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Rückkehr nach Frankfurt: Zeitzeugin berichtet: Kindertransport sicherte Lee Edwards das Überleben

Viele deutsche oder österreichische Juden fühlten sich vor dem Zweiten Weltkrieg regelrecht in der Falle: Kein Land wollte sie aufnehmen. Kindertransporte sollten wenigstens diese retten. Eine Zeitzeugin erzählt.
Lee Edwards (93) und Schulleiter Thomas Mausbach stehen auf dem Pausenhof des Heinrich von Gagern-Gymnasiums. Als geborene Liesel Carlebach ging Lee Edwards auf die Samson-Raphael-Hirsch-Schule, die auf dem Gelände des heutigen Neubaus des Gymnasiums stand. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Lee Edwards (93) und Schulleiter Thomas Mausbach stehen auf dem Pausenhof des Heinrich von Gagern-Gymnasiums. Als geborene Liesel Carlebach ging Lee Edwards auf die Samson-Raphael-Hirsch-Schule, die auf dem Gelände des heutigen Neubaus des Gymnasiums stand.
Frankfurt. 

Lee Edwards schiebt ihren Rollator durch die Eingangstür des Heinrich von Gagern-Gymnasiums. Für die 93-Jährige mit kurz geschnittenen weißen Haaren ist es eine Rückkehr in die Vergangenheit: Wo heute der Anbau der Schule steht, befand sich einst die Samson Raphael-Hirsch-Schule, die im März 1939 als jüdische Bildungseinrichtung schließen musste. Damals hieß sie Liesel Carlebach, Tochter einer gutbürgerlichen Familie, deren schöne und behütete Kindheit mit der Herrschaft der Nationalsozialisten zu Ende ging.

Ein gebrochener Mann

Im Alter von 15 Jahren gehörte Edwards zu den jüdischen Kindern aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, die in Großbritannien Zuflucht fanden. Heute erzählt sie gemeinsam mit Oswald Stein, einem weiteren Zeitzeugen der Kindertransporte, Frankfurter Schülern von ihren Erlebnissen, von der Mutter, die sie in Tränen aufgelöst zum Bahnhof begleitete. Ihr Vater, nach dem Pogrom im November 1938 ins Konzentrationslager Buchenwald geschleppt, hatte ihr vom Fenster der elterlichen Wohnung nachgewunken. „Er war ein körperlich und seelisch gebrochener Mann“, erzählt Edwards. In Buchenwald habe der Vater auch ihren zehn Jahre älteren Bruder getroffen, der als Kommunist schon mehrere Jahre Haft hinter sich hatte. „Ihr müsst wenigstens das Kind wegschicken“, beschwor er den Vater.

Oswald Stein und Lee Edwards sitzen in einem Klassenzimmer des Heinrich von Gagern-Gymnasiums vor den Schülern. Bild-Zoom Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)
Oswald Stein und Lee Edwards sitzen in einem Klassenzimmer des Heinrich von Gagern-Gymnasiums vor den Schülern.

Der Frankfurter Hauptbahnhof war schon damals ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Von hier aus brachen alle Kinder aus Süddeutschland auf, mit ihrem Gepäck, das von den Nationalsozialisten vorher noch durchsucht wurde: Es sollten keine Wertsachen herausgeschmuggelt worden. Edwards Mutter schaffte es dennoch, eine in das Taschentuch gewickelte Kette im Koffer der damals 15-Jährigen zu verstecken.

„Wir haben gedacht, das ist nur vorübergehend“, sagt Edwards, deren amerikanischer Akzent unüberhörbar ist und die immer wieder englische Worte einflechtet, über das letzte Lebewohl. Es wurde ein Abschied für immer – der Vater starb wenige Tage nach ihrer Abreise, die Mutter wurde 1942 ins polnische Izbica deportiert. „Ich hoffe, dass sie wenigstens sofort ermordet wurde, damit sie nicht lange leiden musste“, sagt Edwards. Die Schüler, denen sie das erzählt, – sie sind meist selbst etwa 13 bis 15 Jahre alt – blicken betroffen.

