Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 16°C

Kapitäne, Hafenarbeiter und „Schleuser“ im Osten: Zwischen Muße und Maloche fließt der Main

Frankfurter lieben den Main, kommen ihm nahe, wenn sie eine Pause brauchen, laufen seine Ufer ab. Fotos sind schöner, wenn der Fluss darauf blinkt. So sind unser Reporter Marcus Reinhardt und die Fotografen Rainer Rüffer und Leonhard Hamerski zum Spaziergang aufgebrochen. Acht Etappen absolvieren sie. Heute: Kapitäne, Hafenarbeiter und „Schleuser“ im Osten.
Kranführer Hasan Akgüc entlädt einen Frachter in einem Hafenbecken des Frankfurter Osthafens. Sein Arbeitsplatz in der kleinen Kanzel schwebt etwa 20 Meter über dem Boden. Foto: Rainer Rüffer Kranführer Hasan Akgüc entlädt einen Frachter in einem Hafenbecken des Frankfurter Osthafens. Sein Arbeitsplatz in der kleinen Kanzel schwebt etwa 20 Meter über dem Boden.
Frankfurt. 

Nirgends in Frankfurt sind die Mainufer gegensätzlicher als zwischen der Carl-Ulrich- und der Osthafenbrücke. Das Yin und Yang des Flusses heißen hier Arbeit und Freizeit. Im Frankfurter Osthafen wird geschuftet. Auf der Südseite treten sich die Jogger fast in die Hacken und andere nehmen noch einen Schluck vom kühlen Getränk.

Der grünlackierte Kran-Koloss sitzt auf Schienen. Während eines Sturms hat er sich darum schon mal auf „Wanderschaft“ gemacht... Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Der grünlackierte Kran-Koloss sitzt auf Schienen. Während eines Sturms hat er sich darum schon mal auf „Wanderschaft“ gemacht...

Ob man in Frankfurts größten Hafen gehört, lässt der 140 Hektar große Industriedschungel den arglosen Besucher sofort spüren. Einfach den Main entlang zu flanieren, das funktioniert hier nicht. Wege führen hunderte Meter zwischen riesigen Hallen und weiß-grauen Mauern entlang, um plötzlich in Sackgassen zu enden. Von den rund 8000 Hafenarbeitern sieht man nicht viele auf den staubigen Straßen. Brummende Motoren und kreischende Maschinen verraten aber, dass sie da sind. Trifft man einen von ihnen, zieht er skeptisch die Augenbrauen zusammen, öffnet die Tür seines Baggers und fragt: „Na, wo wollen Sie denn hin?“. Hafenarbeiter wissen, wer auf die andere Seite gehört.

Ein Koloss aus Stahl

Hasan Akgüc ist ein solcher Arbeiter. Seit 29 Jahren entlädt der Kranführer Frachter am nördlichen der beiden Hafenbecken. Das kleine Führerhaus aus Glas und Metall hängt 20 Meter über dem Boden. Es ruckelt kräftig, wenn der grüne Koloss das Sand-Kies-Gemisch nach oben hebt. Der Greifer schwenkt über das Betriebsgelände, öffnet sich und die Lawine geht hernieder. Dass Akgüc den Kran auf Schienen vor und zurück fahren kann, wäre ihm einmal fast zum Verhängnis geworden.

Im Sturm gefangen

Ein Sturm – es war wohl das Orkantief Jeanett – habe im Jahr 2002 den Osthafen verwüstet. Sogar Container-Türme seien damals umgestürzt, erzählt Akgüc, und dass er damals in der Krankabine festgesessen habe. „Es wurde schlagartig dunkel und Holzlatten wirbelten durch die Luft.“ Der Wind habe den Stahlrahmen des Krans verzogen, die Tür ließ sich nicht mehr öffnen. Akgüc war eingesperrt. Egal, wie sehr er an den Hebeln zog: der Sturm schob ihn und sein Gefängnis bis zum Ende der Schienen – und darüber hinaus.

Kapitän Hüseyin Akca ist mit der Rahnhard-Waibel-Senior auf Rhein und Main zwischen Dalhunden in Frankreich und dem Osthafen unterwegs. Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Kapitän Hüseyin Akca ist mit der Rahnhard-Waibel-Senior auf Rhein und Main zwischen Dalhunden in Frankreich und dem Osthafen unterwegs.

