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Zum Tafeln auf den Turm

Früher ein Teil der Stadtbefestigung, heute ein Lokal: der Eschenheimer Turm. Im historischen Kaminzimmer kann man in der Wintersaison ein Stück Frankfurter Geschichte beim Essen kennenlernen.
Sebastian Rach zeigt die Glocke in der Turmspitze. Sebastian Rach zeigt die Glocke in der Turmspitze.
Innenstadt. 

Aufzug? - Fehlanzeige. Wer im Kaminzimmer des 600 Jahre alten Eschenheimer Turms speisen will, lässt die Gegenwart schon im Erdgeschoss zurück und steigt eine lange Wendeltreppe empor. Ist er oben – im zweiten Stock – angelangt, wird er belohnt durch den Blick in ein von Kerzenleuchtern erhelltes und mit Familienwappen und Gemälden gesäumtes Turmzimmer. In der Mitte des Raumes steht eine lange Tafel mit historisch anmutenden Stühlen. Der namensgebende Kamin darf allerdings aus Brandschutzgründen nicht mehr beheizt werden. Ein moderner Aufsatz lässt aber dennoch ein schlankes Feuer brennen.

"Das Zimmer ist denkmalgeschützt und so haben wir hier nur die Einrichtung verändert", sagt Yaniv Ferster, der zusammen mit seinem Partner Nir Rosenfeld in dem gotischen Gemäuer das neu eröffnete internationale Restaurant "Eschenheimer" (früher Tower Bar) betreibt. Das Mobiliar wurde nach historischen Vorbildern handgefertigt. Auf der Speisekarte stehen Fleisch vom heißen Stein, kleine Gaumenfreuden zum Wein oder auch belegte Baguettes. Das Kaminzimmer lässt sich auch für Feiern buchen und bietet Platz für maximal 30 Personen. In einem Séparée gibt es einen Tisch für Zwei. Wer dort am Valentinstag speisen will, muss zeitig planen – der romantische Platz ist Monate im voraus ausgebucht.

Früher bewohnt

Jeder Besuch wird ein Ausflug in Frankfurts Geschichte. So ruft ein Schild die Sage von Hans Winkelsee ins Gedächtnis. Dieser mittelalterliche Wilddieb, der unbelehrbar im Frankfurter Forst jagte, was nur dem Adel gestattet war, sollte im Jahr 1550 gehängt werden. Doch er ging auf einen Handel mit dem Stadtrat ein: Wenn er es schaffe, eine perfekte Neun in die Wetterfahne des Turmes zu schießen, käme er frei. Der Sage zufolge gelang dem Frankfurter Bürger das schwierige Kunststück, er entkam dem Galgen.

Ruth Schwarz hat den Eschenheimer Turm noch als Wohnhaus kennengelernt: Im Kaminzimmer lebten einst ihre Großeltern, die nach dem ersten Weltkrieg aus Ostpreußen nach Frankfurt geflohen waren. Sie selbst bewohnte mit ihren Eltern die obersten Stockwerke. Noch heute besucht die 87-Jährige gern "ihr Türmchen".

Der ehemalige Wohntrakt ist nicht offiziell begehbar. Doch Gäste des Kaminzimmers gelangen mit etwas Glück in den Genuss einer Führung durch den gesamten Turm, mit Ausnahme des obersten Stockwerkes unterm Dach. Je weiter es – nur von mattem Kerzenschein erleuchtet über knarzende Holztreppenstufen, in denen nicht selten einige Löcher klaffen – nach oben geht, desto näher kommt man den Zeiten, in denen der Eschenheimer Torturm Teil der ab 1333 errichteten Stadtbefestigung war. "Das gilt übrigens nicht für die Warten, diese waren Wehrtürme außerhalb des Stadtgebietes", erklärt Sebastian Rach, Freund und Mitarbeiter von Yaniv Ferster.

Geister und Vorräte

Aus dieser Zeit stammt auch die im obersten begehbaren Stockwerk errichtete Glocke, die als Warnsignal für die Frankfurter diente. Eine Etage tiefer befindet sich das ehemalige Gefängnis, das später als Vorratskammer diente. Der Besucher wäre nicht überrascht, wenn ihm hier ein Gespenst begegnete. "Horchen Sie mal", sagt Sebastian Rach, doch statt Kettenrasseln hört man schlichtweg gar nichts. "Die Gefangenen waren so weit oben postiert, damit man ihre Schreie nicht hören konnte", erklärt er.

Ganz oben liegt die Wohnung, in der Ruth Schwarz gelebt hat. Im Eingangsbereich befindet sich eine Feuerstelle, dahinter ein Wohnraum und über eine Treppe gelangt man ins ehemalige Schlafzimmer. Herrlich ist der Ausblick über Frankfurt.

Mit 47 Metern und acht Stockwerken war der Eschenheimer Turm das erste Hochhaus der Stadt. Seine rötliche Farbe hat er durch den Sandstein enthaltenen Verputz erhalten. Er überdauerte den Zweiten Weltkrieg: "Beim Bombenabwurf wurde er wohl als Orientierungspunkt genutzt", sagt Rach. Auf Bemühung von Ruth Schwarz wurde der Turm in den siebziger Jahren renoviert.pio

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