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Historie: Der „Brückenkeller“: Zu Besuch im Frankfurt unter Frankfurt

Von Im Zweiten Weltkrieg wurde das alte Frankfurt zerstört. Unter der Erde ist es aber noch zu entdecken, zahlreiche historische Keller sind trotz Bombenhagels erhalten geblieben. Eine Entdeckungsreise.
Der Frankfurter Brückenkeller war einst ein beliebtes Sterne-Lokal, in dem sich die Hautevolee der Stadt traf. Heute wird dort immer noch edel diniert, aber nur noch in geschlossener Gesellschaft auf Vorbestellung. Bilder > Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA Der Frankfurter Brückenkeller war einst ein beliebtes Sterne-Lokal, in dem sich die Hautevolee der Stadt traf. Heute wird dort immer noch edel diniert, aber nur noch in geschlossener Gesellschaft auf Vorbestellung.
Frankfurt. 

Wie alt ist das historische Lokal „Brückenkeller“ wirklich? Eine Frage, die auch der Inhaber Michael Wehle nicht so einfach beantworten kann. „Die Heiligenfiguren in den Gewölbenischen sind rund 350 Jahre alt und aus einem Stück Holz geschnitzt, das hat uns der Restaurator bestätigt“, sagt er. „Doch das Weinhaus, auf das unser Lokal zurückgeht, existiert nach urkundlichen Belegen seit 1652.“ Nach Untersuchungen des Frankfurter Denkmalamts und des Labors der Bauforschung der Hochschule Rhein-Main dürften die hohen Kellerräume jedoch im Jahr 1825 errichtet worden sein.

Ein Widerspruch? Keineswegs, denn Frankfurts Keller erzählen ihre eigenen Geschichten. Sie können wesentlich älter oder auch jünger als ihre namensgebenden Gebäude sein, die ihren historischen Ursprung möglicherweise in der Nachbarschaft haben. Und sie bleiben in vielen Fällen über lange Zeit der Öffentlichkeit verborgen. Deshalb lud das „Kuratorium Kulturelles Frankfurt“ der Stiftung Polytechnische Gesellschaft unter dem Motto: „Die Treppe ist ja noch da“ rund 100 Gäste zur Spurensuche in den Brückenkeller.

Private Schatzkammer

„Keller und Speicher sind ja eigentlich Privateigentum, dort lagern ganze Familiengeschichten“, betonte Stefan Timpe vom Frankfurter Denkmalamt. Sicher gibt es Ausnahmen, vor allem wenn es um Gastronomie, Ladengeschäfte oder Kellertheater geht. Der Brückenkeller in der Schützenstraße 6, der unter dem heutigen Namen zur Eröffnung der neuen Alten Brücke 1926 in Betrieb ging, gehört ebenso dazu wie der mehr als 250 Jahre alte Keller unter dem Rokokohaus mit „Eberts Suppenstube“ in der Großen Bockenheimer Straße 31 oder der rund 150 Jahre alte Keller im Haus Luginsland 1, in dem früher das „Resistenztheater Die Maininger“ beheimatet war.

„Oft befinden sich historisch wertvolle Keller unter unscheinbaren und für den Denkmalschutz wenig interessanten Gebäuden“, erklärte Timpe weiter. Die Entdeckung eines solchen Falles löste im Fischerfeldviertel, das im Krieg bis auf wenige Ausnahmen zerstört und modern wiederaufgebaut wurde, eine große Bestandsaufnahme aus: Vor sechs Jahren plante ein Investor dort Abriss und Neubau eines Gebäudes, doch für den Keller wurde eine archäologische Voruntersuchung angesetzt. Nachdem dort wertvolle alte Bausubstanz zutage kam, wurden mit dem Labor für Bauforschung der Hochschule Rhein-Main im Quartier rund 20 Kelleranlagen mit einer Fläche von insgesamt 1500 Quadratmetern eingemessen und klassifiziert.

Zum Vorschein kamen Fischereigewölbe, Weinkeller und auch Luftschutzräume, die ältesten dürften im Ursprung auf die Zeit des Hauses der Schützengilde aus dem 16. Jahrhundert zurückgehen, das der Schützengasse ihren Namen gab. „Vermessen wurde mit einem Tachymeter, unsere Studenten mussten aber auch lernen, wie man das mit einem Zollstock macht“, berichtete Falko Ahrendt-Flemminig, Ingenieur der beteiligten Hochschule. Doch wie bestimmt man das Alter von Bausteinen, wenn es im Gegensatz zu Holz kein vergleichbares Verfahren wie die Dendrochronologie, also die Analyse mit Jahresringen, gibt?

„Man orientiert sich an der Höhe und Form von Kellerbögen, Gewölbekonstruktionen, Fenstern und Belichtungsöffnungen“, erläuterte Ahrendt-Flemming. Manchmal hilft die Bestimmung des Mörtels, viel hängt jedoch von der Erfahrung und richtigen Interpretation des Bauumfeldes ab. Und natürlich von der Geschichte der Hausbewohner und Geschäftsleute, die den Keller benutzen. So kann Michael Wehle die Vorgeschichte des Brückenkellers bis zu den Familien La Roche und Allinger aus Goethes Zeiten zurückführen.

Wie zu Goethes Zeiten

„Mit Franz Albert und meinem Vater Hans Wehle übernahm dann meine Familie ab 1926 das Lokal“, berichtete er. Er zeigte vier hohe Kellerräume mit Holzfässern, barocken Heiligen und eine Probierstube, die an Auerbachs Keller aus Goethes Faust erinnern. 1987 und 1991 erkochten sich Hans Haas und Alfred Friedrich im nobel eingerichteten Keller Michelin-Sterne, 2001 erfolgte die Umstellung von einem offenen Lokal in ein Veranstaltungshaus mit hochwertigem Wein und Abendessen auf Vorbestellung, ein Zugeständnis an die heutige flexible Geschäftswelt.

Aus den 1820er Jahren stammen ältere Pläne und Zeichnungen der Fischereigewölbe unter der Alten Brücke wenige Meter weiter. Auch ein noch älteres Weinhaus, auf das der Brückenkeller zurückgeht, könnte es gegeben haben, räumte Timpe ein. Aber möglicherweise nicht exakt an der gleichen Stelle, sondern in der nahen Nachbarschaft.

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