Akgüc spricht salopp über die dramatische Geschichte. Viel mehr interessieren den 54-jährigen Frankfurter die Kameras unseres Fotografen. Er liebt Landschaftsfotografie. Die beiden Fachmänner tauschen sich über technische Details dieser und jener Kameraserie aus. Akgüc findet, dass . . . Stopp! „Wie haben Sie den Sturm überlebt?“ „Achso“, sagt Akgüc beiläufig. „Der Kran zerquetschte einen Stahlcontainer. Ein Betonpfeiler brachte ihn dann schließlich zum Stehen.“ Normalerweise sei seine Arbeit ruhig, sagt der Kranführer. Sieben Stunden brauche es heute, 4000 Tonnen Fracht zu entladen.

Von der Familie getrennt

Die Mannschaft der „Rahnhard-Waibel-Senior“ schrubbt derweil das Deck. Drei Wochen am Stück ist sie auf Rhein und Main zwischen Dalhunden in Frankreich und dem Osthafen unterwegs. Eine Fahrt dauert 18 Stunden. So könne man regelmäßig an Land gehen und hocke nicht zu sehr aufeinander, sagt Kapitän Hüseyin Akca. In einem alten Polo-Shirt, Tennissocken und löchrigen Hausschuhen lehnt er an der Steuerkonsole und erzählt vom Leben eines Binnenschiffers. Er ist 33 Jahre alt. Schon mit 27 wurde er Kapitän. Drei Wochen von seiner Familie in Kelsterbach getrennt zu sein, sei schwer. Andererseits: Nach einer solchen Tour habe er drei Wochen frei. Da habe er viel Zeit, um zu lesen, im Garten etwas zu erledigen und vor allem für seine Tochter da zu sein.

Akca ist stolz auf seine Arbeit. Er zeigt auf die Frankfurter Hochhäuser. „Wir liefern das Material, aus dem Frankfurt gebaut ist.“ Er sagt auch, was man von allen hört, die in der Binnenschifffahrt arbeiten: „Für die Menge, die wir zu fünft transportieren, bräuchte man hundert Lastkraftwagen und ebenso viele Fahrer. Das ist gut für die Umwelt.“ Dennoch träumt er davon, Kapitän eines Passagierschiffs zu sein. Wegen der weißen Uniformen, die er dann trüge.

Die Skyline ist grandios: Doch im Rudererdorf Oberrad haben die Anfänger beim Steh-Paddling (fast) nur Augen für ihren Trainer Jörg Apel. Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Die Skyline ist grandios: Doch im Rudererdorf Oberrad haben die Anfänger beim Steh-Paddling (fast) nur Augen für ihren Trainer Jörg Apel.

Dass der Main überhaupt schiffbar ist, liegt an 34 Staustufen. Jene in Offenbach steuert Jürgen Galb. Irgendwie scheint der Job des Schichtleiters aus klassischen Filmszenen zusammengesetzt. Einer der Bildschirme könnte einer Krankenhausserie entnommen sein. Anhand dreier gezackter Linien überwacht Galb jedoch keine Herzfrequenz, sondern den Fluss-Pegel.

Der Wasserstand in der Fahrrinne darf sich nicht niedriger als 2,90 Meter senken und nicht über fünf Meter steigen, denn die Schiffe müssen unter den Frankfurter Brücken hindurch schwimmen. Mit Kameras überwacht er die Schleuse. Galb strahlt Ruhe aus. Passiert ein Schiff die Staustufen in Mühlheim oder Griesheim, taucht es auf einem der Monitore auf. Wortlos drückt er die Knöpfe, mit denen er eine der beiden Schleusenkammern vorbereitet. Mit seinem ausgeglichenen Naturell ist er auf südlichen Mainufer, wo sein Kontrollraum liegt, richtig. Am Ufer rechts und links versuchen viele, so entspannt zu werden wie er.

Gänse und Schafe

Flussaufwärts, im Lokal „Hafen 2“ unterhalb vom Nordring am Offenbacher Mainufer, ist der Frankfurter Osthafen eine urbane Kulisse. Abends spielen hier oft Bands oder das Freiluftkino zeigt Filme. Ann-Christin und Sina trinken einen Kaffee, ihre Kinder spielen und beobachten Gänse und Schafe. „Hier ist es wie Urlaub: Sand, Wind, Wasser“, sagt Ann-Christin.

Derweil wagt im Rudererdorf Oberrad eine Gruppe um Trainer Jörg Apel erste Steh-Paddling-Versuche. Ein Frachter fährt vorbei. Apel erklärt, dass die Schiffe keine großen Wellen verursachen. Kapitän Akca sieht den Menschen auf dem Main und am Ufer gern zu. Besonders am Osthafenpark habe sich viel getan. Dorthin führt unsere Mainserie nächste Woche.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse