvolle Besucher begutachten kleinere Schäden. „Chemische Reaktionen der Bildoberfläche mit der Luft, die nun einmal im Laufe der Jahre entstehen, nicht weiter schlimm“, sagt Yousef nach einer ersten Begutachtung. Aber die Restauration erfordert dennoch höchste Präzision und vor allem genaueste Kenntnis des Materials: Metall. Neben der Restauration klassischer Gemälde auf Holz oder Leinwand ebenfalls ein Werkstoff, den Shiraz zu restaurieren versteht: sehr behutsam, mit viel Sachkenntnis und Hingabe. Günter Förgs außergewöhnliche Bleibilder sind beispielsweise solch anspruchsvolle Kunst, mit deren Restauration Yousef Shiraz schon verschiedentlich beauftragt wurde.

Die Frankfurter Galeristin Bärbel Grässlin gilt in Deutschland als eine der ersten Adressen, wenn es um zeitgenössische und moderne Kunst geht. „Ich schätze Yousefs Arbeit ungemein. Er löst komplexe, kunsthandwerkliche Probleme, arbeitet leidenschaftlich und angstfrei mit komplizierten Werkstoffen. Restauratoren, die sich mit der Materie der klassischen Malerei gut auskennen, die Holz und Leinwand können, gibt es viele. Aber Yousef Shiraz – der läuft offen durch die Welt, traut sich was zu, holt wenn nötig den Rat vieler Experten ein – und restauriert Kunst, die heute aus ganz anderen Werkstoffen besteht, als zu Zeiten der klassischen Malerei. Das ist ein sehr großer Unterschied“, beschreibt Bärbel Grässlin die jahrelange Zusammenarbeit mit Yousef Shiraz.

Neben der Galerie Grässlin in der Schäfergasse gehören noch weitere bedeutende Institutionen und Privatsammlungen zur Kundschaft des Ateliers. Darunter die Altana Kulturstiftung (Familie Quandt in Bad Homburg), die Sammlung Frieder Burda in Baden-Baden, die Sammlungen der DeKA Bank und des Bankhauses Metzler sowie das Goethe-Museum.

Viel Leidenschaft

Seine erste kleine Werkstatt betreibt Yousef Shiraz ab 1992, damals noch in einem Raum seiner Wohnung in Alt-Eckenheim. Der berufliche Durchbruch gelingt ab 1994, als er den langjährigen Chef-Restaurator des Frankfurter Städel-Museums kennenlernt: Diesen, Peter Waldeis, und Yousef Shiraz verbindet noch heute ein tiefe Freundschaft. Und natürlich die leidenschaftliche Restauration bedeutender Malerei.

Doch ein einziger Moment kann Karrieren beenden, zu einem Bruch führen, den viele interessante Biografien aufweisen. Das ist bei Yousef Shiraz nicht anders. „Als Jugendlicher spielte ich in Teheran Basketball, schaffte es bis in die iranische Junioren-Nationalmannschaft“, sagt dieser auf die Frage nach den Träumen seiner Jugend. „Eine langwierige Knieoperation nach einer Verletzung verhinderte, dass ich es als Profi bei den Erwachsenen versuchen konnte,“ erinnert sich Shiraz an diesen doppelt bedeutsamen Moment seines Lebens. Denn immerhin führte die schmerzhafte Knieverletzung eben auch zu seiner Ausmusterung beim iranischen Militär. Ein ziemlich glücklicher Umstand, ohne den er vielleicht jetzt nicht in Frankfurt wäre. Doch der Reihe nach.

Yousefs älterer Bruder Massoud war bereits vor ihm in die USA ausgewandert. Auch er floh vor den Wirren und der Hoffnungslosigkeit des Iran Ende der 1970er Jahre. In Rom absolvierte Massoud eine Ausbildung als Restaurator, nachdem er in Teheran Kunst studiert hatte. Auch ihn muss der väterliche Freund des Hauses für die Kunst begeistert haben, anders lässt sich die gleiche Leidenschaft beider Brüder nicht wirklich erklären. Anschließend lässt sich Massoud in Charlotte, North Carolina nieder, wo er heute noch lebt und ein bekanntes Atelier für die Restauration teurer Kunst leitet (Massoud Shiraz, Art Consulting).

„Nach der berüchtigten Geiselnahme und Besetzung der amerikanischen Botschaft von 1977 gab es in Teheran keine US Vertretung mehr“, erinnert Yousef an die Lebensphase, als sich Weltpolitik und eigene Vita kurz streiften. „Ich bin damals nach Madrid ausgereist, lebte dort für kurze Zeit, wollte aber sofort weiter in die USA. Mein Bruder half mir mit allen Antragsformularen und nach einem Monat hatte ich endlich das begehrte „F-1-Visum“ in der Tasche. Ich konnte in Charlotte Grafik Design und Kunstgeschichte studieren!“

Geistreich und witzig berichtet Yousef über die so ersehnte Freiheit in den USA. „Keine Sprache, kein Geld. Alles war neu – aber schön neu“, erzählt er, als sei das alles erst letzte Woche geschehen.

Wie er sich mit beiden älteren Brüdern – der mittlere war inzwischen auch in Charlotte – ein Zweizimmer-Apartment teilte. Die beiden Älteren arbeiteten, hatten jeder ein Zimmer. Yousef studierte, schlief auf einer Matratze im Flur, half seinem Bruder im Atelier bei der Restauration von Bildern und kellnerte auch noch in einem französischen Lokal. „Das war ein richtiger ,Bussi-Bussi-Schuppen’, mit Piano-Spieler, Krawattenzwang, Candle-Light-Dinner – das ganze Programm. Aber ich konnte dort kostenlos und gut essen, der Restaurantbesitzer mochte mich!“ Dass Yousef die Anfangszeit aus heutiger Sicht als „Kulturschock“ empfand, hatte mehrere Gründe. Wenn Amerikaner sie damals nach ihrer Heimat fragten, antworteten sie grundsätzlich „Persien“ – bloß nicht Iran!

„Wenn man im Iran eine Jeans brauchte, gingen sieben, acht Mann mit einkaufen, Freunde, Familie, wir waren immer alle zusammen. Das war gesellig und oft auch lustig. In Amerika war ich frei, aber am Anfang auch öfter allein, das kannte ich bis dahin nicht. Ich musste mich eingewöhnen, die Sprache beherrschen. Das dauerte vielleicht ein Jahr.

Doch allmählich lebt sich Yousef in Charlotte ein, verdient Geld für einen Wagen. „Ohne Auto bist du in Amerika wie ein Krimineller. Ein paar Mal hat mich die Polizei angehalten. Warum ich zu Fuß durch ein Wohngebiet laufen würde?! Nachbarn hätten mich beobachtet. Ich war zu Fuß auf dem Weg in die Uni. Ja – zu Fuß – weiter nichts! Amerika eben. Für ein negatives Image genügte es, anders auszusehen und ohne Auto unterwegs zu sein“, bemerkt Yousef gelassen und ohne jede Bitterkeit.

Durch sein Grafik Design Studium kommt er schließlich auch zu anderen Jobs. Eine US-Textilfirma beauftragte ihn Ende der 1980er Jahre mit dem Design von Mustern auf Stoffen. Er verdient gut, aber „full time“ arbeiten und studieren, das ging einfach nicht. Die Entscheidung fällt zugunsten der Arbeit.

Stadt als Bedingung

Aber noch eine weit wichtigere Veränderung bereichert sein Leben – und das bis heute! Er verliebt sich in Marion, eine junge Deutsche, die damals als Au-pair in Charlotte arbeitet. Die beiden heiraten und Marion möchte zurück nach Deutschland. „Ich war einverstanden, aber nur, wenn wir in eine richtige Stadt ziehen, sagte ich damals zu ihr.“ Yousefs Frau findet 1992 Arbeit in Frankfurt und bezieht schon mal die gemeinsame Wohnung. Sechs Monate später zieht Yousef zu seiner Frau nach Frankfurt.

Wieder fängt er „bei null“ an, lernt Deutsch in einer Sprachschule („Lisania“) am Hauptbahnhof. Für eine Security-Firma, die amerikanische Fluglinien am Frankfurter Flughafen bewacht (Delta, American Airlines u.a.), arbeitet er zu Beginn, sein gutes Englisch hilft ihm dabei. Doch das war nur Broterwerb. Yousefs Herz gehört der Kunst, Kunstwerken und ihrer Restauration.

Sein Bruder Massoud, dessen Atelier in Charlotte / North Carolina Mitte der 1990er längst etabliert ist, traf sich ein paar Mal mit besagtem Chef-Restaurator des Frankfurter Städel-Museums, Peter Waldeis; rein dienstlich, unter Kollegen. Ihm berichtet Massoud, dass sein jüngerer Bruder eine Werkstatt in Frankfurt unterhält, und das war eigentlich der Beginn seiner erfolgreichen Karriere als Restaurator.

„Peter Waldeis war mein Mentor und ist ein guter Freund. Ich hatte schon verschiedene Restaurationen ausgeführt, aber in den sechs Jahren (2000 – 2006), in denen wir hier im jetzigen Atelier in der Gutleutstraße zwei Werkstätten unter einem Dach betrieben, habe ich sehr viel von ihm gelernt.“

Mit seinen beiden Töchtern (Mona, 14 Jahre, Delara, sieben Jahre) und seiner Frau Marion lebt er gerne in Frankfurt. Die Stadt sei sehr weltoffen, liberal und so reich an Kunst und Kultur.

Seine Tochter Mona habe sich als Kind sehr für Malerei interessiert. „Aber jetzt sind Pferde ihre große Leidenschaft, später möchte sie Medizin studieren. Ich weiß nicht, ob sie oder Delara das Atelier einmal übernehmen möchten, aber sie sollen glücklich sein, bei dem, was sie später einmal machen. Das ist doch das Wichtigste“, sagt Yousef lachend. Heute bleibt die Tür des Ateliers jedenfalls geschlossen, denn Yousef Shiraz feiert seinen 52. Geburtstag. Und wir gratulieren herzlich.

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