Vom Schicksal ihrer Eltern erfuhr Edwards, die bei einem jungen jüdischen Ehepaar in Coventry aufgenommen wurde, erst nach dem Krieg. Ihr Traum, in Großbritannien weiter die Schule besuchen zu können, erfüllte sich nicht. Ihre Gasteltern waren nahezu mittellos und konnten das Schulgeld nicht finanzieren. Wenn nicht ihr Bruder überlebt hätte – Edwards wäre wohl nicht nach Deutschland zurückgekehrt. So aber arbeitete sie zwei Jahre lang bei der amerikanischen Militärverwaltung – erst in Esslingen, dann in Frankfurt.

Hass ist sinnlos

„Ich habe aber nie zu erkennen gegeben, dass ich Deutsch sprach“, sagt die alte Frau mit dem wachen Blick. Damals sei ihr bei jedem Deutschen der Gedanke durch den Kopf geschossen: Hat der meine Mutter ermordet? „Inzwischen ist es ganz anders. Von der Generation (der Täter) ist ja keiner mehr da“, betont sie. „Es hat ja keinen Sinn, noch irgendwelchen Hass zu haben, aber damals war es sehr schwer.“

Sie hat schon mehrfach an Begegnungen teilgenommen, die das Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“ organisiert – so auch das Treffen in der Heinrich von Gagern-Schule. Auch an der Frankfurter Schule, an der in den vergangenen Jahren immer wieder Zeitzeugen und auch ehemalige Schüler der Samson-Raphael-Hirsch-Schule zu Schülern sprechen, hat sich einiges verändert, wie Schulleiter Thomas Mausbach sagt, der hier auch seine erste Stelle als junger Lehrer hatte. „Damals haben die Lehrer nicht viel über die Vergangenheit erzählt“, erinnert er sich. „Und manche haben geradezu abfällig gesagt: Hier war mal eine Judenschule.“

Mausbach meint, kein Lehrbuch könne so eindrücklich sein, wie ein Gespräch mit Zeitzeugen. „Bei den Schülern stößt das auf großes Interesse“, bestätigt Iris Hofmann. Die Geschichtslehrerin organisiert schon seit mehreren Jahren solche Begegnungen. Auch als Edwards und Stein von ihrer Kindheit und den Erlebnissen in Großbritannien und im Nachkriegsdeutschland berichten, sind die Jugendlichen aufmerksam, einige machen sich Notizen.

„Haben Sie einmal Hitler gesehen?“, will ein Junge wissen. „Hätten Sie mit Ihren Kindern Deutsch gesprochen?“, fragt eine Schülerin. „Natürlich“, versichert Lee Edwards. „Mein Mann und ich haben immer ein deutsch-englisches Kauderwelsch zusammen gesprochen. Und hätte ich Kinder gehabt, hätte ich auch mit ihnen Deutsch gesprochen.“

Doch so kurz nach dem Krieg wollten die junge Frau und ihr Mann, ein deutscher Jude, der nach Großbritannien geflohen und im Krieg bei der britischen Armee war, so weit weg von Europa wie nur möglich. Nach mehreren Jahren in Kanada erhielten sie das ersehnte Visum für die USA und fanden in Kalifornien eine neue Heimat. Doch mit ihrer in Frankfurt lebenden Großnichte hält Edwards regelmäßig Kontakt.

Ein Denkmal wäre schön

Mit anderen ehemaligen Teilnehmern der Kindertransporte traf die kleine Frau vor einigen Jahren in London noch mal zusammen – damals waren auch zwei ihrer einstigen Frankfurter Mitschülerinnen mit dabei. „An der Liverpool Station, wo die ganzen Züge aus (dem Fährhafen) Harwich ankamen, steht heute ein Denkmal zur Erinnerung an die Kindertransporte“, erzählt sie. „Es wäre schön, wenn es auch hier in Frankfurt so ein Denkmal gäbe.“ Edwards ist fast 80 Jahre nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland voller Sorge, wenn sie die Zunahme rechtpopulistischer und nationalistischer Parolen beobachtet.

„Wir haben jetzt überall auf der Welt Probleme mit rechtsstehenden Politikern“, sagt sie kopschüttelnd. „Die ganze Welt geht verrückt.“ Ihr bereitet Marine Le Pen in Frankreich Unbehagen, aber auch US-Präsident Donald Trump mit seinem Slogan „America First“. „Ich könnte die deutsche Staatsbürgerschaft kriegen, wenn es brenzlig würde in Amerika“, erzählt sie den Frankfurter Schülern. „Aber ich hoffe, ich brauche das nicht. Es wäre doch ironisch wenn ich als Jüdin zurückkommen müsste, um sicher zu sein.“

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